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Streitbar : Der Makel als Tugend

vom
Aus der Onlineredaktion

Donald Trump will sich während der TV-Debatten gar nicht mit Hillary Clinton auseinander setzen, sondern seine Anhänger bedienen, analysiert Jan-Philipp Hein.

Hillary Clinton hat das TV-Duell mit ihrem Konkurrenten Donald Trump haushoch gewonnen. Zu diesem Ergebnis kommen die meisten Kommentatoren in den USA und Europa. Beruhigend ist daran jedoch gar nichts.

Im Gegenteil: Wenn Profis in einer Person Sachverstand, Intelligenz und Klugheit sehen, erkennen Wutbürger – die aktuelle Trendbewegung des Westens – in ihr Arroganz, Borniertheit und Selbstsucht. Ein Phänomen, das für Amerika genauso zutrifft wie für Europa. Professionalität ist zu einem Stigma geworden. Berufspolitiker stehen unter Generalverdacht: Sie verträten nur noch ihre eigenen Interessen oder die finsterer Lobbys, sie seien korrupt, gierig, Einflussagenten oder gar Volksverräter, der gesamte Politikbetrieb folglich ein scheinheiliges Theater, eine einzige verkommene Veranstaltung.

Wer glaubt, dass Donald Trump sich als das Gegenteil inszeniere, liegt allerdings falsch. Trump ist verlogen, seine Biographie steckt voller Skandale, seine Meinungen und Haltungen wechselt er je nach Situation. Prinzipien, die ihm heilig wären, gibt es nicht. Der Mann ist ein Opportunist. Sein Erfolg – und davon muss man sprechen, wenn jemand wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen beste Chancen hat, sie zu gewinnen – beruht darauf, dass er den kalten Zyniker mimt, den seine Anhänger in anderen Politikern zu erkennen meinen.

Wenn Hillary Clinton im TV-Duell darauf hinweist, dass Trump aus persönlichen Profitinteressen den Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes herbeisehnte, streitet der das nicht etwa ab, sondern sagt: „Das ist Geschäft.“ Jedem anderen Politiker würde so etwas den Hals brechen, Trumps Anhänger feiern ihren Messias für so eine Kaltschnäuzigkeit.

So ist der Wahlkämpfer Donald Trump gleichzeitig zutiefst ehrlich und unehrlich. Auf der einen Seite streitet er eigene Zitate ab, wie etwa seine auf Twitter gepostete Behauptung, dass der Klimawandel ein von China verbreitetes Märchen sei. Auf der anderen Seite gibt er sich keine Mühe, gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Als Hillary Clinton im Duell mutmaßte, ihr Widersacher veröffentliche im Gegensatz zu allen Präsidentschaftskandidaten seit 40 Jahren seine Steuererklärungen nicht, weil er womöglich keinen Dollar Steuern bezahle, wie es ihm schon einmal in der Vergangenheit nachgewiesen wurde, sagte der: „Das macht mich schlau.“ Den Versuch, gesamtgesellschaftliche Verantwortung als ehrlicher Steuerzahler wenigstens zu heucheln, macht Trump gar nicht erst. Er gilt hingegen als ehrlich, weil er Tricksereien nicht als Makel, sondern als Tugend ausgibt.

Damit setzt Trump die bisher gültigen Regeln eines Wahlkampfs in westlichen Demokratien außer Kraft. Was der republikanische Spitzenkandidat in den Vereinigten Staaten treibt, kennen wir von der Inszenierung eines anderen starken Mannes. Wir kennen es aus Russland. Wladimir Putin und sein Propagandaapparat bemühen sich im Inland auch weniger darum, den Kremlchef und seine Lakaien als makellos und vertrauenswürdig darzsutellen. Viel mehr Mühe wird darauf verwandt, den Westen als genauso verdorben, schmutzig und korrupt wie das eigene autokratische System zu zeichnen. Es gilt die Ruhrgebietsprämisse: „Woanders ist auch scheiße!“

