Zeugen des Zweiten Weltkriegs : "Das hat mich nicht in Weltuntergangsstimmung versetzt"

Udo Goedecke wuchs relativ behütet in einer gutbürgerlichen Familie auf und erlebte den Krieg als Schüler. Foto: Jörn Martens
Udo Goedecke wuchs relativ behütet in einer gutbürgerlichen Familie auf und erlebte den Krieg als Schüler. Foto: Jörn Martens

80 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs leben nur noch wenige Menschen, die sich an ihn erinnern oder damals bereits so alt waren, dass sie sogar eine aktive Rolle innehatten. Wir geben in dieser Woche fünf Zeitzeugen das Wort. Ein Soldat und ein Jude, ein Hitler-Fan, ein ausgebombtes Kind und eine Vertriebene schildern ihre persönliche, jeweils bewegende Geschichte der Jahre 1939 bis 1945. Jede davon ist einzigartig. Alle enthalten Erlebnisse von ungeheurer Wucht. Und doch steht jedes einzelne Gespräch beispielhaft dafür, was Millionen andere Menschen ebenfalls erlebt haben und dafür, was nie vergessen werden darf. Die Lehren aus diesen Lebensläufen müssen Leitschnur für ein Handeln als deutsche Nation bleiben – auch wenn eines Tages niemand mehr persönlich erzählen kann, was er erlebt hat. Hier aber hat nun das Wort, wer selbst dabei war.

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29. August 2019, 12:13 Uhr

Osnabrück | Der Zahnarzt Udo Goedecke ist heute 87 Jahre alt, er erlebte den Zweiten Weltkrieg als Schüler. Die letzten Kriegsjahre verbrachte sie nachts in der Wohnung einer Tante, weil die dem Eingang des ausgedehnten Luftschutzstollens Westerberg direkt gegenüber lag.

Herr Goedecke, wie stark war der Nationalsozialismus in ihrem Alltag verankert?

Mein Vater war kein Nazi. Für ihn als Freiberufler war es einfacher, kein Parteimitglied zu sein, als wenn er Beamter gewesen wäre. Er hat allerdings nie ein Geheimnis daraus gemacht, Hitler 1933 gewählt zu haben. Er verband damit die Hoffnung, dass die Zeiten der Depression und der großen Arbeitslosigkeit endlich vorbeigingen. Dazu kam, dass er 1928 als Neuankömmling in Osnabrück einen schweren Start mit seiner Praxis hatte. Aus Köln zugezogen, war er ein Nobody und erhielt keine Kassenzulassung. Hitler versprach, dass jeder Arzt und Zahnarzt, der am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, eine Zulassung bekommen werde. Das war also ein weiterer Köder, der meinen Vater dazu bewog, den Mann zu wählen. Kurze Zeit später sah er dann aber, wohin die Richtung ging, und er wurde zum Gegner des NS-Staates. Nicht im offenen Widerstand, sondern mehr versteckt im Privaten.

Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?

Ja. Er konnte seine Bohrmaschine in der Praxis so manipulieren – irgendetwas machte er da mit den Kohlen des Elektromotors – , dass die Störfrequenzen absonderte. Dann war der Radioempfang in unserem Haus stark gestört. Er hat das ein paar Mal gemacht, wenn Hitler große Reden hielt. Die Frauen im Haus schellten dann und beschwerten sich. „Tut mir leid„, sagte mein Vater, “ich habe gerade einen Notfall hier im Stuhl sitzen, die Frau des Oberbürgermeisters Gaertner„. Das zog, da wagten die Mitbewohner dann nichts mehr zu sagen. – Er wusste auch, dass ich manchmal den Feindsender BBC hörte. Verbieten kann ich dir das nicht, sagte er, du machst es ja doch. Er verwarnte mich nur, als ich einmal hinterher vergessen hatte, den Sender wieder auf Großdeutscher Rundfunk oder Sender Langenberg zurückzustellen. Denn das hätte ja ins Auge gehen können, wenn irgendein zufälliger Besucher uns gemeldet hätte.

