Preisträger Colin Gonsalves : Der Anwalt der Schwächsten

Der frühere Ingenieur Colin Gonsalves ist der Anwalt der Schwächsten am Obersten Gericht Indiens.
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Der frühere Ingenieur Colin Gonsalves ist der Anwalt der Schwächsten am Obersten Gericht Indiens.

Die Träger der Alternativen Nobelpreise tragen Kämpfe aus, die andere längst mutlos aufgegeben hätten. Der Inder Colin Gonsalves macht das wieder und wieder. Ein Preis für einen, der den Verletzlichsten eine Stimme gibt.

svz.de von
26. September 2017, 21:00 Uhr

Berge aus schwarzem, verrottetem Getreide. Gigantische Mengen, die niemand mehr essen kann. Fünf Kilometer weiter ein Dorf hungernder Menschen. Das eine Kind isst an einem Tag, das andere am nächsten. Um alle zugleich satt zu kriegen, ist nicht genug da. So beschreibt Colin Gonsalves Indien vor etwas mehr als zehn Jahren.

Die Regierung habe Millionen Tonnen Nahrungsmittel zu viel gebunkert, während in den unteren Bevölkerungsschichten Menschen vor Hunger gestorben seien. Gonsalves zog damals vor Gericht - und erstritt ein „Recht auf Nahrung“, das inzwischen in der Verfassung festgeschrieben ist. Hilfe für 400 Millionen Inder.

Der frühere Ingenieur ist der Anwalt der Schwächsten am Obersten Gericht Indiens. Mit seinem Netzwerk von Menschenrechtsanwälten gibt er den Verletzlichsten eine Stimme. Jetzt bekommt der 1952 geborene Aktivist dafür den Alternativen Nobelpreis.„In einer Zeit, in der Indien, wie viele Länder, autoritärer wird, spielen Colin und sein Anwaltsnetzwerk eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung der Demokratie“, lobt der Direktor der Stockholmer Right-Livelihood-Stiftung, Ole von Uexkull. Die Stiftung vergibt ihre Preise in kritischer Distanz zu den traditionellen Nobelpreisen - an Menschen, die ohne große Lobby helfen.

Auch Gonsalves' Mandanten haben keine Lobby. Es sind moderne Sklaven, ethnische Minderheiten, Flüchtlinge, Slumbewohner, Frauen. Ohne ihn und sein Netzwerk, so beschrieb er in einem Interview, lebten sie alle außerhalb des Rechtssystems, könnten ihre Probleme vor kein Gericht tragen. „Die einzige Gelegenheit, zu der sie mit dem Rechtsstaat in Berührung kommen, ist, wenn sie als Angeklagte vor den Richter geschleift werden.“ In den Fällen geht es meist um Kinderarbeit, die Konfiszierung von Land, sexuelle Belästigung, den Missbrauch von Gefangenen, Menschenhandel. Colin Gonsalves ist an fast allen Fronten zu finden.„Wir machen eine sehr finstere Zeit durch“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur. „Menschenrechte werden in großem Maßstab unterdrückt.“ Es gebe Gewalt gegen Frauen und gegen Minderheiten. Intoleranz steige, Selbstjustiz nehme Überhand.

Seit die hindu-nationalistische BJP von Premierminister Narendra Modi 2014 in Indien an die Macht kam, haben Übergriffe und Lynchmorde durch selbst ernannte Kuhbeschützer zugenommen. Radikale Hindus, denen die Tiere heilig sind, greifen Menschen an, die sie verdächtigen, Kühe geschlachtet oder gegessen zu haben. Die Opfer sind meist Muslime oder Dalits - die früher „Unberührbare“ genannten Angehörigen der untersten Schicht im Kastensystem.

Gonsalves hält sich mit Kritik an der Regierung nicht zurück. In der „größten Demokratie der Welt“ herrsche die Haltung, dass Menschenrechte verzichtbar seien. Wenn der Rest der Welt sich beschwere, spiele das keine Rolle, solange das Bruttoinlandsprodukt weiter steige, sagt er.

