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Verbraucherzentrale warnt : Das Geschäft mit der Einsamkeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie Rainhard B. fallen viele Ältere, die einen Partner suchen, auf dubiose Geschäftemacher herein. Freizeit- oder Singleclubs ziehen Mitgliedern Geld aus der Tasche.

Sie heißen Renate, Jutta oder Monika, haben oft schon die 60 überschritten und sind, weil verwitwet oder geschieden, sehr, sehr einsam. Deshalb möchten sie wahlweise den Lebensabend gemeinsam mit einem lieben Partner verbringen, einen Mann mit selbst gemachter Hausmannskost so richtig verwöhnen oder zusammen noch ganz viel Spaß haben. Ihre Pendants Werner, Lothar oder Rüdiger bieten einen starken Arm, eine Schulter zum Anlehnen, manchmal sogar Touren mit der eigenen Harley in den Sonnenuntergang und gerne auch finanzielle Sicherheit.

Im konkreten Fall war sie vier Jahre jünger, hatte die passende Größe und schwamm offenbar auch sonst auf derselben Wellenlänge. Für Rainhard B.*, der zu diesem Zeitpunkt seit sechs Jahren geschieden war und das Alleinsein satt hatte, stand fest: „Die will ich kennenlernen.“ Heute noch weiß der mittlerweile 66-jährige Schweriner ganz genau, dass es der 31. Juli 2013 war, an dem er die unter der Annonce stehende Telefonnummer anrief. Doch nicht die Frau seiner Träume meldete sich am anderen Ende, sondern eine Unbekannte. Sie hörte sich seinen Wunsch nach den Kontaktdaten der Inserentin an und versprach einen Rückruf. Doch als der einging, hatte B. wieder nur die Unbekannte am Apparat. Ein persönliches Gespräch sei Voraussetzung zur Weitergabe der gewünschten Daten, erklärte sie ihm.

Die Dame, mit der sich B. kurz darauf traf, sagte ihm jedoch klipp und klar, dass er sich die Frau aus der Anzeige aus dem Kopf schlagen sollte: „Das geht nicht.“ Doch man könne ihm sicher eine andere Partnerin suchen, natürlich auch eine, die zu seiner geringen Körpergröße passt. B. ließ sich überrumpeln und einen Vertrag aufschwatzen.

Das Geschäft mit der Einsamkeit blüht – und lässt vom ungelernten Hilfsarbeiter bis zur promovierten Medizinerin immer wieder Menschen in die Fallen unseriöser Vermittler tappen. „Bei uns melden sich eigentlich wöchentlich neue Betroffene“, erzählt Cornelia Nagel von der Schweriner Beratungsstelle der Verbraucherzentrale. Dennoch sei dies ganz bestimmt nur die Spitze des Eisbergs. 90 Prozent der Betroffenen, so schätzt die Verbraucherschützerin ein, suchen sich keinen Beistand, sondern zahlen lieber stillschweigend horrende Summen – weil sie sich schämen.

Jüngere, so hat Cornelia Nagel beobachtet, suchen mittlerweile in erster Linie im Internet nach neuen Partnern. Auch das sei nicht ungefährlich, denn häufig werde zwar mit einer kostenlosen Mitgliedschaft geworben – „aber mit der kann man nichts anfangen, da lernt man niemanden kennen“, weiß Cornelia Nagel. Also zahlten viele dann doch – und ließen sich nicht selten auf Geschäftsbedingungen ein, die rechtlich unzulässig sind. „Verschiedene Online-Portale wurden deshalb schon von Verbraucherzentralen abgemahnt.“

Ältere wählen nach Nagels Erfahrungen nach wie vor in erster Linie den Weg über Inserate, um jemanden kennenzulernen – die prompt auf diese Zielgruppe zugeschrieben werden. „Da findet man kaum mal einen ,Suchenden‘, der erst 40 ist, die meisten vermeintlichen Inserentinnen und Inserenten sind über 60“, so Nagel. Angesichts der gefühlvollen und nicht selten lang ausgewalzten „Lebensgeschichten“ fällt vielen Älteren, die einen Partner suchen, offenbar gar nicht auf, dass unter der Annonce eine Firmenadresse angegeben ist.

