Emmanuel Macron : Der neue Napoleon

Thibault Camus
Thibault Camus

Heute wird Emmanuel Macron 40 Jahre alt. Seit Bonaparte hatte Frankreich kein so junges Staatsoberhaupt mehr – und beide eint grenzenloses Selbstbewusstsein und ein großer Ehrgeiz.

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20. Dezember 2017, 20:55 Uhr

Eine Anhängerin von Emmanuel Macron war Marie nie. Erst in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl im Mai hat sie für ihn gestimmt, um die Rechtspopulistin Marine Le Pen zu verhindern – keineswegs aus Überzeugung. Jetzt verschickt die junge Französin gerne Fotos über die sozialen Netzwerke, die Frankreichs Präsidenten komisch aussehen lassen, etwa seinen Tick, mit einem Auge zu zwinkern. Oder wenn er mit einem sonnyboyhaften Siegerlächeln den Daumen nach oben reckt. „Ich würde Macron gerne mal anfassen, um herauszufinden, ob er wirklich echt ist“, spottet Marie, die sich als Linkswählerin bezeichnet.

Viele seiner Kritiker werfen ihm dieses allzu glattgebügelte Auftreten eines Überfliegers vor, der sich seiner vielzähligen Talente offensichtlich bewusst ist: Als junger Mann gewann er Klavierspiel-Wettbewerbe, und er gilt als blitzgescheit. „Ein so perfekter Mann“, lautet der Untertitel der französischen Originalversion einer der ersten Macron-Biografien. Die Autorin Anne Fulda geht darin den Ursprüngen seines rasanten Aufstiegs nach.

Macron, der heute seinen 40. Geburtstag feiert, ist das jüngste Staatsoberhaupt Frankreichs seit Napoleon. Beide wollten schnell ganz hoch hinaus, beide zeichnet wohl auch eine gewisse Angstlosigkeit, ja Dreistigkeit, aus, die sie erst so weit gebracht hat. Als wären sie unbesiegbar – was sich zumindest im Fall Napoleons als Trugschluss erwies.

Doch die Vergleiche sollten nicht überstrapaziert werden. Macron ist ein Kind seiner Zeit, er entstammt einer gutbürgerlichen Arztfamilie aus dem nordfranzösischen Amiens. Zu seiner inzwischen verstorbenen Großmutter, einer ehemaligen Schuldirektorin, pflegte er eine enge Beziehung. Sie brachte ihm die Liebe zur Literatur bei, hielt ihn aber auch zu diszipliniertem Fleiß an. Am Jesuitengymnasium, wo Emmanuel Macron und seine beiden Geschwister als besonders begabt auffielen, traf er seine heutige Frau Brigitte, damals verheiratete Mutter von drei Kindern und Lehrerin. Sie leitete die Schultheatergruppe, bei der er mitspielte. Beim gemeinsamen Umschreiben eines Theaterstückes kamen sie sich näher, verliebten sich und begannen irgendwann eine – zunächst heimliche – Beziehung, die 2007 mit der Ehe gekrönt wurde. Als Mittdreißiger wurde er so zum Stiefvater der drei etwa gleichaltrigen Kinder seiner Frau und hat inzwischen sieben Enkelkinder.

Macron führe ein „romanhaftes Leben“, sagt seine Biografin Fulda. Das Erstaunliche an dem Ehepaar sei nicht nur der Altersunterschied von knapp 25 Jahren: „Sie war auch seine einzige Frau. Abgesehen von einer kurzen Liebelei mit einem gleichaltrigen Mädchen als Teenager hatte er nie eine andere als Brigitte.“ Sie gilt als Macrons engste Vertraute und Beraterin, die alle Etappen seines Lebens begleitete: das Philosophiestudium in Paris, den Besuch der Elitehochschulen Sciences Po und ENA, seinen Job im Finanzministerium, die Jahre bei der Privatbank Rothschild & Cie. Er ließ sich von François Hollande zunächst als Berater und nach dessen Wahl als Wirtschaftsberater engagieren.

Den Medien fiel der selbstbewusste junge Mann schnell auf, der 2014 Wirtschaftsminister wurde. Zumal er gerne provozierte, etwa mit der Aussage, mit einer Einkommenssteuer bis zu 75 Prozent wäre Frankreich „wie Kuba, nur ohne Sonne“. Obwohl er sich inzwischen meist staatsmännisch ernst gibt, erlaubt er sich immer noch ab und zu Flapsigkeiten.

Noch als Minister gründete Macron seine Bewegung „En marche!“ („Vorwärts!“), die seine Initialen trug, und lancierte schließlich seine eigene Präsidentschaftskampagne, seinen Förderer Hollande gnadenlos überholend. Für die einen erwies er sich damit als treuloser Opportunist, für die anderen stellte er feines politisches Gespür unter Beweis, da er das Potenzial für ein neues Angebot in der Mitte der Gesellschaft erkannt hatte, das alte ideologische Gräben überwand. Mit einem umfangreichen Reformprogramm, das er bereits anging, und einem klar proeuropäischen Kurs gewann er die Wahl, überrumpelte und überraschte damit die Franzosen. Und das wird er wohl auch in den kommenden Jahren immer wieder tun. Andreas Herholz

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