Das war die Situation in ihrer Familie. Aber wie sah es denn rings um Sie herum aus, in anderen Familien?Auch alles Nazi-Gegner?

Nein. Die meisten behielten länger die Hoffnung, dass Hitler Deutschland aus der Depression herausführen und zu alter Größe führen würde. Fahnenschmuck, Girlanden, frohe Gesichter, die Menschen waren überwiegend voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Wann schwenkte das um?

1936, Stichwort Olympiade in Berlin, da war noch alles begeistert. Auch den Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes 1938 fanden die Menschen in unserer Umgebung nach meiner Erinnerung gut. Aber 1939, da kippte das. Die Menschen waren nicht glücklich, dass ein Krieg bevorstand. Viele glaubten zwar der offiziellen Propaganda, dass die Polen durch begangene Überfälle die Schuld am Kriegsausbruch trügen, aber von der Hurra-Stimmung des Ersten Weltkriegs war man weit entfernt. Die meisten hatten ja den Ersten Weltkrieg durchlebt und wussten, wie das ausgehen kann.

Wie reagierte Ihr Umfeld auf die sogenannte Reichskristallnacht 1938? War da nicht schon offensichtlich, wie menschenverachtend das Regime vorging?

Mein Vater hatte mir verboten, am nächsten Tag zur qualmenden Ruine der Synagoge in der Rolandstraße zu gehen. Wir wohnten in der Lotter Straße, von da war es ja nicht weit dorthin. Aber mein Vater wollte das nicht. Mit anderer Leute Gotteshäusern darf man kein Schindluder treiben, war seine feste Meinung. Und dann auch noch deren Elend begaffen? Nein, das verbiete der Anstand. Aber das akzeptierte ich nur widerstrebend. Ich wäre gern hingefahren. Alle Nachbarskinder fuhren mit ihren Tretrollern dort hin und erzählten davon. Auch die eingeschmissenen Schaufensterscheiben des jüdischen Textilgeschäfts in der Krahnstraße, das geplündert worden war, durfte ich mir nicht angucken. Auch das fand ich schade.

Was wusste man von weitergehenden Verfolgungen der Juden?

Meine Tante kam von einem Besuch aus Zürich zurück. Sie erzählte, man müsse sich im Ausland inzwischen schämen, Deutsche zu sein. Ich rutschte im Wohnzimmer mit meinen Autos auf dem Teppich herum. Meine Tante warnte: Darf der Junge das denn alles hören? Mein Vater meinte: Der ist in sein Spiel vertieft, der bekommt das gar nicht mit. Solche Worte waren aber für mich das Signal, die Ohren besonders zu spitzen. Die Tante erzählte: In der Schweiz machten Berichte von Konzentrationslagern die Runde. Da würden die Gefangenen nachts mit Trillerpfeife aus dem Schlaf geholt und dann gezwungen, auf allen Vieren um ihre Baracke zu kriechen und dabei zu bellen. Diese Erzählung meiner Tante hat mich schockiert. Wie man andere Menschen so erniedrigen konnte! – In die gleiche Richtung ging das, was mein Vater von dem SPD-nahen Journalisten Josef Burgdorf unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfahren hatte. Burgdorf war sein Patient. Der war zuvor schon mal inhaftiert worden und hatte im Umerziehungslager im Emsland Schlimmes erlebt. Also, meine Familie wusste schon vor dem Krieg, dass es KZs gab und die Insassen darin menschenunwürdig behandelt wurden.

Waren die späteren industriemäßigen Tötungen in den Vernichtungslagern Ostpolens bekannt?

Soweit ich weiß, nur gerüchteweise. 1943 haben wir eine Reise nach Weimar gemacht. Mein Vater wollte mir noch einmal die Stätten der deutschen Klassik zeigen, bevor sie möglicherweise im Bombenkrieg untergingen – das war seine realistische Befürchtung. Im Zug kamen wir am Ettersberg vorbei. Ein Mitreisender raunte uns zu, dass dort oben das KZ Buchenwald sei, wo Juden vergast würden. Mein Vater war entsetzt. Nicht, weil er das für eine Lüge gehalten hätte, sondern weil er Angst vor Mithörern hatte. Ganz schnell setzten wir uns in einen anderen Waggon ab, um nicht mit hineingezogen zu werden, falls es zu einer Denunziation gekommen wäre.

