zur Navigation springen

Wahl in Frankreich : Das Phänomen Front National

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Sonntag wird in Frankreich gewählt: Rechtspopulistin Marine Le Pen geht mit Anti-Haltung auf Stimmenfang.

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2017 | 10:00 Uhr

Einen  Eklat  wie  am 1. Mai 2015 will die Führungsriege des Front National (FN) künftig vermeiden. Bei der traditionellen Veranstaltung der französischen Rechtsextremen vor der Statue der Nationalheldin Jeanne’Arc stieg der damalige FN-Ehrenpräsident Jean-Marie Le Pen überraschend auf die Bühne und riss die Arme in die Höhe, während ihm Anhänger zujubelten. Daneben wartete seine Tochter, Parteichefin Marine Le Pen – mit versteinerter Miene.

Kurz zuvor war es zum Bruch mit dem Partei-Patriarchen gekommen, der die Gaskammern der Nazis erneut als „Detail der Geschichte“ bezeichnet hatte, obwohl ihm diese Äußerung wiederholt Verurteilungen eingebracht hat. Der Auftritt am Maifeiertag war die eine Provokation zu viel – die Partei schloss ihn aus.

Nun hat FN-Vize Florian Philippot angekündigt, der Aufmarsch am 1. Mai werde durch ein „großes nationales Bankett“ ersetzt und die Hommage an Jeanne d’Arc finde in einer neuen, natürlich „patriotischen“ Form statt. Als offiziellen Grund nannte er die Anschlagsgefahr durch islamistische Terroristen.

dpa_18952600014cee89

Seit sie Anfang 2011 den Vorsitz übernahm, hat Marine Le Pen Frankreichs Zwei-Parteien-System durchbrochen und serienweise Erfolge erzielt: Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 übertraf sie mit einem Stimmenanteil von 18 Prozent ihren Vater, der zehn Jahre zuvor mit 17 Prozent die zweite Runde erreicht und einen nationalen Aufschrei ausgelöst hatte. Davon konnte in den vergangenen Jahren nicht mehr die Rede sein, wo der FN teilweise sogar größte politische Kraft wurde.

Der langjährige Deutschland-Korrespondent der Tageszeitung „Le Parisien“, Christophe Bourdoiseau, zieht einen Vergleich mit der AfD – beide Parteien seien „gegen das System, gegen Europa, gegen den Islam“ und „bieten Rezepte, die unsere demokratischen Werte infrage stellen“. Er warnt davor, die AfD nicht ernst zu nehmen: „Französische Politiker haben gedacht, sie könnten weiterregieren, ohne den FN zu berücksichtigen. Die Medien haben ebenfalls zu lange den FN boykottiert – besser: ignoriert – , statt dessen Argumente mit Fakten zu konfrontieren.“

Das hat sich geändert: Schnitten früher viele Medien den bekennenden Rassisten Jean-Marie Le Pen, so werden seine schlagfertige Tochter oder seine Enkelin, die 26-jährige Parlamentsabgeordnete Marion Maréchal-Le Pen, heute selbstverständlich in Talkshows oder Radiosendungen eingeladen. Das illustriert, dass Marine Le Pens Strategie der „Entdämonisierung“ aufgegangen ist. Sie verbot das Tragen von Nazi-Symbolen bei Parteiveranstaltungen. FN-Kandidaten, die sich offen rassistisch äußern, droht der Ausschluss.

Tatsächlich bedingt sich die Stärke des FN auch durch das Versagen der anderen Parteien: Die Sozialisten unter Präsident Hollande haben enttäuscht mit dem Versprechen, das Land aus seiner wirtschaftlichen und Identitätskrise zu holen. Auch die konservativen Republikaner überzeugen nicht als Opposition. Vergeblich biedert sich Parteichef Nicolas Sarkozy mit einem scharfen Rechtskurs bei FN-Wählern an. Zwar bietet Le Pen nur Schein-Lösungen an, etwa mit der Erklärung, Frankreichs Budgetprobleme ließen sich ganz einfach mit einem „Immigrations-Stopp“ lösen. Sie stigmatisiert, hat kein ausgefeiltes Wirtschaftsprogramm und wettert gegen das „System“, dabei hängen dem FN eigene Korruptionsskandale an. Aber viele Franzosen sind heute so verdrossen, dass sie eine neue Partei „ausprobieren“ wollen. Und sei es nur, um die etablierten zu warnen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen