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Kanzlerin zu Besuch im Ex-Stasi-Gefängnis : „DDR-Unrecht nicht vergessen“

vom
Aus der Onlineredaktion

Merkel und das Grauen von Hohenschönhausen

svz.de von
erstellt am 11.Aug.2017 | 20:45 Uhr

Meterhoch sind die Mauern, oben gesichert mit Stacheldraht. Die schwere Holztür wird nun entriegelt. Angela Merkel betritt den so genannten Freiganghof im früheren Berliner Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, schaut sich um, hält einen Moment inne. Die Kanzlerin gestern zu Besuch an einem Ort, der wie kaum ein andere für den Schrecken der DDR-Diktatur steht. Es ist ihr erster Termin nach ihrem Urlaub. Merkel will ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Draußen vor den grauen Gefängnismauern warten frühere Häftlinge, fordern höhere Renten und werfen der Kanzlerin Inszenierung vor: Ihr gehe es nur darum, mit dem Abstecher nach Hohenschönhausen im Wahlkampf einen Punkt zu setzen.

Der Termin jedenfalls war nicht zufällig gewählt: Am  Sonntag jährt sich der Bau der Berliner Mauer. „Wir können nur eine gute Zukunft gestalten, wenn wir uns der Vergangenheit annehmen“, bringt die „gelernte DDR-Bürgerin“ Merkel ihre Botschaft auf den Punkt. Der Bund werde sich weiter engagieren, um die Erinnerung an solche authentischen Orte offen zu halten. Es sei wichtig, sich kraftvoll für Demokratie und Freiheit einzusetzen und auch gegen Linksradikalismus vorzugehen. Das DDR-Unrecht dürfe nicht vergessen werden.

Beim Rundgang erfährt die Kanzlerin, dass jedes Jahr fast eine halbe Million Besucher kommen, was die Gedenkstätte an Kapazitätsgrenzen bringt. 50 000 Interessenten mussten im vergangenen Jahr abgewiesen werden. Neun Millionen Euro will der Bund nun investieren – in die Sanierung des Areals und den Bau von Seminarräumen.

Die Fassaden von Baracken und Hauptgebäude – alles noch wie damals, in DDR-Grau. Bis zur Wende war das Areal Sperrbezirk und ein weißer Fleck auf allen offiziellen Landkarten. Auf den Fluren mit den dreifach verriegelten Zellen riecht es nach altem Linoleum. Hier saßen Zehntausende ein, darunter auch prominente Oppositionelle wie Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Ulrike Poppe und Freya Klier. Hohenschönhausen – ein Ort des Schreckens, an dem mit Druck und Drohungen Geständnisse erpresst wurden. Der frühere Gefängnischef wohnt noch immer hier, gegenüber der Gedenkstätte. Mehr als einmal hat er zu verstehen gegeben, die Häftlinge von damals nicht als Opfer, sondern unverändert als Täter zu sehen.

Im „Camp X“ mussten die Häftlinge Zwangsarbeit leisten. So wie Arno Drefke, der Anfang der 50er-Jahre einen antikommunistischen Jugendverband gründete, schließlich an die Stasi verraten und wegen Spionage zu lebenslanger Haft verurteilt und nach Hohenschönhausen gebracht wurde. Dort zwang man ihn, technische Zeichnungen für Befestigungsanlagen für stillgelegte U-Bahnhöfe in Berlin anzufertigen. So wirkte er am Bau der Berliner Mauer mit. Erfahren hat er davon erst Jahre später.

Drefke, der sonst Besucher durch die Zellentrakte führt und ihnen Vernehmungszimmer  zeigt, steht gestern neben Merkel, als sie am Gedenkstein im Gefängnis-Innenhof einen Kranz niederlegt. Ein besonders bewegender Moment, wie er später sagt.

Noch gibt es Zeitzeugen wie Drefke, die helfen, die Erinnerung wachzuhalten. Aber die Gedenkstelle stellt sich bereits auf Zeiten ein, in denen das nicht mehr so sein wird. Deshalb hat man eine Dauerausstellung konzipiert – mit Video-Sequenzen, Originaldokumenten und Fotos von den Arbeitskommandos der Häftlinge.

Besucherin Merkel bekommt alles gezeigt: Etwa ein Buch, in dem die Stasi Suizide von Häftlingen dokumentierte. Oder den roten Rock, den Freya Klier, mit der die Kanzlerin  heute befreundet ist, früher bei Auftritten trug. Und die schwere Verkollerungsmaschine: Ein Gerät, mit dem hochrangige Stasi-Funktionäre besonders brisante Akten zu einem breiig-klebrigem Etwas verarbeiteten.

Ob auch über die Kanzlerin etwas in den Unterlagen zu finden ist? Viel spricht dafür. Bei ihrem ersten Besuch in Hohenschönhausen – 2009 – war Merkel nach ihren Erfahrungen mit der Stasi gefragt worden. „Sehr unangenehm“ seien die gewesen, antwortete sie damals. Man habe sie als Spitzel gewinnen wollen, bei einer Bewerbung als Physikerin an der Technischen Universität in Ilmenau. Aus der Stelle sei nichts geworden. Denn sie habe abgelehnt – mit der Begründung, sie sei nicht geeignet, weil sie nicht den Mund halten könne.

Merkel wirkt nachdenklich während ihres Rundgangs.  Für die Stasiopfer, die mit ihren Transparenten („Rentenbetrug“) drüben auf der anderen Straßenseite stehen, nimmt sie sich einen Moment Zeit und hört zu. Am Ende bittet sie die Demonstranten, noch einmal schriftlich mit ihr Kontakt aufzunehmen. Ein Hoffnungsschimmer?

 Tatjana Sternberg, die vier Jahre lang wegen eines Ausreiseantrags in Haft saß und diese Zeit nun nicht mehr bei der Rente anerkannt bekommt, bleibt skeptisch. „Mal sehen, ob aus diesem Briefwechsel etwas wird“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Kommentar von Beate Tenfelde: Die Frau aus dem Osten

Nein, Wahlkampf war das nicht, dieser Besuch von Kanzlerin Angela Merkel im berüchtigten Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Dieses beklemmende Kapitel der DDR-Geschichte taugt gewiss nicht dafür. Und doch ist Merkels erster Termin nach der Rückkehr aus einem dreiwöchigen Urlaub ein Signal. Die spröde CDU-Chefin nähert sich den Menschen, zeigt die andere Angela Merkel als eine Frau aus dem Osten, die weiß, wie ein Leben ohne Freiheit ist.

Merkels Besuch  ist ein Fanal – nicht nur an die Deutschen, sondern an alle Welt. Die Kanzlerin rückt ins kollektive Gedächtnis, dass Spitzeleien unter Kollegen, Freunden, selbst in der Familie, sowie Willkür und Folter vor drei Jahrzehnten noch zum ostdeutschen Alltag gehörten. Eine unblutige Revolution hat dem Wirken perfekt organisierter Gesinnungsschnüffler ein Ende gesetzt und der Freiheit zum Durchbruch verholfen. Das ist die ermutigende Botschaft, die von Merkels Besuch  ausgeht.

Die ostdeutsche Geschichte ist auch eine Warnung an die Despoten dieser Welt – wie Nordkoreas Diktator Kim Jong Un, der Zehntausende seiner Landsleute in Lager sperrt und die anderen bei Grassuppe darben lässt.

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