Fiel es auf, dass hier und da Leute verschwanden?

Nein, das habe ich in meinem Umfeld nicht mitbekommen. In meiner Klasse war ein Halbjude. Der blieb auf der Schule, offiziell wurde er nicht verfolgt. Er wurde aber gemobbt. Das merkte man zum Beispiel beim Völkerballspiel im Sportunterricht. Wir mussten uns der Größe nach aufstellen. Dann ging das der Reihe nach: Mannschaft 1, Mannschaft 2, 1, 2, 1, 2 und so weiter. Wenn die Reihe an diesen betreffenden Mitschüler kam, gab es häufig Protest: Den können wir nicht gebrauchen. Der Lehrer unternahm nichts dagegen. Der Schüler musste sich dann auf die Bank setzen und zugucken oder, und das war für uns Jungen eine Demütigung, in einer Mädchenklasse den Unterricht mitmachen.

Hatte denn keiner den Mumm, gegen diese Ungerechtigkeit aufzustehen?

Manchem von uns war nicht wohl bei dieser Diskriminierung, aber keiner wagte es, den Mund dagegen aufzumachen. Man schwamm so mit im Mainstream. Wir bekamen ja auch mit, was sich in der Turnhalle des Realgymnasiums in der Arndtstraße abspielte. Die war vollgestellt mit Möbeln, hochwertigen Möbeln, Sofas, Fauteuilles, Betten und so weiter. Die waren gedacht für ausgebombte Osnabrücker und Jungverheiratete, die bekamen dafür Bezugsscheine. Für uns war das ein toller Spielplatz. Wir spielten Verstecken. Und wir hatten uns die Sofas und Stühle in einer Diagonale durch die Halle gestellt, und dann hüpften wir da so trampolinmäßig drüber. Ich war so naiv, ich habe zuhause erzählt, das ist gar nicht so schlimm, wenn man ausgebombt wird, man kriegt so schöne Möbel wieder! Mein Vater wurde am Abendbrotstisch blass und sagte, niemals käme so ein Möbelstück in unser Haus! Eher würden wir auf dem nackten Boden schlafen! Niemals würden wir uns an dem Eigentum dieser gequälten Menschen bereichern! Denn die Möbel stammten aus den Wohnungen deportierter holländischer Juden. Das war spätestens 1942/43 allgemein bekannt, das wusste jeder. Eine Bekannte unserer Familie hatte aus diesem Lager einen Pelzmantel erhalten. In dem Mantel fand sie einen Zettel, so halb im Futter versteckt, wohl von der Vorbesitzerin, darauf stand: Wir sind Familie xy, wir kommen in einen Sammeltransport und dann in ein Konzentrationslager, und ob wir da lebend wieder rauskommen, das ist ungewiss.

Wie stark war die politische Beeinflussung durch Ihre Lehrer?

