Bilanz nach 25 Jahren Deutsche Einheit : Demokratie statt Diktatur des Proletariats

Günther Krause (l.) und Joachim Gauck während der letzten Arbeitssitzung der Volkskammer
Günther Krause (l.) und Joachim Gauck während der letzten Arbeitssitzung der Volkskammer

Der damalige Verhandlungsführer Günther Krause zieht Bilanz: „Wir haben die blühenden Landschaften doch längst!“

23-73726605_23-73975940_1442568152.JPG von
23. August 2015, 09:00 Uhr

Günther Krause (CDU), 1990 Verhandlungsführer der DDR-Regierung für den Einigungsvertrag sprach mit Rasmus Buchsteiner über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, die Frage einer neuen Verfassung für Deutschland und ein mögliches Weiterbestehen der DDR.

Herr Krause, in der Nacht zum 23. August ist der Beitritt zur Bundesrepublik beschlossen und der Weg zur Einheit geebnet worden. Wie haben Sie die Sitzung in Erinnerung?
Krause: Es war eine lange Sitzung. Um 2.46 Uhr wurde das Ergebnis verkündet und wir hatten die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit für den Beitritt zur Bundesrepublik. Mir ist damals ein Stein vom Herzen gefallen. Ich war sehr glücklich über die Entscheidung.

Einige träumten von einer neuen Verfassung für das vereinte Deutschland. Lief mit dem Beitrittsbeschluss alles auf eine Übernahme des West-Systems hinaus?
Im Einigungsvertrag sind umfangreiche Veränderungen des Grundgesetzes geregelt worden. Und es wurde eine Verfassungskommission einberufen, die von 1991 bis 1994 getagt hat. Die Kommission hat schließlich festgestellt, dass eine gemeinsame EU-Verfassung wichtiger wäre als ein neues Grundgesetz. Innerhalb der kurzen Zeit bis zur Einheit war es ohnehin nicht möglich, eine neue Verfassung zu machen.

In der Nacht der Entscheidung sagte Gregor Gysi , es sei gerade der Untergang der DDR beschlossen worden.Haben Sie der DDR jemals nachgetrauert?
Ich habe mich noch in der Nacht bei Gregor Gysi entschuldigt, dass unsere Fraktion seinen Beitrag damals mehr oder weniger entwürdigt hat. Dennoch: Die DDR war eine Diktatur, keine Demokratie. Kein Rechtsstaat, sondern nach ihrer Verfassung die Diktatur des Proletariats. Wir sind in einer parlamentarischen Demokratie besser aufgehoben als in einem Quasi-Einparteienstaat. Heute gibt es immer noch einige Punkte, bei denen sich die DDR durchgesetzt hat: Die Kinderbetreuung zum Beispiel. Ich habe im Einigungsvertrag gegen westdeutschen Widerstand durchgesetzt, dass die Kinderbetreuungseinrichtungen im Osten so bleiben konnten wie sie waren. Heute zieht der Westen nach.

Helmut Kohl versprach blühende Landschaften im Osten. Welche Fehler wurden im Einigungsprozess gemacht?
Wir haben die blühenden Landschaften doch längst! In kurzer Zeit ist sehr viel erreicht worden. Nehmen Sie den Bau der A20: Das war und ist eine Erfolgsgeschichte. Schwerin, Rostock oder andere Städte – wer das mit 1990 vergleicht, erkennt sofort, dass blühende Landschaften entstanden sind.
Natürlich sind auch Fehler gemacht worden. Ob die Werftenprivatisierung richtig war, weiß ich nicht. Aber die Einführung der Marktwirtschaft, die Stärkung des Mittelstandes und der Aufbau von Gewerbegebieten haben zu neuem Wohlstand geführt. Helmut Kohl hat von drei bis fünf Jahren gesprochen. Nach 15 Jahren hatten wir den Durchbruch erreicht.

Wie kam es dazu, dass der 3. Oktober zum Tag der Deutschen Einheit wurde?
Na, weil wir das wollten… Der Westen hatte die Idee, es am 6. Oktober zu machen. Dann hätte es immer den Bezug zum Gründungstag der DDR am 7. Oktober gegeben. Das wollten wir nicht. Deshalb ist es der 3. Oktober geworden, der erste Tag nach Abschluss des Zwei-plus-vier-Vertrages. Damit waren beide deutsche Staaten erst völkerrechtlich souverän geworden. Zugespitzt kann man sagen: Die Wessis haben uns zu danken, dass wir die Revolution gemacht haben, damit sie selbst souverän werden konnten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen