Schusswaffen-Irrsinn in Amerika 2017 : Das Feld des Todes

Während eines Musikfestivals in Las Vegas sterben 58 Menschen im Dauerfeuer eines Amokschützen.
Während eines Musikfestivals in Las Vegas sterben 58 Menschen im Dauerfeuer eines Amokschützen.

Amerikas Tragödien des Jahres und die folgenlose Schusswaffen-Debatte: Wenn das gesamte System versagt

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28. Dezember 2017, 20:45 Uhr

Als ich am 2. Oktober das Konzertgelände erreiche, auf dem kurz zuvor 58 Menschen durch das minutenlange Dauerfeuer des Amokschützen Stephen Paddock starben, ist bereits die Dunkelheit hereingebrochen. Die Polizei von Las Vegas hat gelbe Absperrbänder gespannt. Grelle Scheinwerfer leuchten das Areal aus, die Spurensicherung ist noch vor Ort. Wo hier Menschen starben, wird dieser Flecken Erde mit einem Fähnchen markiert. Das Feld des Todes ist übersät mit umgestürzten Campingstühlen, Wasserflaschen, in Panik abgestreiften Jacken und Handtaschen. Und Fähnchen. Dunkelrote Flecken. Blut. Allein 546 Verletzte. Es ist ein nächtlicher Ortstermin des Grauens.

Gespenstige Stille begleitet dieses Horrorszenario. Die Ermittler, die ich beobachten kann, scheinen kein Wort miteinander zu reden. Eine gut geölte Polizei-Maschinerie. Im nahen „Mandalay Bay“-Hotel, das am Vorabend noch eilends geschlossen worden war und von dessen 32. Stock aus die Salven auf die Musikfans abgefeuert wurden, sitzen bereits die ersten Pokerspieler wieder an den Tischen. Es ist schockierend, wie schnell Las Vegas nach einer solchen Tragödie wieder zum Alltag zurückkehrt.

Das Gleiche könnte man auch für die politische Aufarbeitung des Massenmordes sagen, der wie kein anderes Verbrechen in den letzten Jahrzehnten den alltäglichen Schusswaffen-Irrsinn widerspiegelt. Auch Washington hat eine schon perfide anmutende Routine entwickelt, um mit solchen Ereignissen umzugehen: Beileidsbezeugungen, eine kurze Trauerphase, das Versprechen von Änderungen – nur um diese dann in wenigen Wochen, unter dem Druck der mächtigen Waffenlobby NRA, wieder versanden zu lassen. Und dann Achselzucken – bis zur nächsten Bluttat.

Dabei sind die Details des Massakers von Las Vegas unbegreiflich. Warum erlauben es die amerikanischen Waffengesetze, dass eine einzelne Person legal mehrere Dutzend teilweise halbautomatische Schnellfeuerwaffen erwerben kann? Warum war es bisher möglich, durch einen kleinen Trick, der in Kreisen der Waffenfans hinlänglich bekannt ist, diesen Gewehren eine enorme Feuergeschwindigkeit zu verleihen? Welchen Sinn haben angesichts dieser skandalösen Gesetzeslücken die seit langem existierenden Hintergrund-Checks im FBI-Rechner, dem sich jeder Käufer bei einer legalen Transaktion beim Waffenhändler unterziehen muss? Zwar soll auf diese Art und Weise bei einschlägig Vorbestraften der erneute Waffenerwerb unmöglich gemacht werden. Doch jene, die nicht im Rechner der Bundespolizei mit einer Warnmeldung erscheinen, können kaufen, solange es die Kreditkarte hergibt. Und da in den USA rund 300 Millionen Pistolen, Revolver und Gewehre im Privatbesitz sind, ist es weitgehend problemlos möglich, sich auf dem schwarzen Markt hochzurüsten. So verlieren dann jährlich rund 33  000 Menschen im Land der unbegrenzten Schusswaffen durch Kugeln ihr Leben.

Die nächste Bluttat hat nach Las Vegas nicht lange auf sich warten lassen. Am 5. November sterben in einer Kirche in der texanischen Kleinstadt Sutherland Springs 26 Menschen bei der Sonntagsandacht. Eine Frau, die ich persönlich kenne, verliert an diesem Tag ihre Schwester. Auch deren drei Kinder sterben, nur ein Sohn überlebt mit schwersten Schusswunden in Bauch und Beinen und liegt weiter in einer Klinik. Pfarrer, die aus dem ganzen Süden der USA anreisen, versuchen Trost zu spenden. Doch das fällt schwer. Der Todesschütze hätte eigentlich keine Waffen kaufen dürfen. Doch wieder einmal versagte das System.

Wie die Toten von Las Vegas geraten auch die Toten von Sutherland Springs schon langsam in Vergessenheit. So wie das Konzertfeld in der Spieler-Metropole schon lange wieder Normalität vermittelt, so wurde das kleine weiße Kirchengebäude schnell vom Blut und den Einschusslöchern im Andachtsraum befreit. Journalisten wird eine kurze Runde erlaubt. Für jedes Opfer steht nun ein weißer Stuhl mit einem Namensschild und einer langsam verwelkenden Rose im Raum.

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