zur Navigation springen

Streitbar : Das Leben im Rausch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Ursache für die deutsche Verbotskultur ist das Streben nach Kontrolle – doch nur wer über Grenzen geht, kommt weiter, analysiert Jan-Philipp Hein.

Eins vorweg: Natürlich sollte man nicht betrunken, bekifft oder sonstwie sinnestechnisch erweitert oder geöffnet Auto fahren. Das ist nämlich konkret gefährlich und zurecht mit Strafe bedroht. Aber sonst? Welche Gefahr geht von einem Glas Wein beim Mittagessen mit Interviewpartnern aus? Genau: Keine. Warum machen wir es dann nicht, oder nicht mehr? Weil es sich einfach nicht mehr gehört. Wie reaktionär! Rausch ist verpönt, Kontrolle gilt als Tugend. Wir stagnieren so. Denn ohne kleinen Rausch mal hier und da versetzen wir keine Grenzen und denken nicht weit genug. Das verpönte Glas Wein steht nur stellvertretend für die vielen kleinen und großen Verbote, die in den letzten Jahren aufgestellt wurden und das Leben normieren sollen. Es ist Zeit, den Rausch zu loben!

Was da passiert ist in Deutschland, wird einem schneller klar, wenn man ins benachbarte Ausland reist. Zwei Tage Wien reichten und ich war verliebt – quasi schockverliebt. Grandios gekleidete Menschen, wunderbare Architektursubstanz, jede Frittenbude ist besser als ein angesagtes Restaurant im Norden Deutschlands. Es gibt kaum was zu meckern in dieser Stadt, dafür allerhand zu genießen. Sogar die Verachtung der „Deitschn“ wird derart charmant und formvollendet vorgetragen, dass die Demütigung eine Lust ist.

Und sie saufen überall, diese Wiener. Und zu jeder Tageszeit. Wer hier im Norden beim Mittag mit Kollegen oder Geschäftspartnern ein Glas Wein bestellt, wird bestenfalls schräg angeschaut. Zum vermeintlich guten Ton bei uns gehört eher diese Reaktion: „Nein danke, ich bin im Dienst“, was nicht nur den Zustand des Ablehnenden dokumentieren, sondern auch seine Entrüstung dem Trinkgeneigten gegenüber zum Ausdruck bringen soll.

Dienst kann aber auch Schnaps sein. Siehe Wien. Was bei uns ein Mineralwasser ist – gerne immerhin mit Gas – hört dort auf den Namen Veltliner und steht wie selbstverständlich zwischen Anwalt und Mandant, zwischen Art-Director und Auftraggeber oder zwischen Journalist und Politiker. Es sind Gespräche, in denen nach Lösungen gesucht werden muss, in denen komplexe Begebenheiten durchdacht und durchdrungen werden müssen. Ein Glas Wein kann die Perspektive um Nuancen verschieben. Warum denn nicht? Die Leichtigkeit des Weins schafft die Leichtigkeit des Seins.

Wien ist ein tolles Vorbild. Und es ist natürlich kein Wunder, dass eine solche Denk- und Geselligkeitskultur uns hier im Norden nicht erreicht hat. Die Segnungen der römischen Zivilisation hätten uns freilich nicht nur an der Stelle gut getan. So müssen wir stattdessen neidvoll auf die katholisch geprägten südlichen Regionen schauen, die den menschlichen Sinnen so viel mehr bieten. Die Beschränktheit der norddeutschen Küche etwa wird einem in einer Stadt wie Wien, wo jeder Würstlstand eine Kathedrale des Genuss' ist, besonders schmerzhaft bewusst. Auch gutes Essen ist Rausch.

