Die Balkan-Route : Die Flucht nach Deutschland

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Seit Jahresbeginn sind mehr als 340 000 Flüchtlinge in Europa angekommen. Nachrichten von tausenden Toten im Mittelmeer, extrem hohen Schlepperpreisen und systematischer Misshandlung in Libyen haben die Passage über das Mittelmeer nach Italien oder Malta zunehmend unattraktiv gemacht. Immer mehr Menschen flüchten stattdessen über die Balkanroute. Die Reise nach Deutschland und von dort weiter nach Nord- und Westeuropa führt über mindestens sechs Staaten. Die meisten von ihnen winken Flüchtlinge inzwischen einfach durch, andere, wie Bulgarien und Ungarn, setzen auf Abschreckung. Ein Überblick.

svz.de von
02. September 2015, 08:00 Uhr

Türkei: Mit ihren direkten Grenzen zu Syrien und dem Irak ist die Türkei eines der Hauptaufnahmeländer für Flüchtlinge weltweit. Allein mehr als 1,9 Millionen Syrer sind hier registriert; sie leben in einem der 22 Lager im Land oder unter beklagenswerten Umständen in improvisierten Unterkünften und einfach auf der Straße. Hinzu kommen Hunderttausende aus dem Irak, dem Iran und Afghanistan. Von den Mitteln, die das Uno-Flüchtlingshilfswerk für die überlaufenen „Erstasylländer“ Libanon, Jordanien und Türkei bereitstellen wollte, haben die reichen Mitgliedsstaaten bisher nur ein Drittel wirklich gezahlt.
Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge hat die Chance, sich durch Schwarzarbeit das Geld für eine Flucht nach Europa zusammenzusparen. Wer es schafft, probiert es über das Mittelmeer: Die griechischen Inseln Lesbos, Chios oder Kos liegen nahe an der türkischen Küste; nach Samos sind es vom Festland nur 1,7 Kilometer. Für die Bootspassage nach Lesbos verlangen Schlepper bis zu 1200 Dollar.

Griechenland: Obwohl es zu den Unterzeichnerstaaten des Dublin-Abkommens gehört, werden nach Griechenland seit Monaten keine Flüchtlinge zurückgeschickt – mit der Aufnahme aller, die aus der Türkei kommen, wäre das Land bei weitem überfordert. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass es in diesem Jahr schon 200  000 waren, 50  000 allein im Juli. Mehr als 3000 Menschen warten auf der Insel, um sich registrieren zu lassen. Von den Inseln geht es auf Staatskosten mit der Fähre nach Athen oder Saloniki. Syrer haben die Erlaubnis, sich mehrere Monate im Land aufzuhalten. Wer in Athen oder Saloniki gelandet ist, kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Mazedonien reisen. Polizei und Ausländerbehörden des Krisenstaates sind überfordert, unternehmen aber nichts, um Flüchtlinge abzuschrecken.

Bulgarien: Mit dem Bau eines Grenzzauns, der Massierung von Polizei und der Installation von Sensoren und Nachtsichtgeräten 2014 hat Bulgarien den Flüchtlingsstrom erheblich reduziert: Statt 11  000 noch 2013 kamen im Vorjahr nur noch 4000 Flüchtlinge durch das Land. Dabei legt die Regierung Wert darauf, die Anforderungen der Genfer Flüchtlingskonvention und des Dublin-Abkommens formal zu erfüllen. Dieses sieht u.a. vor, das dasjenige EU-Land einen Flüchtling aufnehmen muss, dessen Boden er als erstes betritt. So wurde der Zaun exakt auf der Grenzlinie errichtet. Flüchtlingen, die es geschafft haben, werden nach Dublin-Regel die Fingerabdrücke abgenommen. Wer im Land um Asyl ansucht, wird in schlecht geführten Lagern weitgehend sich selbst überlassen. Obwohl es nach dem Dublin-Abkommen möglich wäre, werden wegen der Zustände aus Deutschland kaum Flüchtlinge dorthin zurückgeschickt. Berichte über Misshandlungen durch die Grenzpolizei wurden nie entkräftet. Die Stimmung in der Bevölkerung ist feindselig.

