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SPD-Sonderparteitag in Berlin : Die große Schulz-Show

vom
Aus der Onlineredaktion

Martin Schulz, der Jubel und die großen Hoffnungen bei der Krönungsmesse

von
erstellt am 19.Mär.2017 | 21:00 Uhr

100 Prozent für Martin Schulz! Ein Sensationsergebnis. „Ich bin mir sicher, dass das der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist, und deshalb nehme ich die Wahl an“, ruft Schulz unter frenetischem Beifall, die Genossen hält es nicht mehr auf ihren Stühlen.

Es ist „sein“ Moment, „sein“ Parteitag. Schulz voll im Wahlkampf-Modus. „Wenn wir nicht dafür sorgen, dass es in diesem Land gerechter zugeht, wird es niemand anders machen“, gibt sich der 61-Jährige kämpferisch. 75 Minuten am Mikrofon – vorn am Pult, die Ränge hinter ihm besetzt mit vielen Neumitgliedern, präsentiert Schulz ein „Best of...“ seiner bisherigen Kandidaten-Reden, streichelt die sozialdemokratische Seele. „Ich will der nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden“, bekräftigt er seinen Machtanspruch und lässt sich ausgiebig feiern, streckt beide Daumen in die Höhe.

Perfekte Show gestern in der Arena in Berlin, einem zur Konzerthalle umfunktionierten Omnibus-Depot an der Spree. Auf sechs Großbildleinwänden werden die Gesten des Triumphs übertragen. Lachen, Freude, ja erlöste Blicke durch die Hoffnung auf die Macht: Die Schulz-SPD ist nicht mehr wiederzuerkennen.

„Ihr kennt mich“, persifliert der neue Parteichef einen Spruch von Angela Merkel. „Das fünfte Kind einfacher und sehr anständiger Menschen“, stellt er sich vor. Einer, der „echt faul” in der Schule gewesen sei, nur Fußball im Kopf gehabt habe und als aus dem Traum von der Profi-Karriere nichts wurde, dem Alkohol verfiel und doch eine zweite Chance bekam. Schulz blickt zurück, um zu erklären, was er jetzt fühlt: Als Vorsitzender der Partei August Bebels, Otto Wels', Kurt Schumachers und Willy Brandts. Dieser Tag, diese Wahl ist für ihn etwas ganz Besonderes. Town-Hall-Atmosphäre in Berlin, 3000 Gäste beim sozialdemokratischen Wohlfühl-Happening.

„Hey Gottkanzler!“ Junge Union lästert
Mit Humor gegen den „Heilsbringer“ der SPD: Die Junge Union hat sich vom Wasser aus über die sozialdemokratische Krönungsmesse für Martin Schulz in Berlin lustig gemacht. Auf der Spree schipperten die jungen Christdemokraten gestern nah an die Halle, in der Schulz zum SPD-Chef und Kanzlerkandidaten gewählt werden sollte. „Hey Gottkanzler! Wenn du übers Wasser laufen kannst, komm rüber!“, stand auf einem großen blau-weißen Banner. Auch musikalisch zeigte der CDU-Nachwuchs sich kreativ. Den Schlager „Kein Schwein ruft mich an“ dichtete die Junge Union um in „Kein Schwein ruft mein’ Namen“ – und spielten Schulz‘ Aufforderung „Martin rufen!“ ein, mit der er kürzlich in Würzburg seine Fans angefeuert hatte.

Besonders laut wird der Jubel, als Schulz die Rechtspopulisten attackiert und sich zu Europa bekennt. „Wir brauchen mehr Zusammenhalt und wieder mehr Respekt in der Gesellschaft“, erklärt Schulz. Reform der Agenda-Reformen, gebührenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni, Investitionen statt Milliarden-Steuersenkungen, buchstabiert er die sozialdemokratische Programmatik durch. Die SPD will er zur Kümmerer-Partei trimmen. „Jedes einzelne Schicksal zählt“, kündigt er an. „Wir haben viel vor mit dieser Partei. Ich weiß: Das geht nur gemeinsam. Ich brauche Euch alle“, wirbt er um Vertrauen. „Und dann bin ich auch ganz sicher, gewinnen wir die Bundestagswahl.“ Noch einmal tosender Applaus im Saal.

Gabriel selbst tritt mit einem Scherz ans Rednerpult, um seine letzte Rede als Parteichef einzuleiten: „Einmal müsst ihr noch durch.“ Genugtuung über den Coup, der ihm durch die Stabübergabe an Schulz gelungen ist, über den „fröhlichsten und optimistischsten Übergang“ der jüngeren Parteiengeschichte, wie er sagt. Blick nach vorne statt Wunden lecken. Doch fertig hat Gabriel noch nicht, will die Geschicke seiner Partei weiter mitprägen, und warnt deshalb davor, die Karte der sozialen Gerechtigkeit auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auszuspielen: Kritik an Schulz’ Agenda-2010-Reformplänen? Jedenfalls eine Mahnung, mit der Gabriel gestern abtritt und Schulz, den er in höchsten Tönen lobt, die Parteiführung in die Hände legt: „Dein großes und Dein heißes Herz, wenn es um die Menschen geht, für die Du Dich einsetzt: Das macht Dich zu einem exzellenten Vorsitzenden der Deutschen Sozialdemokratie.“  
 
 

Kommentar "Ein Langstreckenlauf" von Rasmus Buchsteiner
Wäre Gabriel Parteichef und Kanzlerkandidat geblieben, würde die SPD in diesen Tagen um Punkt und Komma in ihrem Steuerkonzept streiten, bis hin zur Selbstzerfleischung um Für und Wider der Vermögensteuer ringen. Schulz’ Umfragewerte schließen dagegen die Reihen. Mehr als einmal hat der neue SPD-Chef darauf hingewiesen, dass dieser Wahlkampf ein Langstreckenlauf ist, bei dem Kräfte gut eingeteilt werden müssen, damit sie für den Endspurt reichen. Mit seinem fulminanten Start hat Schulz Angela Merkel gezeigt, dass mit ihm zu rechnen sein wird. Allerdings droht er wieder zurückzufallen, wenn er nicht bald deutlicher macht, wofür er inhaltlich steht. Zum Abschied vom Parteivorsitz hat Sigmar Gabriel seinen Genossen ins Stammbuch geschrieben, dass es nicht allein ums Verteilen gehen darf, sondern auch um Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg. Wie wahr!
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