Das alles zielt darauf ab, sämtliche Werte zu relativieren und sie damit aufzulösen. Freiheit? Eine Worthülse. Demokratie? Theater. Gleichberechtigung der Geschlechter? Was für Hochglanzmagazine. Pressefreiheit? Für die, die sich Journalisten kaufen können. Gerechtigkeit? Nur mit teuren Anwälten. Diese Welt, in der auch Trump funktioniert, die Welt seiner Anhänger also, ist eine, in der nichts mehr gilt. Wer in dieser Welt mit Idealen und Werten kommt, muss entweder ein naiver Spinner oder ein Heuchler sein. So wie Hillary Clinton, die ja schließlich auch durch politische Affären musste und die dennoch ein besseres Amerika beschwört. Ihr Kontrahent Trump belässt es dabei, die Gegenwart in düstersten Farben zu zeichnen. Er wolle Amerika wieder groß machen, sagt er. Dass er dafür Regeln brechen würde, gehört zur Inszenierung. Starke Männer dürfen das schließlich.

An dieser Stelle erklärt sich, warum Trump Putin bewundert, der sich als unumschränkter Herrscher um Regeln nicht scheren muss. Der Mann im Kreml sei wenigstens ein Führer, sagte der Präsidentschaftskandidat Trump und ergänzte, dass man das über das politische Spitzenpersonal der USA nicht sagen könne.

Gegen eine solche Strategie lässt sich kaum Wahlkampf machen. Natürlich ist Hillary Clinton besser vorbereitet als Trump, natürlich kennt sie den politischen Apparat Washingtons besser als Trump, natürlich hat sie bessere Beziehungen als er. Natürlich hat sie ihre Steuererklärung veröffentlicht. Das alles wird Trumps Anhängern allerdings völlig egal sein. Sie ist Establishment, er soll mit diesem verkommenen System jetzt bitte mal aufräumen. Möge die Scheinheiligkeit verschwinden und endlich mal einer zupackend regieren – ob mit oder ohne Regeln.

Zwei Dinge sind schwierig: Erstens: Diese Haltung nachzuvollziehen. Zweitens: Sich einzugestehen, dass man mit ihr etwas zu tun hat. Das gilt jedenfalls für die Politik und uns hier im Medienbetrieb. Die Bewunderung für diesen „postfaktischen“ Politikstil, wie das jetzt seit ein paar Tagen heißt, gedeiht in Milieus, die sich selbst und ihre Lebensrealitäten beim Zeitungslesen und Fernsehschauen schon lange nicht mehr gespiegelt finden – hier und in den USA.

Es sind Politiker, die um unbequeme Themen und Regionen einen großen Bogen machen und Journalisten, die beim Schreiben und Recherchieren an urbane Eliten denken, die das Entstehen dieser Parallelgesellschaften erst übersahen und jetzt keinen Bezug mehr zu ihnen finden. Es geht nicht darum, dass falsch berichtet würde. Es geht darum, dass Journalisten bei ihrer Arbeit Schwerpunkte setzen, die mit den Erwartungen, Problemen und Bedürfnissen ihres mittlerweile verlorenen Publikums wenig bis nichts zu tun haben. Nicht immer. Aber zu oft. „Die interessieren sich doch gar nicht mehr für unsere Probleme“, kann man von denen hören, die noch nicht „Lügenpresse“ schreien. Wir müssten öfter hinhören. Das wäre ein Anfang. Für die Politik gilt das genauso.

In diesem Vakuum breiten sich Linkspartei und AfD sowie obskure Blogs, Russia Today und radikale Magazine aus. Aus Problemen mit Flüchtlingen machen diese existenzielle Bedrohungen des Abendlandes, aus einzelnen korrupten Volksvertretern machen sie ein verfaultes System, aus der Eurokrise den bevorstehenden Zusammenbruch der ganzen westlichen Welt. Wo wir von den etablierten Medien zu wenig hinschauen oder zu weit weg sind, können die PR-Agenten des Weltuntergangs machen, was sie wollen.

Sie werden uns bald erklären wollen, dass die AfD die Probleme des Landes besser lösen könne als etablierte Kräfte. Sie werden uns sagen, dass die Spitzenkandidaten von Union und SPD – wer auch immer das sein wird – arrogant, borniert und selbstsüchtig seien. Wir werden außerdem eine AfD erleben, die aus Trumps Wahlkampf ihre gefährlichen Schlüsse ziehen wird. Wir haben was vor uns.

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