zur Navigation springen

Populismus, Positionen, Perspektiven : Das Fremde ist das Schlechte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie kommt es zu Diskriminierung? Und wer wird diskriminiert? Über Stereotypen, stigmatisierte Gruppen und Menschenwürde.

svz.de von
erstellt am 15.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Konfettiregen, strahlende Gesichter, dem Parlamentarier Volker Beck kullern gar ein paar Freudentränen aus seinen Augen. Zwei Wochen ist es her, dass sich diese Szene im Bundestag abgespielt hat. Direkt nach der Abstimmung über die „Ehe für alle“.

Vor allem Politiker der Grünen wie Beck sprachen von einem „historischen Tag“. Schließlich sei eine Diskriminierung gegenüber einer Randgruppe abgebaut worden. Denn die Homosexuellen durften sich zwar in den vergangenen 16 Jahre lang verpartnern, nicht aber verheiraten lassen. Mit dem positiven Votum sei ein weiterer und sehr weit reichender Schritt in Richtung Gleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Paare gegangen worden. Doch werden diese tatsächlich so häufig Opfer von Diskriminierungen, wie es in der vorangegangenen Debatte zumindest in Teilen dargestellt wurde?

Am selben Tag des Bundestagsbeschlusses wurde der Bericht „Diskriminierung in Deutschland“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Zusammenarbeit mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen veröffentlicht. Demnach gaben 2,4 Prozent der Teilnehmer der Repräsentativbefragung im Rahmen der Studie „Diskriminierungserfahrungen in Deutschland“ an, wegen ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt oder in irgendeiner anderen Form herabwürdigend behandelt worden zu sein. Aufgrund ihres hohen Lebensalters (9,9 Prozent), ihres Geschlechts (9,2), ihrer Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung (8,8), ihrer ethnischen Herkunft (8,4), ihrer Behinderung (7,9), einem zu geringen Einkommen (7,1), eines zu jungen Alters (5,8), einer zu niedrigen Bildung (5,0) oder wegen ihres äußerlichen Erscheinungsbildes (4,2) fühlten sich mehr Menschen diskriminiert. Im Fokus des Merkmals Geschlecht stünden die Frauen. „Sie berichten fünfmal so häufig wie Männer von Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihres Geschlechts“, so die Experten.

Das beobachtet auch Dr. Janine Dieckmann, Wissenschaftliche Referentin am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Deshalb spricht die Diplom-Psychologin eher von „stigmatisierten gesellschaftlichen Gruppen“ als von Randgruppen und Frauen, die von individueller Benachteiligung, etwa in Form von abwehrendem Verhalten, beleidigenden Äußerungen oder gar Gewalt, institutioneller oder struktureller Diskriminierung betroffen sind. Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle werden auf offener Straße vor allem Menschen aus rassistischen Motiven Opfer von Attacken. Zudem litten Moslems und Personen wegen ihres Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer sexuellen Orientierung vermehrt unter verbalen oder körperlichen Angriffen. Konkrete Zahlen erfasst die polizeiliche Kriminalitätsstatistik indes nicht.

Die Personen, die Teil einer stigmatisierten gesellschaftlichen Gruppe sind, seien aus sozialpsychologischer Sicht betrachtet in der Regel austauschbare Mitglieder, erläutert Dieckmann. „Sie erfahren Diskriminierung nicht aufgrund individueller Eigenschaften oder Leistungen, sondern aufgrund ihrer zugeschriebenen Kategoriezugehörigkeit.“

Ein Grund dafür sei, dass Unmengen an Informationen auf die Menschen einströmten. „Die kognitive Unterscheidung zwischen verschiedenen Informationen und die Zusammenfassung gleicher Informationen in Kategorien helfen unserem Gehirn, die Informationsmenge zu reduzieren.“ Denke ein Mensch in so einer Kategorie, etwa an einen Homosexuellen oder einen Flüchtling, fielen ihm sofort Eigenschaften ein, die er damit verbindet. „Das macht das Leben leichter“, sagt Dieckmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Denn: „Wir haben gar nicht die kognitiven Fähigkeiten, alle Menschen kennenzulernen, die uns begegnen.“ Als Beispiel nennt sie den Gedanken an einen Professor. Bei diesem würden viele Menschen vermutlich die Begriffe „Brille“, „schlau“ und „Mann“ assoziieren. Schwieriger wäre es bei dem Gedanken an eine Behinderte. Sitze diese im Rollstuhl oder wäre sie blind? „Behinderte kann man gar nicht in eine Kategorie stecken“, stellt Dieckmann fest und macht damit die Gefahr deutlich, die durch das kategorisierte Denken entsteht: Menschen werden pauschalisiert und nicht mehr als Individuen wahrgenommen.

Doch gingen mit den Stereotypen auch Vorurteile einher, deren vermeintliche Legitimität ganz individuell sein können. Einige seien historisch gewachsen, andere entstünden aus Hierarchiekonstrukten, wiederum andere aufgrund von schlechten Erfahrungen mit einer Einzelperson oder schlicht aus Unwissenheit. Die Liste ist lang und jede Diskriminierung individuell zu betrachten.

Dieckmann führt zudem einen weiteren Grund ins Feld, warum stigmatisierte gesellschaftliche Gruppen häufiger Opfer von Diskriminierungen werden: die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Das Konzept umfasst Einstellungen gegenüber Fremden, Menschen anderer ethnischer Herkunft, allgemein Asylsuchende, Homosexuelle, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen sowie Angehörige des Judentums und des Islams. Es bezieht darüber hinaus Gruppen ein, „die aufgrund ihres sozioökonomischen Status abgewertet werden, etwa Langzeitarbeitslose und Obdachlose“. Ihm liege die Ideologie der Ungleichwertigkeit zugrunde. „Meine eigene Gruppe wird dadurch aufgewertet, indem ich eine Fremdgruppe schlecht mache. Und meine Gewalt gegenüber der Fremdgruppe ist legitimiert, weil es ja die schlechtere ist“, beschreibt Dieckmann den Gedankenzyklus.

„Diskriminierung bedeutet für die Betroffenen immer eine Infragestellung ihrer Menschenwürde und kann ein Hindernis für ihre gesellschaftliche Teilhabe bedeuten“, weiß Dieckmann. Werde ein Kind beispielsweise aufgrund der Jobs seiner Eltern oder deren Herkunft von einem höheren Bildungsabschluss ausgeschlossen, bleibt dessen Niveau niedrig. „Das trägt beispielsweise dazu bei, dass weniger Personen mit Migrationshintergrund und Schüler, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss und wenig Einkommen haben, ihr Abitur machen“, sagt die Wissenschaftlerin. Dieses niedrige Bildungsniveau und das damit in der Regel korrespondierende niedrige Einkommen könne das Wahlverhalten beeinflussen und somit direkte Auswirkung auf die Demokratie haben. Denn aufgrund ihrer meist politisch geringen Kenntnisse gäben die Betroffenen häufiger einer Partei ihre Stimme, die sie gar nicht vertrete, oder sie gingen gar nicht erst wählen.

Rechtspopulistische Akteure wiederum instrumentalisierten für ihre politischen Ziele das Gefühl der Unzufriedenheit mit der eigenen sozioökonomischen Situation sowie die Wut auf das „Nicht-gehört-werden“ durch etablierte Parteien. „Hass und menschfeindliche Einstellungen werden geschürt, welche zu mehr Diskriminierung in der Gesellschaft führen“, erläutert Dieckmann. Die demokratische Teilhabe drücke sich aber nicht nur in Wahlen aus, sondern an der gesamten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Sie konstatiert: „Letztlich ist es auch eine Gefahr für die Demokratie, wenn Menschen im Rollstuhl der Zugang zu Supermärkten, Ämtern und Bahnhöfen verwehrt bleibt, wenn homosexuelle Menschen keine Ehe schließen können oder Frauen schwieriger in Unternehmensvorstände gelangen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen