Deutschlands Schüler holen auf

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Der Pisa-Schock war gestern: Die deutsche Schule macht Fortschritte, die Leistungen werden besser – aber Erfolg zu abhängig von sozialer Herkunft

svz.de von
04. Dezember 2013, 00:35 Uhr

„Für die Top Ten hat es wieder nicht gereicht“, sagt Barbara Ischinger, Bildungsdirektorin der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Doch das bleibt auch die einzige, nennenswerte Negativ-Botschaft gestern bei der Vorstellung der Ergebnisse der fünften Pisa-Studie.

Aufatmen in Berlin, Zufriedenheit bei den Bildungsministern von Bund und Ländern. Die Botschaft des Tages: Zwölf Jahre nach dem Schock über die miesen Resultate des ersten Bildungsvergleichs hat sich Deutschland gefangen. Es gebe zwar „keine großen Sprünge“, aber eine bemerkenswerte Kontinuität, mit der man sich nach vorn arbeite. Es wird Zeit, den Begriff ‚Pisa-Schock‘ durch ‚Pisa-Fortschritt‘ zu ersetzen“, zieht OECD-Expertin Ischinger Bilanz.

Die 467-Seiten-Untersuchung, ein dicker Band mit unzähligen Tabellen, Diagrammen und Erläuterungen – aus OECD-Sicht ein echtes Hoffnungszeichen für Deutschland. Schließlich gebe es nicht viele Nationen, die sich in den letzten Jahren dauerhaft verbessert hätten. Doch Weltspitze sind Schülerinnen und Schüler hierzulande noch nicht.

Untersucht werden bei Pisa die Leistungen 15-Jähriger. Ergebnis dieses Mal: Erstmals liegen die Deutschen in allen drei Kompetenzgebieten – Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen – auf Plätzen im oberen Mittelfeld. Gerade bei Lesen und Textverständnis waren deutsche Schüler bislang deutlich unterdurchschnittlich. Jetzt landen sie im Mittelfeld des weltgrößten Schulleistungsvergleichs – auf einer Höhe mit Belgiern, Vietnamesen und Österreichern. Der Rückstand auf die diesjährigen Pisa-Spitzenreiter Shanghai, Singapur, Hongkong und Taipeh ist erheblich und entspricht dem Pensum von bis zu drei Schuljahren.

Experten loben dennoch die nach der ersten Pisa-Studie eingeführten Bildungsstandards. „Die Leistungssteigerung bei den Schülern ist beachtlich“, erinnert Professor Manfred Prenzel, Koordinator der Studie, und verweist auf die erste Pisa-Premiere 2000: „Unsere 15-Jährigen heute sind mit ihrem Wissen und Können ein Schuljahr weiter als ihre Altersgenossen von damals.“ Bemerkenswert ist vor allem die Entwicklung beim viel diskutierten Thema Chancengerechtigkeit: Vor zwölf Jahren war der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Hintergrund so groß wie in kaum einem anderen OECD-Land. Jetzt liegt Deutschland bei diesem Indikator im Mittelfeld. Trotz dieser Positiv-Entwicklung: Ein 15-jähriger aus einer sozial schwachen Familie hat heute in Mathematik einen Rückstand von gut einem Schuljahr gegenüber einem gleichaltrigen Akademikerkind.

Fraglich jedoch, ob Deutschland das Zeug hat, beim nächsten OECD-Vergleich im Jahr 2015 mit den Asiaten mitzuhalten. Das größte Potenzial für Verbesserungen erkennen die Experten bei den Mädchen. Sie gelten als „Mathe-Muffel“ und haben in Sachen Rechnen im Schnitt einen Rückstand von gut drei Monaten.

Und die Untersuchung fördert zugleich neue Dinge aus dem Innenleben deutscher Schulen zutage, die bislang nicht so bekannt waren: So erscheinen hierzulande die Schüler viel pünktlicher zum Unterricht als in den meisten anderen Industriestaaten, schwänzen viel seltener und haben zu 90 Prozent ein Zugehörigkeitsgefühl zu „ihrer“ Schule entwickelt. Und 70 Prozent der Schüler glauben, dass im Grunde genommen an ihrer Schule „alles sehr gut läuft“.



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