Mazedonien: Nach einem gescheiterten Versuch, den Flüchtlingsstrom am Grenzübergang zu Griechenland mit Gewalt aufzuhalten, lässt Mazedonien Flüchtlinge seit knapp 14 Tagen wieder ungehindert passieren. In diesen Tagen kommen täglich rund 3000 Menschen dort an. Zwischen 50 und 60 Prozent derer, die sich registrieren lassen, sind Syrer, 25 Prozent Afghanen und etwa 10 Prozent Iraker; viele reisen aber einfach unregistriert durch. Züge und Busse bringen die Ankommenden weiter bis Kumanovo nahe der serbischen Grenze. Wer sich registrieren lässt, erklärt damit seine Absicht, Asyl zu beantragen – und hat die Wahl, entweder in eines der drei Aufnahmelager im Land zu reisen oder es wieder zu verlassen. Fast alle wählen die letztere Möglichkeit. Anders als Griechenland gehört Mazedonien nicht zum Schengen-Raum und muss Flüchtlingen nicht die Fingerabdrücke abnehmen und die Daten nicht ins Informationssystem Eurodac einspeisen.

Serbien: Wie Mazedonien ist Serbien reines Transitland; von den geschätzten 200  000 Menschen, die seit Beginn der Flüchtlingswelle durch Serbien gezogen sind, haben nur 500 hier Asyl beantragt. Ankommende aus Mazedonien werden vom UNHCR per Bus zur Registrierung in die Kleinstadt Presevo gebracht. Von dort fahren Busse kostenlos nach Belgrad. Die Registrierung ist ein erster „Flaschenhals“ auf der Route über den Balkan: Etwa 1200 Menschen erhalten dort ihre Durchfahrterlaubnis, medizinische Hilfe und Proviant.
In Belgrad übernachten täglich etwa 600 Menschen in Parks nahe dem Autobusbahnhof und warten auf eine Chance zur Weiterreise an die ungarische Grenze. Behörden und Bevölkerung verhalten sich freundlich und , bringen Essen, Kleidung und Windeln.

Österreich: Seit Ungarn seine Flüchtlinge am Sonntag überraschend in Züge nach Österreich einsteigen ließ, campieren Menschen zu Hunderten auf dem Wiener Westbahnhof und warten auf Züge nach Deutschland. Die Behörden machen keine Anstalten mehr, sie aufzuhalten. „Germany, Almaya!“, rufen Bahnbeamte und weisen den Weg zum Gleis. Einen endgültigen Umgang mit dem Flüchtlingsstrom hat das Land noch nicht gefunden. Die rechte FPÖ fordert Grenzkontrollen und Zäune, die Grünen setzen auf Aufnahme. Die Regierung schwankt. Das Erstaufnahmelager bei Wien ist hoffnungslos überfüllt. Nach einem Amnesty-Bericht über unhaltbare Zustände stöhnt die Lagerleitung über den Ansturm von hilfsbereiten Bürgern. Seit dem Fund von 71 Toten fahndet die Polizei verschärft nach Schleppern – und setzt sich dem Verdacht aus, Grenzkontrollen gegen Flüchtlinge vorzubereiten.

Übrige Länder: Spätestens wenn bis zum Jahresende der Grenzzaun zwischen Ungarn und Serbien endgültig fertig ist und Budapest parallel dazu seine Abschreckungspolitik verschärft, so die Befürchtung, werden die Flüchtlinge über andere Länder ausweichen. Am nächsten liegen Kroatien und Rumänien. Solange der Zaun noch überwindbar ist, scheuen die Flüchtlinge den Umweg, denn er bedeutet eine – teure und gefährliche – Grenze mehr. Beide Länder sind nicht Teil des Schengen-Raums. In Alarmbereitschaft sind die Behörden auch in Albanien: Die Grenze zu Griechenland ist extrem durchlässig, und von hier führen sowohl Schmuggelwege über die Adria, als auch über Montenegro oder Bosnien nach Kroatien.
 

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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