Streitbar : Die Show der beiden Freunde

Darauf ein Gläschen Champagner: Russlands Staatschef Wladimir Putin (re.) und der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach als ziemlich beste Freunde.
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Darauf ein Gläschen Champagner: Russlands Staatschef Wladimir Putin (re.) und der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach als ziemlich beste Freunde.

Die olympischen Spiele von Rio machen keinen Spaß, weil Funktionäre und Politiker die Ideale verkauft haben, analysiert Jan-Philipp Hein

Diese Olympischen Spiele machen keinen Spaß. Klar: Beim ganz großen Sport ist immer viel Show dabei. Profifußballer, die heute ihre unerschütterliche Liebe zum aktuellen Arbeitgeber gestehen, können schon am Tag drauf und ohne mit der Wimper zu zucken im Trikot des Erzrivalen auflaufen. Es geht beim Spitzensport um Geld. Um sehr viel Geld sogar. Tennisspieler, Leichtathleten oder Basketballer sind nicht nur Projektionsflächen ihrer Fans, sondern auch „Markenbotschafter“ und „Testimonials“. Das ist auch völlig in Ordnung so. Wir Zuschauer drücken gerne die Augen zu und lassen uns auf die Show ein. Ob Abstiegskampf oder Champions League-Endrunde – Sport kann beste Unterhaltung sein, auch wenn Millionensummen bewegt werden.

Doch was das Internationale Olympische Komitee dem Publikum mit seinen Spielen von Rio de Janeiro zumutet, ist zu viel. Diese Spiele sind nicht mehr nur eine Show oder Theater, sie sind auch nicht etwas verlogen, sie sind widerlich. Was Athleten und Zuschauer derzeit ertragen müssen, ist eine gigantische Täuschung. Jeder weiß es und dennoch findet die Inszenierung statt. So etwas kennt man aus Diktaturen, wo Scheinwahlen abgehalten werden und hinterher gelenkte Medien eine angebliche Sternstunde der Demokratie feiern und den Willen des Volkes beschwören. Solche Veranstaltungen haben etwas Entwürdigendes. Sie beschämen das Publikum, sie beschämen die Aktiven, sie beschämen im Falle der Olympischen Spiele sogar die ganze Welt. Beispiel Schwimmen: Nach dem Finale der Frauen über 100 Meter Brust spielten sich peinlichste Szenen ab. Statt sich über ihre Goldmedaille zu freuen, war die Siegerin des Rennens, die Amerikanerin Lilly King, damit beschäftigt, die Glückwünsche der Zweitplatzierten abzuwehren.

Die Russin Julija Jefimowa war erst im März nach einer positiven Dopingprobe gesperrt worden; innerhalb von drei Jahren zum zweiten Mal. Ihr Startrecht für die Olympischen Spiele hatte sie sich erklagt. Auch für die russische Athletin selbst war der Gewinn ihrer Silbermedaille eine Zumutung. Jefimowa brach wegen der ihr gezeigten Abneigung durch Konkurrentinnen und das Publikum in Tränen aus und hatte Mühe, die Siegerehrung und die anschließenden Interviews auszuhalten. Während des Rennens verlor auch der ZDF-Kommentator die professionelle Fassung und empörte sich über das, was er sehen und begleiten musste. Ein Tiefpunkt in der olympischen Geschichte.

Die Dramaturgen dieser absurden Show heißen Wladimir Putin und Thomas Bach. In Putins lupenreiner Diktatur beteiligen sich staatliche Stellen daran, Sportler zu dopen und die Dopingkontrolleure zu überlisten. Sogar der Inlandsgeheimdienst FSB, Nachfolger des berüchtigten KGB, war mit der Manipulation der Dopingproben betraut. Das russische Sportministerium leitete die Betrügereien rund um die Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Sotschi. So wurde die Russische Föderation Spitzenreiter im Medaillenspiegel. Das alles weiß die Welt, seit der kanadische Jurist Richard McLaren den nach ihm benannten Report zum russischen Staatsdoping im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) vorgestellt hat.

