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Die Rentenlüge : Die Mär von der Rente mit 63

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nur 200 000 Bundesbürger werden überhaupt davon profitieren können, wenn das neue Gesetz zum Sommer in Kraft tritt / Das Zugangsalter steigt schon bald wieder an

Seit Wochen dominiert – neben dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine – die Rente mit 63 die Schlagzeilen. Viele rechnen schon aus, wie lange sie noch arbeiten müssen. Doch bereits jetzt ist absehbar, dass das Gros derer, die 63 sind oder es bald werden, weiter – wenn überhaupt – nur mit Abschlägen in Rente gehen kann.


Debatte um Zeiten der Arbeitslosigkeit


Horst U. aus Bützow, geboren 1950, würde sofort von der Möglichkeit Gebrauch machen, abschlagsfrei in Rente zu gehen. Doch in seinem Arbeitsleben gab es immer wieder Unterbrechungen: In den umsatzschwachen Wintermonaten hat ihn sein Arbeitgeber in den letzten Jahren regelmäßig entlassen. Im Frühjahr wurde er dann wieder eingestellt. „Wenn diese Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht mit in die 45 Beitragsjahre einfließen würden, die man für die Rente ab 63 braucht, wie es jetzt diskutiert wird, dann wäre das ungerecht“, findet U.’s Ehefrau. „Schließlich hat mein Mann ja seinem Arbeitgeber so überhaupt erst ermöglicht, über die Runden zu kommen.“

Geht man nach den Buchstaben des Koalitionsvertrages, den CDU, CSU und SPD unterschrieben haben, dürfte es die aktuelle Rentendebatte gar nicht geben. Dort heißt es nämlich wörtlich: „Langjährig Versicherte, die durch 45 Beitragsjahre (einschließlich Zeiten der Arbeitslosigkeit) ihren Beitrag zur Stabilisierung der Rentenversicherung erbracht haben, können ab dem 1. Juli 2014 mit dem vollendeten 63. Lebensjahr abschlagsfrei in Rente gehen.“

Der Grund dafür, dass jetzt in Berlin doch wieder über das Thema diskutiert wird, ist ein ganz einfacher: Geld. Die im Koalitionsvertrag und – folgerichtig – auch im Gesetzentwurf vorgesehene Anrechnung der Arbeitslosenzeiten kostet nämlich etwa 700 Millionen Euro pro Jahr. Insgesamt ist die Einführung der abschlagsfreien Rente mit 63 nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums mit anfänglichen Kosten von rund einer Milliarde Euro verbunden. Langfristig wird mit Kosten von rund drei Milliarden Euro pro Jahr gerechnet. Eine Mehrbelastung, die, wie viele kritisieren, nicht etwa der Staat, sondern die gesetzliche Rentenversicherung tragen muss.

Da auch weitere „Wohltaten“ wie die Mütterrente aus ihren Töpfen finanziert werden sollen, wird der Rentenbeitrag bis 2030 voraussichtlich auf 22 Prozent steigen.

Der Rentenexperte der Grünen-Fraktion, Markus Kurth, kritisierte zu Wochenbeginn, dass die Debatte über die Anrechnung von Arbeitslosenzeiten nur von den eigentlichen Herausforderungen einer längeren Lebensarbeitszeit ablenke. In vielen Berufen sei schon lange vor dem 63. Lebensjahr Schluss. „All diese Personen werden von der neuen Rentenart ausgeschlossen.“


Rentenwohltat nur für wenige Jahrgänge


Und nicht nur sie: Schaut man sich den Gesetzentwurf genau an, wird schnell klar, dass nur einige wenige Jahrgänge von der Rentenwohltat der schwarz-roten Bundesregierung profitieren können: Nur diejenigen, die vor dem 1. Januar 1953 geboren wurden, können tatsächlich mit 63 Jahren in die ungeminderte Altersrente gehen – vorausgesetzt, sie bringen es auf 45 Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung. Für später Geborene wird das Rentenzugangsalter wieder angehoben – für jeden Geburtsjahrgang um zwei Monate (siehe Tabelle unten). Aus der Rente mit 63 wird so schrittweise die Rente mit 65. Ab 1964 Geborene schauen völlig in die Röhre, sie können auch nach 45 Beitragsjahren erst mit 65 in die ungeminderte Rente gehen.

