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Unwort des Jahres : „Das ist die Sprache der Nazis“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jury wählt „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres

„Lügenpresse“, schreien Pegida-Anhänger Medienvertretern ins Gesicht. Vor allem der NS-Bezug der Parole entsetzt auch Sprachkritiker – die mit ihrer „Unwort“-Entscheidung gestern ein scharfes Urteil fällten. Damit hat die unabhängige Jury wieder ein Wort gewählt, das mit sieben Vorschlägen kein Spitzenreiter war. Am meisten genannt worden waren unter fast 1250 Einsendungen „Putin-Versteher“/ „Russland-Versteher“ (60-mal) und „Pegida“/„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (44-mal). Die Jury richtet sich nicht nach der Häufigkeit der Vorschläge, sondern will die Sensibilität für Sprache fördern. Dafür ernteten die Sprachkritiker viel Lob. Andreas Herholz interviewte Jury-Sprecherin Prof. Nina Janich.

Weshalb hat die Jury gerade den Begriff „Lügenpresse“ gewählt?
Prof. Janich: Wir haben lange und intensiv diskutiert. Es hat sich dann herauskristallisiert, dass wir ein Wort aus dem Islam-Kontext und der Pegida-Bewegung wählen wollen. Es sind dazu viele Begriffe eingesendet worden: Pegida, Islamisierung des Abendlandes, Islamrabatt, besorgte Bürger und eben die Lügenpresse. Wir haben uns für Lügenpresse entschieden, weil wir dies für einen exemplarischen Missgriff halten. Es handelt sich um ein stark vorbelastetes, nationalsozialistisches Wort.
Ein historisch vorbelasteter Begriff…
Das ist die Sprache der Nazis. Damit muss man einfach vorsichtig umgehen, egal worum es geht. Vor allem Goebbels hat mit dem Wort Lügenpresse die freie Presse diffamiert. Der Begriff wurde aber auch bereits im Ersten Weltkrieg gegen die Presse instrumentalisiert. Pegida benutzt diesen Begriff völlig unreflektiert. Dazu kommt auch weiteres Nazi-Vokabular wie Überfremdung oder Volksverräter. Natürlich wollen wir nicht suggerieren, dass alles, was in der Presse steht, wahr ist.
Ist das Wort gezielte Propaganda von Neonazis oder Protest der Wutbürger?
Der Begriff wird gezielt von Rechtsradikalen in die Debatte eingebracht. Das führt dazu, dass es auch von denjenigen aufgegriffen wird, die sich selbst nur als besorgte Bürger verstehen und sich eigentlich nicht zu den Rechtsextremen zählen. Dennoch tragen auch sie solche Transparente und wählen dieses Vokabular.

Man darf nicht so naiv sein und sich dieser Sprache bedienen, wenn sie historisch so vorbelastet ist. Übrigens: Es gibt bereits erste böse Mails und Beschimpfungen zu unserer Entscheidung und der Wahl des Unwortes. Es gibt aber auch Gratulationen.
Ausgerechnet die, die von der „Lügenpresse“ sprechen, scheinen sie gar nicht mehr zu lesen und viele Pegida-Anhänger reden auch nicht mit Journalisten.

Ja, auch das ist auch ein Stück entlarvend.

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