Weil in diesem einmaligen Fall nachgewiesen wurde, dass und wie der Staat seine Athleten dopte und das Kontrollsystem gezielt ausschaltete, konnte es nur eine Konsequenz geben: den Ausschluss Russlands von den Olympischen Spielen. So erwarteten es die meisten Beobachter, nachdem der McLaren-Report mit seinen detaillierten Feststellungen wenige Wochen vor der Eröffnungsfeier auf den Markt kam. Doch in Bachs lupenrein verdrecktem IOC fand man einen Weg, Putin, dem ein gutes Verhältnis zu Bach nachgesagt wird, nicht zu enttäuschen. Trotz des nachgewiesenen staatlichen Betrugs wurde die russische Mannschaft nicht komplett von den Spielen ausgeschlossen. Stattdessen darf sogar der größte Teil der Sportler an den Start gehen. Von ursprünglich geplant 389 Athleten reisen immerhin 271 nach Brasilien. Lediglich die Leichtathleten wurden komplett gesperrt.

Und noch jemand: Whistleblowerin Julia Stepanowa. Die Läuferin, die selbst gedopt war (oder wurde), hat ihre Sperre bereits verbüßt. Sie hatte maßgeblich und unter Einsatz ihres Lebens dazu beigetragen, dass der staatliche Dopingring aufflog. Dennoch, und das ist ein gewaltiger Skandal, befand das IOC unter seinem Präsidenten Bach, erfülle sie nicht die „ethischen Voraussetzungen“ für einen Start bei den Olympischen Spielen. Ihre Teilnahme hätte das Alpha-Männchen Wladimir Putin besonders gedemütigt. Davor hat Bach ihn bewahrt.

Dass es auch anders gegangen wäre, bewies das Internationale Paralympische Komitee unter seinem Präsidenten Sir Philip Craven. Er empfinde „nichts als Ekel“ für das Staatsdopingsystem, sagte Craven und suspendierte das Russische Paralympische Komitee. Putins Paralympioniken können also nicht bei den Paralympics antreten. Sportminister Witalij Mutko, dessen Behörde eine herausgehobene Rolle beim Betrügen spielte, kündigte bereits einen Einspruch gegen diese Entscheidung an. Craven, so sieht es derzeit aus, wird hart bleiben: Fairplay sei das Fundament des Sports, sagte er. Lasse man damit nach, „sind wir erledigt“.

Doping ist natürlich kein russisches Phänomen. Während dieser Spiele werden wir auch überführte Sportler anderer Nationen bei den Wettkämpfen sehen, etwa den US-Amerikaner Tyson Gay, der 2013 erwischt und für ein Jahr gesperrt wurde. Seine Mannschaftskollegin Lilly King, die nach ihrem Schwimm-Olympiasieg der russischen Konkurrentin Jefimowa keinen Blick gönnte, empörte sich auch über dessen Teilnahme und die des US-Dopingsünders Justin Gatlin, der wahrscheinlich einer der Hauptwidersacher des Sprintstars Usain Bolt sein wird. Während russische Sportler, die sich kritisch über die eigene Mannschaft äußern, mit dem Schlimmsten rechnen müssen, knöpft sich King ihre Teamkameraden sogar im Interview mit Journalisten vor. Dass Sportler eines Teams gedopt sind, kann kein Nationales Olympisches Komitee dieser Welt mit absoluter Sicherheit ausschließen. Aber die Welt darf erwarten, dass jeder Nationalverband alles unternimmt, um es auszuschließen. Dass Russland nicht nur wegsah, sondern das Doping organisierte, ist unglaublich genug. Dass das Internationale Olympische Komitee diese staatlich organisierte Kriminalität nicht entschieden unterband, sondern Wege eröffnete, dennoch an Olympia teilzunehmen, macht diese Spiele so wertlos für Zuschauer und Teilnehmer.

Fatal daran ist außerdem, dass Putin mal wieder mit krummen Methoden durchgekommen ist. Der russische Präsident kann so seinem Heimatpublikum über die gesteuerten Massenmedien eine sehr einfache Botschaft übermitteln: Die Welt hält uns nicht auf! Wer in Russland daran glaubte, dass es außerhalb von Putins Reich wenigstens etwas besser, etwas transparenter und etwas gerechter zugeht, muss jetzt davon ausgehen, dass das nicht so ist. So untergräbt das Internationale Olympische Komitee nicht nur seine eigenen Ansprüche, sondern auch die der Opposition in Russland und von Demokraten auf der ganzen Welt. Sport ist manchmal viel mehr als Unterhaltung.

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