„Mit der abschlagsfreien Rente ab 63 werden die Menschen belohnt, die mit ihrer Lebensarbeitsleistung das Rentensystem stützen“, argumentiert das Bundesarbeitsministerium auf seiner Internetseite. „Menschen, die 45 Jahre gearbeitet haben, haben einen Anspruch auf Anerkennung ihrer Lebensleistung. Es werden diejenigen in den Blick genommen, die ihr Arbeitsleben bereits in jungen Jahren begonnen und über Jahrzehnte hinweg durch Beschäftigung, selbstständige Tätigkeit und Pflege sowie Kindererziehung ihren Beitrag zur Stabilisierung der gesetzlichen Rentenversicherung geleistet haben.“

Was auch heißt: Wer einen Fach- oder Hochschulabschluss hat, hat keine Chance, mit 63 ohne Abschläge in Rente zu gehen. „Nach derzeitigem Stand sollen Zeiten der schulischen Ausbildung – Schule, Fachschule und Hochschule – nicht auf die 45 Jahre angerechnet werden, die für die abschlagsfreie Rente mit 63 notwendig sind“, bestätigte Dirk Manthey von der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin auf Anfrage unserer Redaktion. Zeiten der Lehre hingegen, in denen Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt wurden, sollen angerechnet werden.

So werden es denn voraussichtlich anfänglich auch nur 200 000 Menschen in ganz Deutschland sein, die nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums von der ungeminderten Rente mit 63 profitieren können. Weitere Personen könnten zwar nach geltendem Recht ebenfalls mit 63 in Rente gehen – sie allerdings weiter nur mit Abschlägen.

 

Das Bundesarbeitsministerium informiert auf seiner Internetseite www.rentenpaket.de über die geplanten Änderungen.

Die Deutsche Rentenversicherung Bund hat ein kostenloses Servicetelefon unter 0800 1000 480 70 geschaltet. Dort gibt es Montag bis Donnerstag von 7.30 bis 19.30 Uhr und Freitag von 7.30 bis 15.30 Uhr Antworten auf alle Fragen zur Rente.

 

Altersgrenzen  bei  Renten

 

Wer  ohne Abstriche bei der Rente in den Ruhestand gehen möchte, muss  eine bestimmte Altersgrenze erreichen. Für die Regelaltersrente wird diese  Grenze zwischen 2012 und 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Mit dem Geburtsjahrgang 1947 erfolgte die Anhebung zunächst in Ein-Monats-,  ab 2024 in Zwei-Monats-Schritten. Für Versicherte ab Jahrgang 1964 gilt dann die Regelaltersgrenze von 67 Jahren. In  Ausnahmefällen  bleibt es wegen eines besonderen Vertrauensschutzes bei 65 Jahren.

Auch bei   anderen  Rentenarten  verschieben sich    nach  Angaben  der Deutschen Rentenversicherung Bund seit  2012   die  Altersgrenzen:

Die Altersgrenze für eine abschlagsfreie Altersrente für schwerbehinderte Menschen wird stufenweise von 63 auf 65 Jahre angehoben – beginnend mit dem Geburtsjahrgang 1952.

Die Altersgrenze bei  Hinterbliebenenrenten wird, abhängig vom Todesjahr, stufenweise vom 45. auf das 47. Lebensjahr erhöht  – beginnend mit dem Jahr 2012.

Bei  der Altersrente für langjährig unter Tage beschäftigte Bergleute wird das Eintrittsalter für Versicherte, die nach dem 31. Dezember 1951 geboren sind,  schrittweise auf das 62. Lebensjahr angehoben.

Bei der Erwerbsminderungsrente soll die Altersgrenze  grundsätzlich ebenfalls vom 63. auf das vollendete 65. Lebensjahr angehoben werden.

Wer  dennoch  mit  63  in  Rente  gehen will,  muss  nicht  nur  bestimmte  rentenrechtliche  Voraussetzungen erfüllen.  Er muss   pro  Monat des vorzeitigen Rentenbezugs  außerdem Abschläge  in  Höhe  von  0,3  Prozent  hinnehmen.  Diese Rentenminderung  gilt    auch  dann  weiter, wenn die   Regelaltersrente  erreicht  wird.

 

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erstellt am 12.Apr.2014 | 16:05 Uhr

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