Viele – auch Rainhard B. – stolpern auch nicht darüber, dass ihnen statt eines Partnerschaftsvermittlungsvertrages ein Antrag auf Mitgliedschaft in einem Freizeit- und/oder Singleclub zur Unterschrift vorgelegt wird. „Damit umgehen diese Unternehmen bewusst den Paragrafen 656 des Bürgerlichen Gesetzbuches“, erläutert Cornelia Nagel. Dort sei nämlich festgelegt, dass ein Entgelt für eine Heiratsvermittlung nicht eingeklagt werden kann.

Die Clubs dagegen erweisen sich für ihre Hintermänner als wahre Goldgrube. Die Mitglieder allerdings reiben sich verwirrt die Augen, wenn ihnen die Angebots-Kataloge zugeschickt werden. Zwar gibt es tatsächlich an jedem Tag mindestens ein Angebot – doch eine Weinbergführung in Freyburg an der Unstrut, ein Liederabend mit der Landesmusikakademie Hessen, Tanz in Mühlhausen oder der Besuch des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Bautzen sind für Mecklenburger und Vorpommern im Guten nicht erreichbar. „Ich habe deshalb, nachdem ich den ersten Veranstaltungskatalog bekommen hatte, auch gleich angerufen und gefragt, ob die mich verklapsen wollen“, erzählt Rainhard B. – immerhin hätte seine Gesprächspartnerin Besserung gelobt, eingetreten sei die allerdings nie.

Dass Rainhard B. dennoch zwei Jahre klaglos mitspielte, lag daran, dass ihm tatsächlich auch einige Frauenbekanntschaften vermittelt wurden. „Allerdings passte keine zu mir, dass ging schon damit los, dass sie alle viel größer als ich waren…“ Immerhin tauschte B. sich aber mit jeder der Frauen darüber aus, was sie für die Mitgliedschaft im Freizeit- und Singleclub bezahlt hatte. „Alle ganz unterschiedlich. Auch ich selbst hatte den Preis für zwei Jahre ja von 3000 auf 2000 Euro drücken können.“ Da er solch einen Betrag nicht auf einmal aufbringen konnte, einigte man sich seinerzeit auf die Zahlung in monatlichen Raten. Die Werberin ließ B. dazu gleich 24 vorbereitete Überweisungsformulare unterschreiben.

Doch als die zwei Jahre vorbei waren, wurde von seinem Konto munter weiter abgebucht. Als der Schweriner das mit Unterstützung seiner Bankberaterin unterband, zeigten die Verantwortlichen des Clubs ihr wahres Gesicht: 3064 Euro soll B. nun zahlen, schließlich bestehe seine Clubmitgliedschaft ja fort, wie aus den Allgemeinen geschäftsbedingungen (AGB) hervorgehen würde.

B., dem die ABG nie ausgehändigt worden waren, wandte sich daraufhin an die Verbraucherzentrale. „Das Perfide ist, dass die Betroffenen überhaupt nicht merken, dass die Verträge eine Laufzeit haben und also gekündigt werden müssen“, erklärt Cornelia Nagel. Viele kämen zum Glück schon vor Ablauf ihres Vertrags in die Beratungsstelle, ihnen könne relativ unkompliziert geholfen werden. Ebenso wie denjenigen, die nicht über ihr Widerrufsrecht belehrt worden sind, „sie können noch ein Jahr und 14 Tage nach Vertragsschluss widerrufen“, so Nagel. Allen anderen rate sie zur Anfechtung des Vertrags wegen arglistiger Täuschung und zur Kündigung mit sofortiger Wirkung. „Da wehren sich die Clubs natürlich“, weiß die Verbraucherschützerin – trotzdem rechnet sie ihren Klienten gute Chancen aus, dieses Kapitel ihres Lebens ohne weitere größeren Schäden abschließen zu können.

„Von mir kriegen die jedenfalls kein Geld mehr“, ist sich Rainhard B. sicher. „Hätte ich das alles vorher gewusst, hätte ich mich auf die ganze Sache nie eingelassen.“ Und dann erzählt er noch, was ihn schon am Tag des Vertragsabschlusses unglaublich geärgert hat: „Stellen Sie sich vor, die Werberin hat sich von mir sogar Kilometergeld zahlen lassen…“

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