Ich war gerade aufs EMA-Gymnasium gekommen, 1942, da ging das mit der KLV, der Kinderlandverschickung, los. Das wurde von der Schule stark propagiert. Es gab allerdings Eltern, darunter meine, die wollten ihre Kinder nicht der totalen Vereinnahmung durch die NS-Ideologie aussetzen, und die fanden Mittel und Wege, ihre Kinder in Osnabrück zu behalten. Das war ihnen wichtiger als der Schutz vor den Bomben. Die besonders linientreuen Lehrer sind mit der KLV nach Bresnitz in der Tschechei gefahren, um dort die Kinder weiter zu unterrichten. Wir in Osnabrück Gebliebenen hatten durchaus gemäßigte Lehrer am EMA. – In der Grundschule hatten wir einen überzeugten Nationalsozialisten als Klassenlehrer. Der war dabei ein guter Pädagoge, den habe ich gemocht. Es ist eben nicht alles Schwarz-Weiß. Von 1938 bis 1942 besuchte ich die Altstädter Volksschule am Rißmüllerplatz. Dort mussten wir solche Huldigungsgedichte auswendig lernen, da sträuben sich einem heute die Haare (rezitiert es auswendig): „Wir grüßen dich, Führer, aus tiefster Not, die jemals ein Volk empfunden, wir haben durch dich an Freiheit und Brot den Glauben wiedergefunden. Wir wissen, du zwingst mit stahlhartem Blick und Wollen die Schicksalswende. Drum legen wir Deutschlands und unser Geschick vertrauend in dein Hände.“ – Einmal habe ich allerdings kräftig daneben gelangt. Aufsatzthema war „Der 9. November“. Ich bat abends meinen Vater, mir ein paar schlaue Sätze zu diktieren. Das tat er, bezog das aber auf den Matrosenaufstand in Kiel und das Ende des Kaiserreichs am 9. November 1918. Erwartet war vom Lehrer jedoch, dass wir Hitlers Putschversuch und Marsch auf die Feldherrnhalle vom 9. November 1923 beschrieben. Ich musste meinen Aufsatz vorlesen. Nach ein paar Sätzen unterbrach mich der Lehrer. Er fühlte sich von mir auf den Arm genommen und wurde wütend. Dabei hatte ich überhaupt keine politische Botschaft damit beabsichtigt. Auch mein Vater hatte mich nicht ins offene Messer rennen lassen wollen. Ich hatte es bloß versäumt, ihm den richtigen Hintergrund zu nennen, dass es nämlich um 1923 ging und nicht um 1918.

Was dachten Sie als Kind über den Krieg, als er noch weit weg war?

Wir hatten natürlich Soldaten-Figuren, mit denen wir spielten, und Geschütze und Panzer und Stukas. Das war völlig selbstverständlich. Als Kinder haben wir nicht durchschaut, dass das eine Art Kriegsvorbereitung war. Und dann haben wir den Bau der Flakstellung auf dem Westerberg verfolgt, das war für uns hochinteressant. Als Grundschulkinder wurden wir in mustermäßig vorbereitete Luftschutzkeller geführt. Wir halfen mit, Keller und Dachböden zu entrümpeln, also Brandlasten zu entfernen, wir lernten den Umgang mit Feuerpatschen und Feuerlöschpumpen. Wir hatten das beruhigende Gefühl, es wird alles für unsere Sicherheit getan. - Die Konsequenzen des Waffeneinsatzes, die Schrecken des Krieges für unsere Soldaten genau wie für die des Feindes, das konnten wir uns nicht ausmalen. Wir Kinder nicht, und viele Erwachsene auch nicht, obwohl die schrecklichen Entbehrungen während des Ersten Weltkriegs, die Trauer um Tote und Verletzte doch gerade einmal 20 Jahre zurücklagen. Die Befürchtung habe ich ja aktuell auch, dass die Menschheit nichts lernt, dass die katastrophalen Folgen des Kriegs viel zu schnell verdrängt werden oder in Vergessenheit geraten.

Udo Goedecke im Jahr 1939. Foto: Goedecke
Udo Goedecke im Jahr 1939. Foto: Goedecke


Und wie haben Sie den Ausbruch des Krieges in Erinnerung?

Das hat mich nicht in Weltuntergangsstimmung versetzt. Es war etwas Erwartetes, was schon lange im Gespräch der Erwachsenen Thema war, es lag in der Luft. Nun war er also da, der Krieg. Man konnte sich nichts anderes als Siege an allen Fronten vorstellen. Dafür hatte die Propaganda gesorgt. Und dann kamen ja auch tatsächlich die ersten Siegesmeldungen, die den Nationalstolz noch weiter befeuerten. Mein Vater war nicht so optimistisch. Er legte planmäßig Vorräte an, für alle Fälle. Ich weiß noch, wie mein Vater zu einer Patientin sagte, wegen so ein paar Grenzüberschreitungen der Polen, Überfall auf Sender Gleiwitz und so weiter, da macht man doch nicht gleich Krieg! Da muss doch erst mal die Diplomatie ran! Die Patientin war empört, sie ist nicht wieder zu meinem Vater in die Sprechstunde gekommen, aber sie hat ihn wenigstens nicht denunziert. Mein Empfinden damals war, ich will diese skeptischen Töne zuhause einfach nicht hören. Denn in der Schule wird von dir eine ganz andere Einstellung erwartet. Diese notwendige Schizophrenie im Denken, die belastete mich.

Was empfanden Sie, als der Krieg in Gestalt der Bombenangriffe nach Osnabrück kam?Die ersten Angriffe 1941/42 habe ich als elementar gefährlich empfunden. Sie erschienen mir endlos, weil immer nur in Abständen vereinzelt Bomben fielen. Man hörte jedes Mal das Pfeifen und dann die Detonation. Und das alles in diesem engen Luftschutzraum, wo die Wände wackelten, einige Frauen schrien, andere beteten. Über Stunden wurde keine Entwarnung gegeben. Zwischendurch hatte man viel Zeit zum Nachdenken: Wo geht jetzt wohl die nächste Bombe runter?

Die Großangriffe auf Osnabrück 1944/45 mit Hunderten von Bombern und weit größeren Zerstörungen und viel mehr Toten und Obdachlosen waren dann noch einmal schlimmer für Sie?

So paradox es klingen mag: Nein. Da habe ich nicht mehr so viel Angst gehabt. Denn inzwischen war das Bunkersystem im Westerberg fertig ausgebaut. Der Eingang zum Luftschutzstollen Mozartstraße/Beethovenstraße lag direkt gegenüber der Wohnung meiner Tante. Es ging dort zehn oder zwölf Meter tief in den felsigen Berg hinein. Da war man schnell in Sicherheit. Außerdem fielen ganze Bombenteppiche in kurzen Abständen. Es ging meist schnell vorbei, man kam bald wieder raus aus dem Bunker. In meiner Familie herrschte die biblische Vorstellung, man solle sein Herz nicht an Dinge hängen, die zu Staub werden können oder die der Rost kaputt fressen kann. Das ist alles ersetzbar. Insofern hatten wir auch keine Möbel oder Hausrat auf dem Land bei Verwandten oder Freunden untergestellt, wie Bekannte das in großem Stil gemacht hatten. Die hausten praktisch in leeren Wohnungen. Mein Vater hatte nur Familienarchivalien, alte Briefe und Fotos im Keller in Sicherheit gebracht, weil die unersetzbar waren.

Glaubten die Erwachsenen in Ihrem Umfeld noch an den Endsieg, während die Heimatstadt in Grund und Boden gebombt wurde?

Die Zeitspanne zwischen Voralarm und Hauptalarm habe ich als meistens recht entspannt, ja manchmal sogar unterhaltsam in Erinnerung. Es war ja eine Gewöhnung an die ständigen Alarme eingetreten. Die Erwachsenen fühlten sich relativ sicher wegen des nahen und gut ausgebauten Stollens. Freunde kamen im Haus meiner Tante zusammen, meistens waren es nur die Männer, die in Osnabrück ihrer Arbeit nachgingen, die Familien hatten sie längst irgendwohin ausquartiert. Man sprach sehr offen über die Kriegslage. Im Freundeskreis meines Vaters hatte keiner mehr Illusionen. Spätestens nach der Invasion in der Normandie glaubte in diesem Kreis keiner mehr an den Endsieg. Die Männer unterhielten sich ganz offen darüber. Sie konnten wegen der günstigen Lage dieser Wohnung zum Stolleneingang noch länger am Tageslicht bleiben und gingen erst runter, wenn es brenzlig wurde. Wir hörten Drahtfunk über unseren Körting-Empfänger. Die Luftpolizei-Leitstelle im Bunker Redlinger Straße gab die aktuellen Luftmeldungen durch. Wenn es hieß: „Anflug auf Gustav Richard 7„, dann wurde es brenzlig, denn in dem Planquadrat lag Osnabrück. – Als ich vom Heger Tor aus auf die zerstörte Altstadt geschaut habe, da kamen mir schon die Tränen. Was das für ein schockierender Anblick war, dass man auf den Turmstumpf der Marienkirche einen völlig freien Blick hatte. Die meisten Häuser dazwischen hatten keine Dachstühle mehr oder es standen nur noch Torsen.