Hier bei uns im Norden hingegen stehen Genuss und Lebensfreude aller Art unter Verdacht. Zwar sind wir besonders stolz darauf, das Moralkorsett des Katholizismus' gesprengt zu haben und es jedem selbst zu überlassen, das Leben zu führen, das Glück und Freude bringt. Doch bei näherem Hinsehen haben wir nur neue Verhaltensnormen geschaffen, die die angeblich überkommenen ersetzen. Beispiele gibt es massenhaft, das gesamte Leben, unser gesamtes Verhalten ist betroffen. Es geht nicht nur ums Essen: „Frauen und Männer sind heute mindestens so sexfeindlich und scheu wie in den 1950ern“, sagte der Philosoph Robert Pfaller etwa in einem Interview mit der „Zeit“. Es hätten sich lediglich die Vorzeichen gewandelt. Vor über einem halben Jahrhundert habe man „den Verlust des öffentlichen Ansehens und die gesellschaftlichen Tabus“ gefürchtet. Heute spreche man dagegen vom „Respekt vor der Emanzipation“, um nicht höflich und charmant dem anderen Geschlecht gegenüber aufzutreten. Schließlich würde man damit ja nur einem tradierten und veralteten Rollenbild entsprechen.

Der größte und folgenreichste Anschlag auf unsere Genussfähigkeit ist das je nach Bundesland mehr oder weniger umfassende Rauchverbot in der Gastronomie, das seit einigen Jahren gilt. Per Gesetz und Verordnung und nicht evolutionär haben sich die wichtigsten sozialen Genussräume nach Theater- und Konzertsälen in Verbotszonen verwandelt. Die Verbotsfanatiker sitzen dabei in allen Parteien, sonst wäre kein flächendeckender deutscher Exzess daraus geworden. Sie argumentieren gerne mit der Vernunft und der gebotenen Einsicht, nach der es besser und gesünder sei, nicht zu rauchen.

Es sind dieselben Technokraten, die auf die Idee kommen, angeblich gesünder lebenden Krankenversicherten Rabatte zu geben und als ungesund geltende Genussmittel mit Strafabgaben zu belegen. Eine Fettsteuer auf Fleisch könnte bald so real sein wie die Tabak- und Alkoholsteuer. Den menschlichen Körper scheckheftgepflegt zu erhalten, wird zum Selbstzweck. Wer seine körperlichen Ressourcen nutzt, um ausschweifend zu genießen, gerät unter Verdacht. Deshalb sind auch Leistungssportler ins Visier geraten. Offenbar zu oft haben Marathonläufer und Radsportler von ihren rauschhaften Erlebnissen berichtet, den Flows nach vielen Kilometern. „Risikosport“ nennt man das nun. Damit kann man einen Rausch ganz ohne Alkohol oder andere Stoffe realisieren. Wie suspekt ist das denn?

Denn den Verbotstechnokraten geht es nur vordergründig um Gesundheit. Im Kern treibt diese Menschen die Angst um, unkontrolliert zu sein, sich einer Situation, einem Gefühl oder einem Gedanken hinzugeben und von ihm ergriffen zu werden. Ihr gedanklicher Kosmos entspricht mittelalterlichen Vorstellungen von der Welt. Wer zu weit raus segelt, stürzt von der Erdscheibe herab. Und weil sie nicht über Grenzen wollen, weil sie dem Rausch misstrauen, setzen sie ihre Verklemmtheit als gesellschaftliche Norm durch. Wo es kaum noch möglich sein soll, Grenzen zu sprengen, regiert das Mittelmaß, das sich auf Vernunft beruft und diese Haltung als Fortschritt verkauft und dabei tatsächlich jedoch einen Status Quo zementieren will. Ein strebsames, risikoarmes und bausparvertraglich abgesichertes Leben wird so zum Leitbild einer Gesellschaft, die jedoch auf Grenzüberschreiter angewiesen ist, auf Leute, die nicht in Risiken, sondern in Chancen denken.

Auf Unternehmer etwa, die Wagnisse auf allen Ebenen eingehen, die ihr Erspartes in den Topf werfen, sich ihre Gesundheit (mindestens vorübergehend) ruinieren und Visionen verfolgen, die aber nur so neue Märkte erschließen, neue Geschäftsmodelle erfinden und Menschen beschäftigen können, die Bausparkassen neue Kunden bringen.

Gesetze und Verhaltensnormen können verändert werden. Es ist vielleicht mal langsam Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Was haben Rauch- und Rauschverbote gebracht? Gibt es so was wie gesunde Ernährung überhaupt und kann und sollte man diese als Norm durchsetzen und abweichendes Verhalten sanktionieren? Spannende Fragen...

Die rauchfreie Gastronomie muss nicht das Ende der Geselligkeitskultur sein. Sie kann auch als Irrweg erkannt werden. Umkehren ist jederzeit möglich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen