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Porträt : Der große Versöhner

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ringstorff hat den Grundstein gelegt, dass die SPD bis zu den letzten Kommunalwahlen fest verwurzelt war in MV

Harald Ringstorff und Mecklenburg-Vorpommern, das war ein Jahrzehnt lang bis 2008 ein politisches Wortpaar. Der Sozialdemokrat hat das Land geprägt, wie wohl kein anderer vor ihm – und nach ihm. Harald Ringstorff erreichte Beliebtheitsgrade, von denen andere nur träumen können. Ringstorff hat den Grundstein gelegt, dass die SPD bis zu den letzten Kommunalwahlen fest verwurzelt war im ansonsten konservativen Mecklenburg-Vorpommern.

Der heute 74-Jährige begann seine Amtszeit an der Spitze des Landes 1998 mit einem Paukenschlag, der die ganze Bundesrepublik aufhorchen ließ. Mit einem Tabubruch. Nach acht Jahren Wartezeit und mit Bonner Rückenwind – Helmut Kohl wird abgewählt, Gerhard Schröder gewählt – überholt auch die SPD in MV erstmals die CDU. Für den SPD-Spitzenkandidaten Harald Ringstorff ist dies der Zeitpunkt des Kurswechsels. Erstmals wird in Deutschland eine rot-rote Koalition geschmiedet. Ringstorff läuft Spießruten. Auch in der eigenen Partei. Die „Schweriner Verhältnisse“ werden geboren und bundesweit geächtet. Und was macht Ringstorff? Er geht unbeirrt seinen Weg.

Die PDS-Minister erwiesen sich als zuverlässige Partner. Noch als Ringstorff im Sommer 2008 nach zehn Jahren an der Spitze des Landes seinen Rücktritt ankündigt, schließt er in seine Erfolgsbilanz ausdrücklich die nunmehrige Linkspartei mit ein: „Die Saat der vergangenen Jahre geht auf. Damit meine ich ausdrücklich die acht Jahre Rot-Rot und die zwei Jahre Rot-Schwarz.“ Der gebürtige Wittenburger steht zu seinen Entscheidungen.

Der viel größere Paukenschlag 1998 war jedoch Ringstorffs Versöhnungskurs. In einer Zeit, als Deutschland tief gespalten war, ruft er in seiner Regierungserklärung auf, „unsere gespaltene Gesellschaft zusammenzuführen. Wir alle wissen, welche Gräben unser Land durchziehen – Gräben zwischen Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, und solchen, die vergeblich Arbeit suchen, zwischen Gewinnern der Wende und Wendeverlierern... zwischen Bürgern ostdeutscher und Bürgern westdeutscher Herkunft...“ Der damals 59-Jährige musste selbst sein jahrelang renoviertes Haus an die Alteigentümer abgeben.

Ringstorff macht aus seinem Ärger keinen Hehl. Auch nicht aus seinen Niederlagen, die er in den 1990ern immer wieder einstecken musste. Als der CDU 1994 der Koalitionspartner FDP verloren geht, wird Ringstorff Wirtschaftsminister unter einem CDU-Ministerpräsidenten – bis zur zweiten Werftenkrise im April 1996. Es folgt eine Regierungskrise, die letztlich den Wirtschaftsminister sein Ministerium kostet. Ringstorff muss zurück in die Fraktion. Emotionales hat für ihn in der Politik nichts zu suchen. So ist es auch wenig verwunderlich, dass er nach den Wahlen 2006 das Bündnis mit der PDS aufkündigt, weil die gemeinsame Ein-Stimmen-Mehrheit keine ausreichende Sicherheit zum Regieren bietet. Ringstorff regierte noch zwei weitere Jahre mit der CDU – und bestimmt den Zeitpunkt seines Rücktritts selbst. Im Sommer 2008 zieht er sich zurück – und lebt seine zweite Passion aus, still in den Landtagsreihen ohne Einmischung in das Handeln seines Nachfolgers widmet er sich dem Erhalt der plattdeutschen Sprache. Manche nennen ihn schmunzelnd den größten Mecklenburger nach Fritz Reuter.

Man erlebt den Ex-Ministerpräsidenten scherzend auf Empfängen, wenn es ihm seine Krankheit erlaubt und vor allem mit einem besonderen, trockenen Humor. Und wenn er mal wütend ist, so klingt das höchste Maß an Gefühlsausbruch so: „Das stinkt mich jetzt an.“


 

 

 

 

 

 

 

 

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erstellt am 10.Jun.2014 | 22:00 Uhr

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