Spitzentreffen : Deutsch-polnische Nullnummer

Familienfoto: Polens Präsident Andrzej Duda und seine Frau Agata Kornhauser-Duda sowie Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt in Warschau
Familienfoto: Polens Präsident Andrzej Duda und seine Frau Agata Kornhauser-Duda sowie Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt in Warschau

Wenig Herzlichkeit bei Merkel im Kanzleramt – und auch Joachim Gauck findet in Warschau klare Worte gegen Nationalismus

svz.de von
17. Juni 2016, 21:00 Uhr

Andrzej Duda strafft sich in seinem eng geschnittenen Anzug. Jetzt kommt der heikle Part bei seinem Auftritt mit Europas mächtigster Frau. Das deutsch-polnische Verhältnis, sagt der stramm konservative Staatspräsident aus Warschau mit einem feinen Lächeln zu Angela Merkel, sei wie eine „gute, alte Ehe“. Da gebe es immer auch mal strittige Fragen. Wenn man zusammenbleiben will, gegenseitige Sympathie und Wohlwollen noch da sind, erklärt er, wird das schon werden: „Ich bin fest entschlossen, dass wir das gemeinsam lösen.“ Da neigt Merkel fast ein bisschen verlegen den Kopf nach rechts zu ihrem 44-jährigen Nachbarn, lächelt und spitzt den Mund.

Auch sie wählt zuvor wohlwollende Worte, spricht von einer Erfolgsgeschichte beider Länder nach den Grauen des Krieges. Das sei ein großes Glück, das „mich dankbar und angesichts der Geschichte demütig macht“.

Dennoch ist bei der gestrigen Pressekonferenz im Kanzleramt nur wenig Herzlichkeit, keine Wärme zu spüren. Zu frostig ist das Klima zwischen Berlin und Warschau. Bemerkenswert ist, dass Merkel, die sich sonst gern als Fußball-Kanzlerin inszeniert, kein Wort über das 0:0 zwischen Deutschland und Polen verliert. Auch Duda erwähnt das Spiel nicht. Der Pole hat es sich in seiner Berliner Botschaft angeschaut.

Warum lud Bundespräsident Joachim Gauck Duda nicht ins Schloss Bellevue ein, um auf der Couch bei einem Bier zu gucken, wie Boateng mit seiner Grätsche ein Lewandowski-Tor verhindert? Begründung: Hohe Termindichte. Übersetzt heißt das, Gauck und Duda wollten nicht.

Auch flogen die Präsidenten gestern nicht zusammen, sondern im Abstand von 30 Minuten jeder in seiner eigenen Maschine nach Warschau, wo die Feiern zur deutsch-polnischen Silberhochzeit weitergehen. Das lässt tief blicken. Torlos. Unentschieden. Trostlos? Wenn man den EM-Kick positiv ins Politische drehen möchte: Nur kein Sieger und kein Verlierer. Auf  den  Tag genau 25 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags zwischen den einstigen Erzfeinden knirscht es zwischen Berlin und Warschau vernehmlich.

Zwischen Merkel und der nationalkonservativen Regierung in Warschau gibt es tiefe Differenzen in der Flüchtlingspolitik. Merkels Idee von einer Lastenteilung bei der Aufnahme der Syrienflüchtlinge stößt dort wie in vielen anderen EU-Ländern auf taube Ohren. Und die Polen vermuten, dass das mächtige Deutschland hinter dem EU-Verfahren gegen die umstrittene Justizreform des Landes steckt. EU-Menschenrechtler beklagen eine „Erosion des Rechtsstaats“ in Polen.

Gestern Abend im Schloss Belvedere, der damaligen Residenz von Lech Walesa, lässt Gauck keine Zweifel, was er von den nationalistischen Tendenzen in Europa hält: nichts. Ohne die nationalkonservative Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydlo direkt zu erwähnen, weiß jeder, was er meint, als Gauck in seiner Rede gleich zweimal den im erzkatholischen Polen tief verehrten polnischen Papst Johannes Paul II. und dessen Vision von einem „Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen“ zitiert.

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