Bundestag entscheidet über Sterbehilfe : „Die Meisten hängen am Leben“

Der Bundestag will am 6. November die umstrittene Reform der Sterbehilfe beschließen.
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Der Bundestag will am 6. November die umstrittene Reform der Sterbehilfe beschließen.

Schon heute gibt es zahlreiche Möglichkeiten, unheilbar Kranken Leiden zu ersparen – doch selbst vielen Medizinern sind sie nicht bekannt

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05. November 2015, 12:00 Uhr

Jeder muss sterben. Keiner will es. Fast keiner: Menschen, die sehr alt, sehr einsam oder sehr krank sind, wünschen sich manchmal nichts sehnlicher, als endlich sterben zu dürfen – ohne zu leiden. Ein Wunsch, der die Gesellschaft spaltet. Seit Monaten beschäftigt die Debatte um Sterbebegleitung und Sterbehilfe auch den deutschen Bundestag. Heute und morgen wollen die Abgeordneten ihre Entscheidung fällen.

Auch Praktiker sind sich uneins darüber, wie künftig mit Sterbenden umgegangen werden soll. Barbara Annweiler, die als Oberärztin die Palliativstation an den Schweriner Helios Kliniken und darüber hinaus ein Team zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) leitet, sagt zum Beispiel zur politischen Debatte über den Umgang mit Sterbenden: „Wir brauchen zuerst einmal eine Intensivierung der Sterbebegleitung.“

Seit 2007 haben Schwerstkranke und Sterbende einen Rechtsanspruch darauf, dass ihnen zu Hause ein menschenwürdiges Leben bis zum Tod ermöglicht wird. Doch Rechtsanspruch und Wirklichkeit klaffen, wie so oft, weit auseinander. Während nur sechs Prozent der Deutschen ihre letzte Lebensphase im Krankenhaus verbringen möchten, stirbt tatsächlich fast jeder zweite Mensch in Deutschland in einer Klinik. Diese Zahlen hat die Bertelsmann Stiftung zu Wochenbeginn veröffentlicht.

Fast 90 Prozent aller Menschen brauchen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin am Lebensende eine palliative Begleitung. Doch im Jahr 2014 hatten lediglich knapp 30 Prozent der Verstorbenen sie tatsächlich erhalten.

Das liegt Barbara Annweiler zufolge einerseits daran, dass diese Versorgungsform immer noch vielen Menschen gar nicht bekannt ist. Es liegt aber auch daran, dass es viel zu wenige ausgebildete Palliativmediziner gibt. Und: „Es gibt 17 Ärztekammern in Deutschland, jede hat eine andere Prüfungsordnung für Palliativmediziner. Das heißt, dass auch die Zulassungsbedingungen 17-mal anders sind. Wenn die Bundesärztekammer es hier zu einer Vereinheitlichung bringen würde, wäre schon viel erreicht - doch das ist eher illusorisch“, meint Annweiler. Ein Schritt in die richtige Richtung sei dagegen, dass künftige Ärzte seit 2013 in ihrem Studium auch in Palliativmedizin ausgebildet und geprüft werden.

Unheilbar Kranken Leiden zu ersparen und ihre letzten Tage, Wochen, Monate und teilweise sogar Jahre lebenswert zu gestalten – darum geht es in der Palliativmedizin. Ärzte mit der entsprechenden Zusatzqualifikation sind geübter als andere darin, Therapiebegrenzungen zu kommunizieren und zu begleiten oder Therapiezieländerungen zu unterstützen, erläutert die Schweriner Ärztin. Weil nicht mehr Heilung das Ziel ihrer Bemühungen ist, lehnen sie auch eine Diagnostik um jeden Preis ab. „Warum soll ich zum Beispiel einen aufgrund seiner Krebserkrankung stark ausgezehrten Patienten, der bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert wird, primär durchs CT schieben“, nennt Barbara Annweiler ein Beispiel. „Es reicht festzustellen, wie seine Blutsalze aussehen. Häufig ist ein zu hoher Calciumspiegel schuld am Bewusstseinsverlust - nach einer speziellen Infusionsbehandlung wird der Patient meist wieder wach. Erst dann sollte man darüber nachdenken, ob weiterführende Untersuchungen für den Patienten sinnvoll oder nur zu belastend und ohne Konsequenz sind.“

Viele Patienten hätten sich zwar darüber Gedanken gemacht, wie sie am Lebensende behandelt werden möchten – und wie nicht. Doch Patientenverfügungen, wenn sie denn vorlägen, seien häufig nicht schlüssig, so Annweiler. „Was für mich als Mediziner eine lebensverlängernde Maßnahme ist, kann etwas anderes sein, als der Patient damit meint“, ist eine Erfahrung der Palliativärztin. „Die Meisten sagen zum Beispiel: Ich will nicht an Schläuchen auf der Intensivstation liegen. Aber: Eine Bluttransfusion kann auch eine lebensverlängernde Maßnahme sein - meinen sie die auch?“ Solange der Patient bei klarem Bewusstsein ist, könnten solche Fragen direkt geklärt werden. Viel schwieriger sei das bei demenzkranken oder bewusstlosen Patienten. Hier müssten Angehörige oder bevollmächtigte Personen die Entscheidungen treffen – aber dazu müssten sie den Patientenwillen erst einmal kennen. „Nur leider wird in guten Zeiten noch viel zu selten über das Sterben gesprochen“, bedauert Annweiler.

Überhaupt könnten in einem offenen Gespräch viele Ängste vor dem Sterben genommen werden. „Menschen mit fortschreitenden Lungenmetastasen haben beispielsweise unterschwellig Angst, irgendwann ersticken zu müssen. Das muss man frühzeitig ansprechen und auch ehrlich sagen, dass es relativ wahrscheinlich ist, dass es darauf hinausläuft. Aber wir haben die Möglichkeit, wenn die Luftnot immer stärker wird, einzugreifen: mit Medikamenten, mit physikalischen Maßnahmen und in Ausnahmefällen auch mit einer palliativen Sedierung. Patienten müssen die Erstickungsnot dann nicht mehr wach erleben, sie schlafen hinüber“, erläutert die Ärztin.

Es gebe Grenzsituationen, in denen das, was ein Palliativmediziner machen darf, quasi in Richtung Sterbehilfe geht. Bei Tumorpatienten, die am lebendigen Leibe verfaulen, zum Beispiel. Sie können zwar unter Umständen noch Monate leben, aber sie ertragen sich selbst und ihren Zustand nicht mehr so lange. „Für solche Fälle wäre eine rechtliche Orientierung wünschenswert“, meint Barbara Annweiler, die aber zugleich einschränkt: „Genauso, wie ich niemanden dazu zwingen kann, eine Abtreibung vorzunehmen, auch wenn sie rechtlich möglich ist, so muss es auch die Möglichkeit geben, dass ein Arzt, der das nicht kann, nicht zur Sterbehilfe verpflichtet werden darf.“

Grundsätzlich aber sei es menschlich und menschenwürdig, diese Möglichkeit für ganz spezielle Fälle zu öffnen, wenn alle anderen Wege ausgeschöpft sind. Sie selbst, so Barbara Annweiler, habe in mehr als zehn Jahren ihrer Tätigkeit in der Palliativmedizin so einen Fall aber noch nicht erlebt. „Wir haben noch immer eine Lösung gefunden. Und die Meisten hängen tatsächlich am Leben.“



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