Derzeit vertritt Gonsalves 7000 Rohingya, die am Rand des Kaschmir-Tals leben. Die Regierung will sie abschieben. Die Begründung: Terrorgefahr. Als wahren Grund vermutet Gonsalves den muslimischen Glauben der in ihrer Heimat verfolgten Staatenlosen, die in den vergangenen Wochen zu Hunderttausenden erneut vor Gewalt geflohen sind.„Die Auszeichnung kommt zu einer Zeit, in der Indien durch eine dunkle Zeit geht und Menschenrechtsaktivisten unter Druck gesetzt werden“, urteilt Gonsalves. Doch obwohl die Organisationen zuletzt etwa durch den Entzug der Erlaubnis ausländischer Finanzierung geschwächt worden seien, gäben sie nicht auf. „Der Kampf von David gegen Goliath wird weitergehen“, verspricht er.

Ähnliche Hoffnungen hegen andere Preisträger des Alternativen Nobelpreises 2017:

Starke Stimme für die Blinden

<p>Yetnebersh Nigussie</p>
Foto: The Right Livelihood Award

Yetnebersh Nigussie

 

Ohne ihr Handicap wäre Yetnebersh Nigussie wohl nie dort angekommen, wo sie heute ist: Die 35-Jährige war fünf, als sie im ländlichen Norden Äthiopiens an Meningitis erkrankte und erblindete.

Für eine frühe Heirat – ihre Mutter war zehn, als sie verheiratet wurde – fiel sie damit aus, durfte stattdessen ein kirchliches Internat besuchen. Die Nonnen dort halfen ihr, ihr gewaltiges Potenzial auszuschöpfen. „Ich habe erst sehr viel später begriffen, dass Frauen gesellschaftlich benachteiligt sind“, sagt die Menschenrechtlerin.

Nigussie studierte Jura und Sozialarbeit in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, setzte sich bereits während des Studiums für Aids-Kranke ein. Nach ihrem Abschluss gründete sie das Äthiopische Zentrum für Behinderung und wurde dessen Direktorin. In einem Land, in dem Blinde nicht einmal Bankgeschäfte betreiben dürfen, kämpft sie für Gleichberechtigung.

Keine Tabuthemen

<p>Khadija Ismayilova</p>
Foto: The Right Livelihood Award

Khadija Ismayilova

 

Für die 41 Jahre alte Investigativjournalistin Khadija Ismayilova aus Aserbaidschan gibt es bei ihren Recherchen im autoritär geführten Aserbaidschan kein Tabuthema. Sie deckte auf, wie sich die Familie von Präsident Ilham Aliyev in der öl- und gasreichen Ex-Sowjetrepublik bereicherte. Oft wurde Ismayilova die Arbeit erschwert. Die Mitarbeiterin vom  US-finanzierten Sender Radio Free Europe/Radio Liberty wurde mit der Veröffentlichung von Sex-Videos erpresst und 2014 festgenommen. Wegen Steuerhinterziehung wurde sie zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, nach einiger Zeit aber auf Bewährung freigelassen. Diese Einschüchterungen seien kein Einzelfall, sagte sie.

Chemie-Giganten in die Knie gezwungen

<p>Robert Bilott</p>
Foto: The Right Livelihood Award

Robert Bilott

 

Der Umweltrechtler Robert Bilott aus den USA vertrat in einem 19 Jahre dauernden Rechtsstreit 70 000 Menschen im Umkreis von Parkersburg (US-Bundesstaat West Virginia), deren Trinkwasser mit Perfluoroctansäure (PFOA) verseucht worden war.  Der 52-Jährige trat dabei gegen den US-amerikanischen Chemie-Giganten DuPont an. Er erstritt nicht nur eine Entschädigung für seine Mandanten, sondern drängt seitdem auch auf eine bessere Regulierung giftiger Chemikalien. Der Fall brachte laut Right Livelihood Stiftung zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse über PFOA und führte letztlich dazu, dass die Produktion der gesundheitsschädlichen Chemikalie weltweit nach und nach eingestellt wird.

Bilott erhielt den undotierten Ehrenpreis. Die anderen Auszeichnungen sind mit  mit je rund 105 000 Euro dotiert.

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