Israel : Der Tag danach in Jerusalem

Ein Plakat in Israels Hauptstadt
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Ein Plakat in Israels Hauptstadt

Eine Begegnung mit dem heutigen Israel 70 Jahre nach der der Gründung des jüdischen Staates

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15. Mai 2018, 20:45 Uhr

Am Tag danach ist alles ruhig in Jerusalem. Nach den blutigsten Auseinandersetzungen im Gazastreifen seit 2014 mit 59 Toten geht in der heiligen Stadt das Leben weiter. Am Morgen improvisiert am Zionsplatz in der Nähe des Rathauses eine ältere Frau auf einem eisernen Klavier, das seit wenigen Jahren hier steht, Chopin, Mozart und Schumann. Wenige Schritte weiter am Jaffa Tor zur Altstadt eilen die Gläubigen zur Arbeit. Die Sonne geht über dem Tempelberg auf und taucht die Stadt in einen goldenen Schein. Es ist Dienstag, ein ganz normaler Tag in der „ewig, unteilbaren Hauptstadt Israels“ wie Regierungschef Benjamin Netanyahu gerne betont. Eine friedliche Stadt, möchte man so gerne glauben. Als ich gestern Morgen durch den Independence Park zum Jaffa Tor und den dortigen Yaminn Moshe-Park lief, erinnerte nichts an die schweren Ausschreitungen im nur Hundert Kilometer entfernten Gazastreifen. Die israelischen Medien haben mit keinem Beitrag davon berichtet.

Die israelische Luftwaffe hatte tags zuvor insgesamt elf Ziele der radikalislamischen Hamas im nördlichen Gazastreifen angegriffen. Zusätzlich beschossen Panzer zwei Hamas-Stützpunkte im Norden und Süden des Küstengebietes. Die palästinensische Bevölkerung brannte einmal mehr Tausende Reifen an den Grenzen ab, um vor allem Frauen und Kinder gegen die Grenzzäune zu schicken. Ein achtjähriges Mädchen sei erstickt, nachdem es von israelischen Soldaten eingesetztes Tränengas eingeatmet habe, teilte das Gesundheitsministerium in Gaza in der Nacht zum Dienstag mit. Bereits am Freitag hatten Palästinenser nach Angaben der israelischen Armee bei Ausschreitungen den Warenübergang nach Gaza erneut in Brand gesetzt. Der einzige Übergang, über den der Gazastreifen mit humanitären Hilfsgütern und Warenlieferungen versorgt wird, war mehrere Tage nicht benutzbar. Israel schickt nach eigenen Angaben täglich Hunderte Lkw mit Lebensmittel und Hilfsgüter in den Gazastreifen.

In Ost-Jerusalem und den Palästinensergebieten hatten gestern alle Geschäfte geschlossen. Niemand ging zur Arbeit. Wegen der schweren Ausschreitungen traten die Menschen in einen Generalstreik. Auch Schulen, Universitäten und Regierungseinrichtungen blieben zu.

38 Prozent der Bevölkerung Jerusalems sind Palästinenser. Zu ihnen gehört Ahmad Muna. Seine Familie hat vor 25 Jahren einen Buchladen in Ost-Jerusalem eröffnet. „Der erste Buchladen im Stadtviertel, der Bücher auf Englisch, Französisch und Deutsch anbietet“ erzählt er stolz. Viele politische Bücher sind darunter. Er selbst hat vor wenigen Jahren ein Café hinzugetan. „Sein Laden ist ein Kulturzentrum, seine Waffen sind Bücher“ sagt Shalom Boguslavsky, ein in Sibirien geborener Blogger, der seit 1981 in Jerusalem lebt und für die Hilfsorganisation Ir Armim arbeitet. Er zeigte uns gestern Ahmads Antwort auf die Israelische Misere. Seinen Buchladen, nur zwei Ecken vom jüdisch-orthodoxen Stadtteil Mea Shearim entfernt.

Ahmad Muna hat keinen Israelischen Pass. 38 Prozent Palästinenser in Jerusalem haben keinen israelischen Pass. 370 000 Menschen. Sie sind Bewohner der heiligen Stadt, aber nicht Bürger des Staates. Ahmad hat eine Aufenthaltsgenehmigung. Sieben Jahre hat er in London studiert und gearbeitet. Dann musste er zurück. „Sonst hätte ich meine Aufenthaltsgenehmigung verloren. Es gibt ein israelisches Gesetz, dass Loyalität zum Maßstab der Aufenthaltsgenemigung macht“ erzählt der Muslim. Er könnte die israelische Staatsbürgerschaft erhalten. Aber die Bedingungen dafür überschreiten seine Loyalität – und seine Zeit. „Was könnte ich ändern“ fragt er. 75 Prozent der Staatsbürger Israels sind Juden. 21 Prozent Araber. „Israel kontrolliert unser gesamtes Leben“ sagt Ahmad, der mit seiner Aufenthaltsgenehmigung für Jerusalem nicht einmal ins Westjordanland, ans Meer oder an den See Genezareth darf. „Die palästinensische Autonomie-Behörde, die Regierung, hat keine Macht. Selbst Präsident Mahmud Abbas muss wie Ahmad Muna Visa und Papiere beantragen, um ins Ausland zu fahren. Eine Zwei-Staaten-Lösung, wie von der Weltgemeinschaft in die Diskussion gebracht, ist längst vom Tisch, sagt Ahmad. „Der Status quo ist das Beste für Israel.“

Am Zionsplatz hat die Klavierspielerin gewechselt. Eine ältere Frau improvisiert die Melodie von „Israel aus Gold“. Ein Klassiker der israelischen Liederbücher. Sein Komponist Naomi Schemer ließ sich vom Sechstagekrieg 1967 dazu inspirieren. Damals wurde Ost-Jerusalem erobert. Seither feiert der jüdische Teil der Stadt am 13. Mai den Jerusalem-Tag als „Tag der Wiedervereinigung“. Von der palästinensischen Bevölkerung wird der 15. Mai, gestern, als Nakba, der Tag des Unglücks, begangen. Auf schwarzen Fahnen in Ost-Jerusalem ist auf arabisch zu lesen: „Wir kehren zurück.“

Am Sonnaben beginnt in dieser Zeitung eine Serie über Israel.



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