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Sprengsätze in Dresden : Die hässliche Fratze

vom
Aus der Onlineredaktion

Vor den zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden explodieren dort Sprengsätze

Fassungslos steht Ibrahim Ismail Turan vor der verkohlten Haustür in Dresden, in der Hand hält der Zehnjährige den verrußten Verschluss einer Plastikflasche. „Die haben drei Tüten geworfen, da waren Flaschen mit Benzin drin. Manche haben gebrannt, andere nicht“, sagt der Junge. Neben ihm steht sein Vater, Imam Hamza Turan. Sie berichten von einem lauten Knall am Montagabend, kurz vor 22.00 Uhr.

Am Morgen nach dem Sprengstoffanschlag auf die Fatih-Moschee sind die Brandspuren an dem grünen, einstöckigen Gebäude deutlich zu sehen. Hier ist nicht nur die Moschee mit dem Gebetsraum der Türkisch-Islamischen Gemeinde untergebracht – hier wohnt auch der Imam mit seiner Frau und den beiden zehn und sechs Jahre alten Söhnen.

Eigentlich wollte Sachsen mit der Ausrichtung der zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit ein anderes Zeichen setzen. „Brücken des Dialogs“ sollen am 3. Oktober in Dresden gebaut und Lebensfreude zum Ausdruck gebracht werden, sagte gestern Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Nur wenige Stunden später zerreißen zwei Sprengstoffanschläge das schöne Bild. Auch wenn die Motive längst nicht geklärt sind, zum Vorschein kommt das, was den Freistaat seit Monaten in den Schlagzeilen hält: die hässliche Fratze von Fremdenfeindlichkeit und rechter Gewalt.

Die Polizei vermutet ein fremdenfeindliches Motiv und gleichzeitig einen Zusammenhang mit einem weiteren Anschlag nur wenige Kilometer entfernt im Stadtzentrum: Vor dem Internationalen Congress Center zerstört ein selbst gebauter Brandsatz Teile eines Glasquaders. Durch die große Front sind im Inneren festlich eingedeckte Tische zu sehen: Hier soll am 3. Oktober der Empfang des Bundespräsidenten zum Tag der Deutschen Einheit stattfinden.

Ist nun kurz vor den Feierlichkeiten das passiert, was insgeheim befürchtetet wurde? Ein extremistischer Anschlag, ausgerechnet in Sachsen, das nach Clausnitz, Heidenau, Freital und Bautzen für viele ohnehin zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit geworden ist? Noch stehen die Täter nicht fest. Fest aber steht: Deutschland wird am 3. Oktober gespannt auf Dresden schauen.

Sorgen um die Sicherheit bei der Einheitsfeier gibt es schon seit Langem. Regierungschef Tillich ging gestern bei der Vorstellung des Festprogramms explizit auf diesen Punkt ein. Nach seinen Worten sollen Besucher zu dem Fest kommen, „ohne Angst haben zu müssen, Opfer von Anschlägen zu werden“. Für die Sicherheit sollen rund 2600 Polizisten eingesetzt werden.

Die Familie des Imams, die aus dem Osten der Türkei stammt, lebt seit acht Monaten in Dresden - und ist sich sicher: „Wir wurden angegriffen, weil wir Muslime sind. Die hassen uns“, sagt der zehnjährige Ibrahim Ismail. Als die Sprengsätze explodierten, saß der Junge gerade vor dem Fernseher. Als er nachsehen wollte, sah er einen Mann mit einem Motorradhelm auf dem Hof, berichtet er. Ob der Imam mit seiner Familie in Dresden bleibt, weiß er noch nicht. Vorerst sind sie bei einem Nachbarn untergekommen.

Kommentar: Negatives Licht

Schon wieder Sachsen, schon wieder Dresden: Die Sprengstoffanschläge in der Elbmetropole – unter anderem auf eine Moschee – werfen zum wiederholten Male negatives Licht auf die Stadt. Auch wenn die Polizei bisher lediglich von einem fremdenfeindlichen Hintergrund ausgeht und bisher aus ihren Ermittlungen keine Belege dafür bringen konnte: Dass ein muslimisches Gotteshaus zum Ziel dieses Anschlags wurde, wird kein Zufall gewesen sein.

Dass dabei der Tod von Menschen, wenn nicht beabsichtigt, so doch zumindest billigend in Kauf genommen wurde, zeigt das Ausmaß der Brutalität und Verirrung dieser Täter. Der Fall reiht sich ein in eine beispiellose Serie von Übergriffen gegen Moscheen und muslimische Gemeinden. Den Tätern geht es vielfach um das Signal an die Muslime, dass sie hier nicht erwünscht seien.

Das jedoch darf eine aufgeklärte Gesellschaft, die sich den Werten der Toleranz und Religionsfreiheit verpflichtet fühlt, nicht hinnehmen.

Rasmus Buchsteiner


 
 

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