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Checkpoint: Demokratie : „Der solidarische Kitt geht verloren“

vom
Aus der Onlineredaktion

Interview mit der TV-Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan über eine neue Initiative gegen Fremdenhass

Renan Demirkan (61) hat als Reaktion auf zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Sprachverrohung in Deutschland die Initiative „Checkpoint: Demokratie“ gestartet. Die rund 80 Unterzeichner der in der Vorwoche veröffentlichten Manifeste, darunter Schauspieler Heiner Lauterbach und Theologe Friedrich Schorlemmer, fordern die Politik zur Stärkung der Demokratie auf. Mit Diskussionen an Schulen, Universitäten, in Cafés und auf Plätzen will die Initiative auch gegen die Verunsicherung durch die Flüchtlingskrise angehen. Tobias Schmidt sprach mit der Initiatorin über die Aktion:

Was hat Sie angetrieben?
Demirkan: Rassistisch motivierte Übergriffe sind in Deutschland leider nicht neu. Unvergessen Solingen und Mölln in den 90-er Jahren. Jedoch stieg die Anzahl der Übergriffe in den letzten fünf Jahren wieder und hat sich in den zwei vergangenen Jahren nochmal fast um das Fünffache gesteigert.

Physische Übergriffe, Mordanschläge, Brandsätze gegen Flüchtlingsheime – bei diesen Tätern hat sich die Humanität aufgelöst. In der AfD sehe ich ein bürgerliches Sammelbecken für Rassismus in neuen Farben. Wenn führende Köpfe in der Partei sagen, „völkisch“ sei ein normales Adjektiv, dann wird es für mich wirklich brenzlig. Das ist nicht mehr demokratisch. Auch der Begriff „Umvolkung“, den eine CDU-Abgeordnete jetzt benutzt hat, ist schlimm. Das Fundament der Demokratie ist die Offenheit, und die ist in Gefahr.

Was setzen Sie dem entgegen?
Diejenigen, die nicht ausgrenzen, die keine Flüchtlingsheime anzünden, sind noch in der Mehrheit. Aber wir sind nicht deutlich genug, und das muss sich ändern. Wir müssen uns auch klar werden, warum das so weit gekommen ist. Die Hartz-IV-Reformen, die ökonomischen Reformen, die Veränderung der Arbeitswelt haben aus uns eine Gesellschaft von Ichlingen gemacht. Der solidarische Kitt geht verloren. Wenn sich die Verunsicherung auch in rassistischen Übergriffen entlädt, ist das vielleicht verständlich, aber nicht akzeptabel. Deswegen muss die Politik mit sozialen Reformen reagieren und nicht vor dem Kapitalismus resignieren, um gegen die Verunsicherung vorzugehen.

Ist Rassismus salonfähig geworden?
Es gibt immer mehr Menschen, die von der Sündenbocktheorie überzeugt sind. Ich traf gerade einen Politiker aus Essen, der einmal ein Sozialdemokrat war. Jetzt sagt er, für die Probleme im Ruhrgebiet seien die Flüchtlinge verantwortlich, obwohl die Region seit dreißig Jahren im Umbruch ist. Das beängstigt mich.

Was ist Ihre Antwort auf diese Fremdenfeindlichkeit, die Verrohung der Sprache?
So lange wir nichts vom anderen wissen – ob es nun ein Krimineller ist, ein Flüchtling oder ein Marsmensch - sind wir skeptisch, das ist menschlich. In dem Moment, in dem ich den anderen kennenlerne, ist er für mich nicht mehr bedrohlich. Dann erkenne ich das gemeinsame, so dass ich ihn weder totschlagen noch anzünden oder demütigen möchte. Das ‚Wir‘ entsteht nur durch ein gemeinsames Miteinander, dem Reden, dann setzt sich die Vernunft durch.

Ist der Kulturbetrieb im vergangenen Jahr zu leise gewesen, hat er die wachsende Fremdenfeindlichkeit ignoriert?
Ja, das muss man unbedingt so sagen. Wir Kulturschaffenden sind jetzt gefragt, wir müssen die Zusammenhänge erklären. Künstler, Denker und Autoren müssen jetzt klarmachen: Unsere Software ist der Mensch.

Sie haben türkische Wurzeln. Spielt Ihre Herkunft eine Rolle für Ihr Engagement?
Von der orientalischen Kultur habe ich die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Dass wir handlungsfähige Menschen sind, die eine andere Zukunft schaffen können, habe ich hier von meinen christlichen und jüdischen Vorbildern gelernt. Unabhängig von meiner Herkunft hat mich aber mein Leben gelehrt: Alles Abgrenzende der vergangenen zweieinhalbtausend Jahre hat immer zu Zerstörung und Krieg geführt.

Aber wir sind in einer technischen Zeitenwende, dessen Bedrohungspotenzial unüberschaubar geworden ist. Deshalb muss die nächste Entwicklungsstufe der Menschengeschichte ein Miteinander sein, das gleichzeitig auch weit mehr ist als das bisherige Nebeneinander, denn so eng vernetzt waren wir noch nie.

Wir müssen darüber reden – wie wir leben, arbeiten, wohnen, heilen, essen und lernen wollen, wie wir Börsen und Banken besser kontrollieren können, und wie sozialpolitische Entscheidungen global besser zu synchronisieren sind. Und über noch vieles mehr – was Menschen verbindet.

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