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Martin Schulz (SPD) : Die Kampfansage

vom
Aus der Onlineredaktion

Martin Schulz und seine erste große Rede als SPD-Kanzlerkandidat. Jubel im Willy-Brandt-Haus

von
erstellt am 29.Jan.2017 | 21:00 Uhr

„Jeder spürt es: Es geht ein Ruck durch die SPD“, ruft Martin Schulz den Genossen im Willy-Brandt-Haus zu. „Es geht ein Ruck durch das ganze Land. Wir wollen und wir werden diese Aufbruchsstimmung nutzen.“ Was folgt: donnernder Applaus, Küsschen, Schulterklopfen, hohe Erwartungen und Euphorie bei der SPD.

Der 61-Jährige Hoffnungsträger Schulz nutzt seine erste große Rede gestern für eine Kampfansage. „Ich trete mit dem Anspruch an, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden“, stellt er kurz nach der einstimmigen Nominierung im Vorstand klar. Er präsentiert sich selbstbewusst und voller Lust auf die politische Auseinandersetzung bis zur Bundestagswahl in 298 Tagen. Martin Schulz reckt beide Daumen in die Höhe und ruft schließlich die Parteispitze zu sich auf die Bühne. Sigmar Gabriel, der scheidende Parteichef, fällt ihm um den Hals, es gibt Standing Ovations – so etwas hat man bei den Sozialdemokraten lange nicht erlebt.

Eine Stunde lang steht Schulz am Rednerpult, lässt von Minute eins an keinen Zweifel, dass die SPD stärkste politische Kraft in Deutschland werden wolle. Nur wie? Viel habe er in den vergangenen Tagen darüber gelesen, dass er kein Abitur habe, kein Studium und aus der Provinz komme. „All‘ diese Dinge sehe ich nicht als Makel“, sagt er. Ein Bundeskanzler müsse die Alltagssorgen, Hoffnungen und Ängste der Menschen nicht nur verstehen, sondern sie selbst mit tiefer Empathie spüren können. Schulz verzichtet auf direkte Attacken gegen seine Kontrahentin Angela Merkel, mit der zerstrittenen Union gehe es aber nicht weiter, macht er klar.

Wer von seiner Nominierungsrede konkrete Ankündigungen erwartet hätte, was Wahlkampf-Forderungen angeht, wird enttäuscht. Sein großes Thema für 2017: Gerechtigkeit. Bei der Inneren Sicherheit stehe er für „null Toleranz“ gegenüber Straftätern. Der Kampf um Steuergerechtigkeit müsse zum zentralen Thema werden. Hier der Bäckermeister um die Ecke, der brav Steuern zahle, dort die globalen Konzerne, die Steueroasen nutzten – das Problem, dass es da nicht gerecht zugehe, will Schulz in den Griff bekommen.

„Ich scheue keinen Konflikt“, stellt der Kandidat klar. Den anderen Parteien schlägt Schulz ein „Fairnessabkommen“ vor. Der SPD-Mann verbindet das alles mit Klartext gegenüber Donald Trump und gegenüber der AfD. „Die Partei der Höckes, der Gaulands und der Petrys ist keine Alternative für Deutschland, sondern eine Schande für Deutschland“, attackiert er die Rechtspopulisten. Dem neuen US-Präsidenten wirft er vor, Minderheiten „mit unverschämten und gefährlichen Äußerungen“ zu diffamieren: „Das ist ein Tabubruch, der unerträglich ist.“

Schulz hatte der Kanzlerkandidatur erst zugestimmt, nachdem seine Frau Inge ihr Okay gegeben hatte. Jetzt nutzt er die Aufmerksamkeit, um sich persönlich vorzustellen. 1300 Mitglieder sind seit Bekanntwerden seiner Nominierung eingetreten, 100 weitere kommen online hinzu, während er im Willy-Brandt-Haus am Rednerpult steht.

Kommentar "Chance und Risiko" von Rasmus Buchsteiner

Dieser Mann strotzt nur so vor Selbstbewusstsein! Martin Schulz will es wissen: Seine Nominierung und die erste große Rede als Kanzlerkandidat bedeuten für die SPD psychologisch nicht mehr und nicht weniger als den lang ersehnten Befreiungsschlag. Die Genossen versuchen, die bleierne Schwere und die Lethargie der Gabriel-Ära hinter sich zu lassen.

Mag sich die SPD nun auch berauschen an Martin Schulz, ihn feiern wie einen Heilsbringer: Bisher ist der Kandidat nicht mehr als eine Projektionsfläche. Er steht für die Genossen-Hoffnung, dass es mit den Wahlchancen  im Bund wieder besser werden könnte.

Die hohen Erwartungen zu erfüllen, wird sehr viel schwerer. Die Rede war jedenfalls frei von inhaltlichen Überraschungen.   Innenpolitisch bleibt der Kandidat auch nach seinen ersten großen Auftritten ein unbeschriebenes Blatt. Das ist für ihn Chance und Risiko zugleich. Aber Schulz macht mit seiner Kandidatur diesen Bundestagswahlkampf in jedem Fall ein Stück spannender.


 

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