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NSU-Terror : Der zerschossene Lebenstraum

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Polizist Martin A. sagt aus – er wäre fast das elfte Todesopfer des NSU geworden. Er bekam eine Kugel in den Kopf, doch er überlebte

svz.de von
erstellt am 17.Jan.2014 | 00:35 Uhr

Martin A. wollte schon immer Polizist werden. Ein Kindheitstraum, erzählt er. Sein Studium als Wirtschaftsingenieur hängt er nach zwei Jahren an den Nagel, obwohl seine Eltern sich an den Kopf fassen. Fast drei Jahre lang geht er auf die Polizeischule.

Im März 2007 ist es dann so weit: Er fängt als Polizeimeister bei der Bereitschaftspolizei an. Dort wird er nochmals mehrere Wochen lang geschult.

Nach der Schulung ist eigentlich eine Woche Urlaub angesetzt. Doch Martin A., damals 24 Jahre alt, will endlich raus auf die Straße. Er meldet sich freiwillig zu einem Einsatz in Heilbronn. „Das war der erste und letzte“, sagt er. An diesem Donnerstag sitzt er als Zeuge im NSU-Prozess. Um ein Haar hätte er den Einsatz nicht überlebt. Er hätte das elfte Todesopfer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ sein können.

Martin A. kann sich an viele Details des 25. April 2007 erinnern. Wann er aufgestanden ist, wie er seine Uniform und die Ausrüstung angelegt hat, an die Einsatzbesprechung. Im Streifenwagen fuhr er mit seiner Kollegin Michèle Kiesewetter. Die war zwar zwei Jahre jünger, aber schon länger bei der Polizei. „Für mich war's das erste Mal, sie hat mir alles gezeigt.“

Zur Mittagspause fahren die beiden mit ihrem BMW zur Theresienwiese. Dort, im Schatten eines Transformatorenhäuschens, verbringen Streifenbeamte gerne ihre Pause. Ab da setzt die Erinnerung von Martin A. aus. Als er einige Wochen später aus dem Koma erwacht, liegt er im Krankenhaus, angeschlossen an Schläuche. „Ich wusste nicht, was das soll“, erzählt er. „Ich habe die Infusionen rausgerissen, weil ich dachte, das sei ein schlechter Scherz. Wir trainieren sehr praxisnah.“ Erst nach und nach wird ihm erklärt, was passiert ist: Dass er Opfer eines Attentats wurde. Dass unbekannte Täter ihm eine Kugel in den Kopf geschossen haben. Dass seine Kollegin Michèle tot ist.

Jahrelang versucht Martin A., seine Erinnerung wachzurufen. Er lässt sich unter Hypnose vernehmen. Seinen Kollegen habe er gesagt: „Wenn irgendwas in mir drin ist, holt's raus. Aber da war einfach nichts mehr.“

Es dauert mehr als vier Jahre, bis klar wird, wer hinter dem Anschlag steckt. Am 4. November 2011 erschießen sich die Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem Banküberfall, um der Festnahme zu entgehen. In dem Campingwagen, mit dem sie unterwegs sind, finden Ermittler die Dienstpistolen von Martin A. und Michèle Kiesewetter. Im Brandschutt der Zwickauer Wohnung finden sie die Tatwaffen.

Nach dem Attentat erholt sich Martin A. langsam. Von 2008 an geht er auf die Polizeihochschule, schafft den Sprung in den gehobenen Dienst, wird Polizeikommissar. Doch sein rechtes Innenohr bleibt geschädigt, sein Gleichgewichtssinn ist gestört. Ein Teil der Kugel steckt noch in seinem Kopf. Immer wieder kommen Angstzustände. Manchmal, so sagt er, reichte es aus, wenn er nur ein Polizeifahrzeug sah. Eine Waffe will er nicht mehr tragen. „Mir hat es das Herz zerrissen. Das war nicht mehr mein Lebenstraum - es ist meine Arbeit.“

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