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Interview : „Das Schutzgesetz ist viel zu lasch“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Professor Michael Tsokos spricht über Gewalttaten an Kindern

Die Zahl der Gewalttaten an Kindern geht zwar offiziell zurück, doch Experten geben keine Entwarnung. Rasmus Buchsteiner sprach mit Professor Michael Tsokos, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité.

Professor Tsokos, die Zahl der tödlichen Kindesmisshandlungen in Deutschland ist zuletzt um acht Prozent gesunken. Worauf führen Sie dies zurück?

Tsokos: Diese Zahlen sind für mich kein Grund, Entwarnung zu geben. Bei den Tötungen von Kindern haben wir in Deutschland weiterhin sehr hohe Fallzahlen. Jede Woche werden drei Kinder getötet – oft kommen die Täter aus dem direkten Umfeld. Wir beobachten darüber hinaus wieder eine Zunahme der Fälle von Kindesmisshandlung – um ein Prozent gegenüber dem Vorjahr, verglichen mit 2004 aber um mehr als zehn Prozent. Das darf uns nicht ruhen lassen!

Die Politik hat das Bundeskinderschutzgesetz zuletzt verschärft. Greift die Reform nicht?

Wäre die Reform ein Erfolg gewesen, hätten wir jetzt deutlich sinkende Zahlen bei Kindstötung und Misshandlung. Aber davon kann leider keine Rede sein. Oft gibt es frühzeitig Hinweise auf Gewalt in der Familie, denen aber leider häufig nicht nachgegangen wird.

Wie könnten Staat und Gesellschaft die Kinder besser schützen?

Das Kinderschutzgesetz in seiner jetzigen Form ist viel zu lasch. Wir dürfen nicht immer nur reagieren, wenn es schon zu spät ist. Es ist Zeit für einen wirklich präventiven Kinderschutz in Deutschland. Das bestehende Gesetz ist ein Papiertiger, mehr nicht. Wir brauchen eine ärztliche Reaktionspflicht. Mir geht es nicht um eine Meldepflicht gegenüber der Polizei. Aber jeder Arzt, bei dem ein Kind mit einschlägigen Verletzungen vorgestellt wird, muss verpflichtet werden, dieses Kind in einer Spezial-Ambulanz vorzustellen. Nur so kann ein Verdacht auf Misshandlung
untersucht und geklärt werden.

Sagen die jetzt vorgestellten Zahlen die volle Wahrheit über tödliche Kindesmisshandlungen in Deutschland?

Nein. Es gibt eine hohe Dunkelziffer. Aus Studien bei Erwachsenen wissen wir, dass auf jeden zweifelsfrei festgestellten Tötungsfall ein weiteres unentdecktes Tötungsdelikt kommt.
 

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