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Kampagne gegen das Rauchen : Die nächsten Ekelbilder

vom
Aus der Onlineredaktion

Ab Mai werden noch abstoßendere Fotos auf Zigarettenschachteln gedruckt. Hilft Schocktherapie wirklich?

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2017 | 21:00 Uhr

Die Schachtel mit den Erektionsstörungen und dem Aufdruck „Rauchen bedroht Ihre Potenz“ ist besonders beliebt. Das wird auch bei der neuen Serie so sein, die ab Frühjahr in die Läden kommt: Rauchende Mama mit Kind im Arm, ein viel zu früh geborenes Baby, der Blick in einen verfaulten Unterkiefer. Was schockierend wirken soll, findet bei manchen Jugendlichen reißenden Absatz: Die Schachteln gelten als Sammlerobjekte. Das hatte die EU-Kommission allerdings nicht gewollt.

Seit Mai 2016 müssen diese medizinisch korrekten Abbildungen auf Tabakprodukte gedruckt werden. 42 solcher Motive hat die Brüsseler EU-Kommission unter ärztlicher Beratung und mit dem Einverständnis der gezeigten Personen ausgewählt. Jeweils 16 Motive sind für ein Jahr vorgeschrieben, dann folgt die nächste Bilder-Gruppe, um ein Abstumpfen zu verhindern. Im Mai stehen also neue Schockfotos an. 600 000 Euro kostet die Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hat, vor allem Kinder und Jugendliche vom Griff zum Glimmstängel abzuschrecken.

Dabei ist die Wirkung der drastischen Abbildungen durchaus umstritten. Experten gehen heute davon aus, dass die Zahl der Raucher auch ohne den Blick auf verstopfte Arterien zurückgeht. Laut Bundesgesundheitsministerium qualmten die Bundesbürger 1995 noch 16 Zigaretten am Tag, inzwischen sind es noch neun bis zehn. Hinzu kommen die Einflüsse neuer Trends: E-Zigaretten erwecken zumindest den Anschein, gesünder zu sein. Und bei Jugendlichen sind Wasserpfeifen und Shisha weiterhin im Kommen. Die Gewohnheit verlagert sich nur.

 
  Foto: EU

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2016 deutlich weniger Zigaretten produziert als 2015: Für 75 Milliarden wurden Steuermarken bestellt – das waren 7,7 Prozent oder 6,3 Milliarden Stück weniger als noch 2015. 1991 waren es doppelt so viele. Doch die Statistik könnte täuschen. Die Hersteller hatten nämlich in Erwartung der europäischen Tabakrichtlinie große Mengen an Rauchwaren vorproduziert, die in neutralen Schachteln noch abverkauft werden durften.

Dass die neuen Warnhinweise wahrgenommen werden, zeigen Erfahrungen einer ganz anderen Stelle: Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung explodierte die Zahl der monatlichen Anrufe von 1000 auf 5700. Sie suchen Hilfe bei der Entwöhnung – die Rufnummer der Gesundheitsexperten findet sich auf den Zigarettenverpackungen. „Die Schockbilder sind es mit Sicherheit nicht allein, aber sie können einen Baustein bilden“, betont der Suchtexperte Rainer Thomasius vom Universitätskrankenhaus in Hamburg-Eppendorf. Demnach lassen sich vor allem Kinder und Jugendliche von den Ekelbildern abschrecken. Schließlich wissen die Mediziner: Wer bis zu seinem 24. Lebensjahr nicht vom blauen Dunst abhängig geworden ist, greift in der Regel später nicht mehr zum Tabak. Allerdings können die Experten auch belegen, dass „der Einfluss der Familie, des Freundeskreises und der Schule entscheidend ist“, wie Thomasius sagte. Möglicherweise sogar wichtiger als schockierende Fotos.

 

Kommentar: „Rauchzeichen“ – von Detlef Drewes
Die Bastion der Raucher wurde keineswegs geschliffen. Weder die Verbannung aus Restaurants und öffentlichen Gebäuden, noch die tägliche Konfrontation mit schwarzen Lungenflügeln hat zu einer eklatanten Abkehr von Tabakprodukten geführt. Das ändert dennoch nichts daran, dass Kampagnen wie die Verbreitung von Ekelbildern auf den Verpackungen sinnvoll sind. Denn sie sind ganz offensichtlich durchaus geeignet, junge Menschen vom Rauchen abzuhalten. Doch es reicht nicht, Zigaretten als Gesundheitskiller zu brandmarken. Denn so lange es Alternativen gibt, deren Risiko geringer zu sein scheint, weichen die Betroffenen dorthin aus. Das ist kein gutes Zeichen. Denn es dokumentiert, dass man den Rauchern bisher nicht genug gezeigt hat, wie sie Situationen, in denen sie zur Fluppe greifen, anders bewältigen könnten.


 

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