zur Navigation springen

Nach „Charlie Hebdo-Anschlag“ : Die Hauptstadt der Welt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Marsch der Millionen: In Paris setzen Politiker, Religionsvertreter und Bürger ein starkes Signal gegen Terror

Wer konnte, ist gekommen. Wer sich betroffen fühlt von den Terror-Anschlägen der letzten Tage in Paris – und das sind viele, sehr viele an diesem Sonntagnachmittag. Sie marschieren im Gedenken an die 17 Opfer der Attentate der vergangenen Tage vom Pariser Platz der Republik zum Platz der Nation. Hunderttausende wollen damit ein Zeichen der „nationalen Einheit“ setzen.

Plakate erheben sich aus der enormen Masse an Menschen. „Wir haben keine Angst“ steht auf vielen; noch öfter lässt sich jene Aufschrift erkennen, die allgegenwärtig geworden ist, in Frankreich, im Internet, in der ganzen Welt: „Je suis Charlie“ – „Ich bin Charlie“.

Denn seit dem mörderischen Anschlag auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ in Paris stehen die Solidaritätsbekundungen mit „Charlie“ für Toleranz und Widerstand gegen islamistischen Terror.

„Ich bin Jude, Franzose, in Tunesien geboren und habe viele muslimische Freunde“, fasst der 63-jährige Demonstrant Yves zusammen, und eben diese Freunde um ihn herum nicken lächelnd. „Wir wollen einfach nur in Frieden zusammenleben, voilà.“

Bereits am Vortag hatten sich landesweit 700  000 Personen zu Gedenkveranstaltungen versammelt. Auch gestern waren die Straßen in ganz Frankreich, aber auch vielen anderen Ländern voller Menschen, die ihre Betroffenheit ausdrückten. In Berlin beteiligten sich 18  000 Menschen. In Paris waren es eineinhalb Millionen. Dort marschierten auch die Angehörigen der getöteten Opfer mit. Neben Präsident François Hollande und den Mitgliedern der Regierung waren die Vertreter der Oppositionsparteien und aller Religionsgemeinschaften, sowie Staats- und Regierungschefs aus rund 50 Ländern gekommen: Bundeskanzlerin Angela Merkel marschierte Arm in Arm mit ihm, daneben die Premierminister von Italien, Spanien und Großbritannien, die Präsidenten von EU-Kommission und -Parlament, der Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas ebenso wie der israelische Premier Benjamin Netanjahu. „Paris ist heute die Hauptstadt der Welt“, verkündete Hollande. 2200 Einsatzkräfte sollten allein in Paris die Sicherheit gewährleisten, 5500 wurden im ganzen Land eingesetzt.

Es ist eine kraftvolle Reaktion auf die Anschläge, die das Land auf beispiellose Weise erschüttert haben, durchgeführt von Männern mit Verbindungen zu den Terrornetzwerken Islamischer Staat und El-Kaida. Zunächst hatten die Brüder Chérif und Saïd Kouachi am Mittwoch zwölf Menschen bei „Charlie Hebdo“ erschossen. Am Donnerstag erschoss Amedy Coulibaly eine angehende Polizistin, und tags darauf in einem koscheren Lebensmittelladen vier Männer.

Neuen Ermittlungen zufolge hatte Coulibaly bereits am Mittwochabend einen Jogger ins Bein und in den Rücken geschossen. Von Coulibalys Lebensgefährtin wurde derweil bekannt, dass sie am 2. Januar über die Türkei nach Syrien ausgereist sein soll.

Weiterhin bleibt die höchste Terror-Warnstufe in Frankreich bestehen. Präsident Hollande, der gestern die Vertreter der jüdischen Gemeinde empfing, versprach nach den Worten des Präsidenten des jüdischen Dachverbandes Crif, Roger Cukierman, alle jüdischen Einrichtungen verstärkt zu überwachen. Das Land befinde sich in einer „Kriegs-Situation“, klagte Cukierman.

Während der gestrige Marsch ein gegenteiliges Signal aussandte: Die Sehnsucht nach einem friedlichen und gewaltlosen Zusammenleben. Zusammengefasst unter einem Schlagwort: „Ich bin Charlie“.

KOMMENTAR von Antje Schroeder


Nüchterne Analyse
Die Bilder sind bewegend: Hunderttausende auf dem Platz der Republik in Paris, um gegen den Terror zu protestieren. Arm in Arm demonstrierten Staatschefs aus Europa und dem Nahen Osten Solidarität mit Frankreich in seiner schweren Stunde. Dennoch bleibt die Angst. War das erst der Anfang?

Jenseits aller Betroffenheit tun die Politiker nun gut daran, nüchtern die Lage zu analysieren, bevor sie Gesetze verschärfen. Zuvor sollten  die Sicherheitskräfte besser ausgestattet werden. 3600 zusätzliche Polizisten wären laut dem Bund Deutscher Kriminalbeamter notwendig, um ihr Aufgabe angemessen zu erfüllen. Hier müssen Bund und Länder ansetzen. In die Innere Sicherheit ist in den letzten Jahren zu wenig investiert worden. Sie darf nicht länger Verfügungsmasse in Sparrunden sein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen