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Aberglaube : Die dunkle Seite der Macht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

STREITBAR: Grundsatzentscheidungen in Politik und Wirtschaft fallen nicht immer nur rational – gerade Führungskräfte sind oft abergläubisch, analysiert Jan-Philipp Hein.

Angela Merkel, so sagt man jedenfalls, sei eine zutiefst rationale Politikerin, die ihre Entscheidungen kühl, ohne Emotionen und nach reiflicher Überlegung fällt. Allerdings: So ganz sicher weiß das natürlich nur die Bundeskanzlerin selbst. Können wir wirklich sicher sein, dass die PKW-Maut, das Betreuungsgeld oder die Strategie in der Euro-Krise nicht entstanden sind, weil die Kanzlerin beim Auspendeln die jeweiligen Alternativen verwarf? Eine Promotion in einem naturwissenschaftlichen Fach muss schließlich nicht vor einer Portion Esoterik schützen.

Auch wenn Merkel vielleicht oder wahrscheinlich doch rein rational und ohne Talisman und Anrufungen von Heiligen entscheidet, ist die westliche Welt da draußen nur oberflächlich rational. Hinter den Glas- und Stahlfassaden ist auch Hokuspokus zuhause. Beispiel: So kalt, nüchtern und zahlengetrieben die Finanzwelt wirkt, ist sie nicht. Forscher haben sich die Börsenkurse mal auf ihre Anfälligkeit für den Aberglauben angesehen. Professor Gabriele Lepori fand 2009 an der Copenhagen Business School heraus, dass der Dow-Jones-Index nach Sonnen- oder Mondfinsternissen anders ausschlägt als normal.

Es ist also messbar, dass Investmentbanker die Einflüsse irrationaler Denkwelten nicht ausschalten können, wenn sie ihre Geschäfte machen und über das Schicksal von Konzernen und Volkswirtschaften mitentscheiden. Auch globale herausragende Sportereignisse korrelieren mit Verzerrungen an den Märkten. Asiatische Wissenschaftler beschrieben Aberglaube gar als „Symptom genereller kognitiver Unfähigkeit“ im Finanzgebaren. Wer sich auf den Märkten auskennt, gilt freilich dennoch als „Analyst“ und nicht als „Wahrsager“. Nicht nur die Investoren und ihre Handlanger bei den Investmentfonds sind anfällig für irrationale Denkwelten, sondern auch Unternehmer. Der Gründer des größten deutschen Zeitungsverlags gab sich hin und wieder dem Okkulten hin. Axel Springer soll seinen gigantischen Laden nicht nur nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern auch nach den Empfehlungen seiner Wahrsagerin und der Sternenkonstellation geführt und so seine Kaufleute und Manager in den Wahnsinn getrieben haben. Dennoch ging es dem Verlag stets prächtig.

Spitzenpolitiker und Topmanager treffen Entscheidungen von großer Tragweite, oder sie glauben das zumindest. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Rückversicherung ist da besonders groß. In einer völlig ungewissen Welt mit ihren unendlich vielen Variablen schaffen Gewissheiten aus höheren Sphären genau diese Sicherheiten. Man kann sie sich auf verschiedenen Wegen beschaffen. Wer eine unternehmerische Entscheidung daheim beim Abendessen mit seinem Partner bespricht, der die Firma nicht von innen kennt, befindet sich im gesellschaftlich akzeptierten Bereich. Das Orakel zu befragen oder eine nicht besonders fachkundige Münze zu werfen, ist hingegen verpönt.

Auch ganz offiziell und nicht im Halbdunkel bedient sich Politik der Dienste von Wahrsagern und Hellsehern. Zwar leiten etwa die sogenannten „Wirtschaftsweisen“ ihre Prognosen aus Korrelationen und Erfahrungswerten ab – doch ihr Geschäft ist hochspekulativ und geht oft genug gewaltig schief.

 

BLICK IN DIE ZUKUNFT Der „Club of Rome“ hatte vor über vierzig Jahren einmal prophezeit, dass dieser Tage die Erdölquellen versiegen würden. Sie sprudeln stattdessen wie eh und je — der Preis fürs Barrel ist mittlerweile sogar auf einem Tiefststand angekommen. Mehr Wert als eine Sitzung bei einer Wahrsagerin hatte das Gutachten des „Club of Rome“ nicht. Nichtregierungsorganisationen, Staaten und Parteien lustwandelten mit der düsteren Prophezeiung des „Club of Rome“ unterm Arm jedoch in eine aus ihrer Sicht gewisse Zukunft. Wenn man die Panikfreunde heute darauf anspricht, wird schnell das Thema gewechselt.

Gott sei eine Notwendigkeit unserer Psyche, haben Hirnforscher einst formuliert. Unser Denkapparat sei ganz einfach so programmiert, an etwas zu glauben, dass den Naturwissenschaften, ihren Gesetzen und der reinen Rationalität nicht unbedingt entspricht. Der sich seiner selbst bewusste Mensch braucht einen Sinn in einer Welt, die er aus sich selbst heraus nicht fassen kann und die auch Wissenschaftler nicht bis ins letzte Detail erklären können. Und er braucht eine Instanz, die ihm Trost und Sicherheit spendet. Wer nicht an Allah, den christlichen Gott, Buddha oder wen auch immer glaubt, nimmt sich eine abstrakte „höhere Macht“ oder interpretiert Zeichen und Signale. Schwarze Katzen, Kleeblätter, Salz über die Schulter, zerbrochene Spiegel – die Auswahl ist unbegrenzt.

Westliche Fluglinien kennen keine Reihe 13 in ihren Maschinen, Hotels offerieren ihren Gästen die Zimmer zehn bis zwanzig jedoch ohne dreizehn – man weiß ja nie.

Man kann auch sehr individuelle Formen des Aberglaubens pflegen, indem man Zusammenhänge konstruiert, die es objektiv nicht geben kann. Wer unrasiert und ungeduscht zweimal hintereinander Siege seines Lieblings-Fußballteams gesehen hat, wird den körpernahen Pflegenotstand vor Spieltagen so lange nicht beenden, bis die Serie eindeutig durchbrochen wurde. Auch vor wichtigen Prüfungen, Präsentationen oder beruflichen Entscheidungen greifen viele auf Rituale zurück. Der eine muss unbedingt ein bestimmtes Musikstück hören, der andere braucht eine bestimmte Mahlzeit oder muss unbedingt diesen einen Pullover tragen.

Resistenz gegen Aberglaube gehört nicht zum Jobprofil im Top-Management oder in den höchsten Gremien der maßgeblichen Parteien. Eher schon Machtbewusstsein, die Bereitschaft zur Selbstaufgabe und Aufopferung, der Wille sich darzustellen, Konfliktfähigkeit und Nerven aus Stahl. Wie neurotisch die Welt der Spitzenpolitik sein kann, hat der verstorbene „Spiegel“-Journalist Jürgen Leinemann in seinem wunderbaren Buch „Höhenrausch“ aufgeschrieben. Da Aberglaube sehr viel mit dem Bedürfnis nach Kontrolle über Prozesse und Ereignisse zu tun hat, die sich eben nicht völlig kontrollieren lassen, sondern die mehr oder weniger wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sind, ist es gar nicht erstaunlich, dass in Vorständen und Geschäftsführerbüros der kleine und große Aberglaube zuhause ist. Warum sollte es dort anders sein als im Alltag der meisten Menschen.

Zwei Drittel der Deutschen glauben an Schutzengel. Der gute alte christliche Gott des Abendlandes, zu dessen Verteidigung sie gerade brüllend durch Dresden marschieren, kann wegen soviel Zuneigung und Furcht nur neidisch sein. Seit keiner mehr an Gott glaubt, wird jeder Blödsinn geglaubt.

Wahrscheinlich ist vielen Verfechtern der eiskalten Rationalität häufig selbst nicht bewusst, wie viele kleine eigene Riten sie im Alltag pflegen, die ihnen als Aberglaube gar nicht mehr auffallen. Schlimm ist das alles nicht. Eine Gefahr stellt der Aberglaube nämlich erst dar, wenn esoterische Geschäftemacher ins übersinnliche Spiel treten und für teuer Geld Ratgeber, Klangschalen, „Magische Steine“, Workshops und allerlei anderen Plunder an die Halt suchende Seele verscheuern wollen. Am Ende dieses Weges steht meist der Ruin. So albern die PKW-Maut ist – so wird sie nicht entstanden sein.

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