Willy Brandt : Der Vater der deutschen Einheit

Willy Brandt (r.) und Senatspressechef Egon Bahr erläutern am 17.12.1963 im  Rathaus Schöneberg die mit Vertretern  der Sowjetzone getroffene Regelung in der Passierscheinfrage für Berlin.
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Willy Brandt (r.) und Senatspressechef Egon Bahr erläutern am 17.12.1963 im Rathaus Schöneberg die mit Vertretern der Sowjetzone getroffene Regelung in der Passierscheinfrage für Berlin.

Dass Willy Brandt ihn als besten Freund bezeichnete, sei „der höchste Orden, den ich je bekommen habe“ – ein Interview mit Egon Bahr

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19. Dezember 2013, 00:35 Uhr

Die SPD würdigte gestern mit einem Festakt ihren langjährigen Vorsitzenden und ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt, der an diesem Tag 100 Jahre alt geworden wäre. Parteichef Sigmar Gabriel und der Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, legten am Grab des 1992 gestorbenen Politikers einen Kranz nieder. Rasmus Buchsteiner nahm den Tag zum Anlass und sprach mit Egon Bahr (SPD), dem früheren Bundesminister, langjährigen politischen Weggefährten und Freund von Willy Brandt.

Herr Bahr, Sie waren Willy Brandts bester Freund in der Politik. Niemand hat sein Wirken aus so großer Nähe verfolgt. Wäre Willy Brandt betrübt angesichts der heutigen Lage der SPD?
Bahr: Er würde die Situation sorgfältig und auch mit Sorge analysieren. Er würde sicher den Rat geben, dass die SPD ihren Anspruch auf die Führung des Landes weiter aufrechterhalten muss. Sie darf nie ein bloßes Anhängsel von CDU und CSU sein. Willy Brandt wusste, dass die SPD dafür stark bleiben muss und niemals auf 20 Prozent oder darunter sinken darf.
Brandt wurde nach der ersten Großen Koalition Kanzler, als erster Sozialdemokrat überhaupt. Spricht das nicht für den Versuch, es heute wieder mit CDU und CSU zu versuchen?
Ich bin von Sigmar Gabriels Fähigkeiten voll überzeugt. Er hat klug verhandelt. Die SPD kann nicht wählen zwischen einer guten und einer besseren Lösung. Es geht nur um das geringere Übel. Und das ist die Große Koalition. Der Koalitionsvertrag kann sich sehen lassen. Sigmar Gabriel war zu einer Mitgliederbefragung bereit und befindet sich damit in interessanter Nachfolge Willy Brandts und seines Satzes „Mehr Demokratie wagen“.
Wie wichtig ist Brandt heute noch für die Seele der SPD?
Willy Brandt fasziniert die Menschen in der Partei und darüber hinaus. Menschlich gesehen war er eine seltene Mischung: Er war ein Mann der Visionen, aber er hat nie die Bodenhaftung verloren. Aber er war auch ein hervorragender Techniker der Macht. Man kann nicht 24 Jahre an der Spitze dieser Partei stehen, ohne zu wissen, wann man mit wem telefonieren muss. Insofern war er übrigens Helmut Kohl sehr ähnlich.
Was unterschied Brandt denn von Konrad Adenauer, den er als Kanzlerkandidat 1961 herausforderte?
Adenauer hat ihn in diesem Wahlkampf einmal als „Brandt alias Frahm“ bezeichnet. Das war eine diffamierende Anspielung auf Brandts uneheliche Geburt, die Namensänderung und die unpopuläre Emigration. Das hat Wunden gerissen, die niemals verheilt sind. Politisch trennte Adenauer und Brandt viel: Adenauer hat die Bundesrepublik gen Westen geführt, Richtung Nato. Für ihn war die deutsche Einheit entweder unerreichbar oder nicht so wichtig...
Und Brandt glaubte daran, auch nachdem er als Regierender Bürgermeister von Berlin den Mauerbau erlebt hatte?
Er hat fest daran geglaubt und die Zuversicht nie verloren. Wir wollten den Wandel durch Annäherung. Ohne die neue Ostpolitik wäre die deutsche Einheit so nicht gekommen. Der Friedensnobelpreis für Brandt war die frühe Anerkennung dafür.
Was machte Ihre Freundschaft aus?
Ich weiß nicht mehr, wann wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Aber es hat sich schnell ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Wir waren immer zusammen. Eine Woche nach seinem Tod bekam ich einen Brief von seinem Sohn Lars. Als er sich von seinem Vater verabschiedete, hatte er ihn noch kurz gefragt: „Wer waren deine Freunde?“ Er antwortete: „Egon“. Das war für mich der höchste Orden, den ich je bekommen habe.
Was waren Brandts größte Stärken?
Er war ein Glücksfall der Geschichte. Er wurde auch im Osten respektiert wegen seiner antifaschistischen Vergangenheit. Und er bekam Anerkennung im Westen, weil er als Regierender Bürgermeister West-Berlin verteidigt hatte. Er konnte führen. Die Art und Weise, wie er das Bundeskabinett leitete, war einmalig: Er ließ die Kollegen reden und fasste am Ende zusammen, so dass alle nickten - zu einem Ergebnis, das er wollte. Er wollte nicht befehlen, sondern überzeugen. Es ist kein Zufall, dass er als Bundeskanzler nie von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht hat.
Immer wieder Berichte über Frauengeschichten, Stimmungsschwankungen und schwere Depressionen – wie haben Sie Brandts Schwächen erlebt?
Er war sensibel. Natürlich hatte er auch menschliche Schwächen. Dass er sie gezeigt hat und offen mit ihnen umgegangen ist, wurde aber seine Stärke.
1970 reist Brandt nach Polen. Der berühmte Kniefall am Denkmal für die Toten des Warschauer Ghettos – eine spontane Geste oder von langer Hand vorbereitet?
Der Besuch in Warschau war schwerer als der in Moskau. Alles war sorgfältig vorbereitet. Zum Kniefall entschloss er sich aber aus dem Moment heraus. Abends sagte ich meinem Freund: „Das war aber doll.“ Er erwiderte: „Ich hatte das Gefühl, Kranz niederlegen reicht nicht.“
Brandt stolpert über die Guillaume-Affäre: Ein Spion des Ostens im Bundeskanzleramt! In den Akten findet sich eine frühe Warnung von Ihnen...
Ich hatte meine Zweifel an einem Mann aus Ost-Berlin niedergeschrieben. Eines Tages stand jemand vor mir und sagte: „Guten Tag, ich bin Günter Guillaume.“ Darauf fragte ich nach und es hieß, dass man ihn derart sorgfältig überprüft habe, dass er über jeden Zweifel erhaben sei.
War Brandts Rücktritt alternativlos?
Diese Frage hat Brandt lange beschäftigt. Aber er sah die letzte Verantwortung bei sich und schrieb auf: „Ich war das Rindvieh!, das zugestimmt hat, den Bundeskanzler zum Lockvogel zu machen.“
Womit haderte Willy Brandt später beim Blick zurück?
Er war mit sich im Reinen. Brandt leitete die Nord-Süd-Kommission und lernte Michail Gorbatschow kennen. Er glaubte an ihn. Und es war für Brandt ein großes Glück, das Wunder der deutschen Einheit noch miterleben und vor einem gesamtdeutschen Bundestag sprechen zu dürfen. Das war für ihn die Vollendung.

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