Wie denken Sie heute über die Flächenbombardements deutscher Städte?

Der Krieg war doch längst verloren, als Städte wie Dresden, Potsdam oder auch Osnabrück noch bombardiert wurden. Es war militärisch nicht nötig, es war ein Kriegsverbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung, es war eine grausame Vernichtung von kulturellem Erbe der Menschheit. Sicher, die Deutschen haben angefangen und noch viel schlimmere Verbrechen begangen. Das ist richtig. Trotzdem, ich konnte es nicht verstehen, dass man dem Luftmarschall Harris, dem Erfinder der Feuerstürme in Wohngebieten, in London auch noch ein Denkmal setzte.

Was denken Sie über den heutigen Zustand Europas?

Das Zusammenwachsen Europas ist die einzig richtige und vernünftige Antwort auf die katastrophalen Kriege des 20. Jahrhunderts gewesen. Adenauer und de Gaulle haben gerade auch durch Jugendbegegnungen den Grundstein dafür gelegt, dass wir nun bald 75 Jahre Frieden in Europa haben. Das vergessen gerade die jungen Leute, die nichts anderes kennen, für die der Frieden scheinbar selbstverständlich ist. Das ist er aber nicht. Das sollte man bei allen Mäkeleien über Fehlentwicklungen in der EU im Hinterkopf behalten. – Ich selber habe die Öffnung nach Europa als Student in Göttingen erlebt, da wurde ich für das internationale Studentenheim Fridtjof-Nansen-Haus ausgewählt. Ich lebte mit einem Schotten und einem Türken zusammen auf einem Zimmer. Das war eine großartige Erfahrung. – Ich beklage, dass die Diplomatie es nicht verstanden hat, die Briten in Europa zu halten. Ich hoffe, dass der Brexit nicht zu einem Wiederaufleben der Rivalität zwischen Deutschland und Frankreich führt. Das sind Befürchtungen, die ich für das Leben meiner Enkel habe. Es sind dann nur noch zwei große Player in der EU, wenn die Briten als ausgleichendes drittes Schwergewicht entfallen.

Was geben Sie Ihren Enkeln mit auf den Lebensweg, wenn Sie auf Ihre Kindheit im Dritten Reich und den Krieg zurückblicken?

Findet euren inneren Kompass, der euer Handeln in schwierigen Situationen bestimmt. Bleibt euren Grundsätzen treu. Gute Orientierungshilfen sind die zehn Gebote, die Bergpredigt und natürlich das Grundgesetz. Wenn man morgens vor dem Spiegel steht, zum Rasieren oder zum Schminken, dann sollte man sich immer in die Augen blicken können. Für die Ausbildung: Nicht nur stromlinienförmig auf einen späteren Beruf hinarbeiten, sondern auch mal über den Tellerrand blicken. Die MINT-Fächer sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Man sollte sich als junger Mensch mit philosophischen Gedanken beschäftigen, Grundzüge des Humanismus verstehen. Dafür darf ruhig ein Semester “Studium generale„ draufgehen. Bevor ich mich in das verschulte Studium der Zahnmedizin 1951 in Göttingen stürzte, habe ich unter anderem ein Semester Theatergeschichte bei Heinz Hilpert gehört. Ich hatte Nachholbedarf, denn wir hatten in der Schule ja nichts von moderner Literatur wie etwa etwa Brecht oder Wilder oder Frisch mitbekommen. Davon zehre ich bis heute.

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