zur Navigation springen

Vorsitzender der Polizeigewerkschaft : Der tiefe Fall des Rainer Wendt

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Law-and-Order-Lautsprecher ist verstummt. Die Selbstverteidigung des Chefs der Polizeigewerkschaft

svz.de von
erstellt am 11.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Er nimmt nicht mehr ab. Auf SMS kommen keine Antworten. Rainer Wendt, sonst für Journalisten fast immer erreichbar, ist abgetaucht. Jahrelang war er „die Posaune aus dem Pott“, hat als Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) Sicherheitsrisiken in Deutschland angeprangert, ist als „straffer Vertreter von Recht“ (Selbstbeschreibung) durch die Talkshows getingelt. Den „bekanntesten Polizisten Deutschlands“ nannte ihn die „Bild“-Zeitung. Und dann der jähe Absturz: Zehn Jahre ließ er sich von Nordrhein-Westfalen als Polizeihauptkommissar bezahlen, kassierte 3350 Euro monatlich, obwohl er nicht mehr als Beamter arbeitete, sondern als Gewerkschaftsboss. Die DPolG überwies ihm weitere 520 Euro, hinzu kamen fast 80 000 Euro jährlich für Funktionen in zahlreichen Gremien, unter anderem im Axa-Aufsichtsrat.

Ein Gehalt wie ein Polizeipräsident für Mister Law and Order. Dem vermeintlichen Saubermann droht nun ein Disziplinarverfahren, weil er die Einkünfte aus dem Axa-Aufsichtsrat nicht gemeldet haben soll.

Wendt, 60 Jahre alt, ist im Gespräch ein liebenswürdiger, jovialer Mann. Er kommt aus einfachen Verhältnissen, wuchs im Duisburger Arbeiterviertel Meiderich ohne Vater auf. Mit 16 fing er bei der Polizei an, holte das Abitur auf dem Abendgymnasium nach, und schaffte es mit Fleiß und vorlauter Schnauze bis an die Spitze der mächtigen Polizeigewerkschaft. Kaum ein Sicherheitsthema, zu dem er nicht seine Meinung abgegeben hätte. Und stets mit markigen Positionen – vom Burka-Verbot über die elektronische Fußfessel bis zu Flüchtlingen. Stets warnte er vor dem Verlust an Sicherheit durch „den Rückzug des Staates aus der öffentlichen Daseinsvorsorge“ und nahm die Beamten gegen jede Kritik in Schutz. In seinem Buch „Deutschland in Gefahr“ – ein Bestseller – wettert er gegen „Kuscheljustiz“ und „Spaßpädagogik“.

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember war er so gefragt, dass er mehrere Wochenenden hintereinander seine Frau nicht treffen konnte. Kritiker sehen in ihm wegen seiner strammen Thesen einen Rechtspopulisten und Scharfmacher. Die AfD versuchte, mit einem seiner Sprüche für sich zu werben, doch dagegen wehrte sich Wendt entschieden. Frauke Petry habe er gesagt: „Glauben Sie nicht, dass Sie mich an irgendeiner Stelle vereinnahmen können. Sie werden immer auf Widerstand treffen.“

Die Aufrichtigkeit, die er gern zu Markte trug, ist nun erschüttert. Als seine Gehaltsaffäre ins Rollen kam – „Report München“ hatte sie aufgedeckt –, bestritt Wendt zunächst, Beamtensold zu erhalten. „Das war ein klarer Fehler von mir, dazu stehe ich“, räumte er zwar später ein. Doch dafür, dass er jahrelang wegen einer fragwürdigen Absprache mit der NRW-Landesregierung auf Steuerzahlerkosten lebte, hat er keine Reue gezeigt. Die „vorzeitige“ Beendigung seines Dienstverhältnisses sei nicht etwa eine Reaktion auf den Skandal, sondern „Teil meiner persönlichen Lebensplanung“, sagte er der „Bild“-Zeitung, schließlich sei er im vergangenen Jahr 60 Jahre alt geworden.

Am vergangenen Mittwoch verteidigte er die Höhe seines Einkommens und legte seine Bezüge offen, um reinen Tisch zu machen.

Eine der brisantesten Fragen, die noch zu klären ist: Hat Wendt, weil er aus NRW seinen Sold erhielt, die Landesregierung von seiner oft scharfen Kritik ausgenommen, Innenminister Ralf Jäger geschont? Die Absprachen mit CDU-Mitglied Wendt hatte die CDU-geführte Vorgängerregierung getroffen. Damals konnte sich der Gewerkschaftsboss sogar über eine Beförderung freuen – obwohl er schon lange nicht mehr als Polizist arbeitete.

SPD-Mann Jäger weist jede Verantwortung zurück und hat Ermittlungen in Auftrag gegeben. Wendt selbst lässt Nachfragen dazu unbeantwortet. Der NRW-Landesverband seiner Gewerkschaft ist jedenfalls wütend und erhebt schwere Vorwürfe: Der Bundeschef sei dem Landesvorstand „stets mit NRW betreffenden Themen in der Presse und den Medien in die Parade gefahren“, heißt es in einem Brief an die anderen Landesverbände. Damit habe man sich längst abgefunden. Im Zuge der Sold-Affäre aber sei die Lage existenzbedrohend geworden. „Wir werden ab jetzt nur noch auf Lügen und die Einkünfte reduziert“, schreibt der NRW-Landesvorsitzende Erich Rettinghaus.


 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen