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Gedenken an „Hölle von Verdun“ : „Das Ende eines Leidens“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

100 Jahre nach der Schlacht von Verdun beschwören Merkel und Hollande die Freundschaft ihrer Länder

100 Jahre nach der Schlacht von Verdun haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande die Freundschaft ihrer einst verfeindeten Länder beschworen. Gemeinsam gedachten sie am Sonntag der mehr als 300 000 Todesopfer der „Hölle von Verdun“. Über zehn Monate im Jahr 1916 hatten sich deutsche und französische Soldaten bei Verdun mörderische Kämpfe geliefert, die den Frontverlauf im Ersten Weltkrieg nicht veränderten. Mit dem französischen Publizisten und Politikwissenschaftler Alfred Grosser sprach Andreas Herholz.

Merkel und Hollande haben der Toten gedacht. Was lehrt uns Verdun heute?
In Verdun liegen die Gebeine der Franzosen und Deutschen zusammen. Das ist das Wichtige an diesem Monument. In Frankreich wird im Gedenken an den 11. November 1918 und das Ende des Ersten Weltkriegs kaum noch von einem Sieg gesprochen. Von Verdun bleibt vor allem das Ende eines gemeinsamen Leidens auf beiden Seiten in den Schützengräben in Erinnerung. Wenn man an diese Hölle des Krieges und der Schlacht denkt, sollte man verstehen, welch ein Glück und wertvoller Schatz Europa heute ist. Da ist es gut, dass Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident gemeinsam dort den Gedenktag begangen haben.

Die große Geste der Versöhnung, der große Moment, war sicher der von Francois Mitterand und Helmut Kohl, als sie sich auf den Feldern von Verdun die Hand gereicht haben. Eine Gedenktafel erinnert noch heute an diesem Ort an dieses historische Zeichen.

Wie steht es heute um das deutsch-französische Verhältnis?
Unten läuft es weiterhin gut, oft vorbildlich. Wir sind seit Jahrzehnten nicht nur Partner, sondern echte Freunde geworden. Es gibt Tausende von Partnerschaften nicht nur zwischen Städten und Schulen. Das bleibt und verfestigt sich. Oben gibt es nur selten Beweise einer echten Solidarität. In diesem Sinn war die Rede der Kanzlerin im Bundestag nach den Attentaten in Paris vorbildlich.

Frankreichs Präsident wollte beim Gedenken keine große Geste wie in der Vergangenheit etwa zwischen Mitterand und Kohl, weil Frankreich und Deutschland heute versöhnt seien.

Es wäre eine Geste gewesen, wenn der Präsident erklärt hätte, dass Frankreich mehr Flüchtlinge aufnimmt. Das wäre ein Zeichen von Solidarität mit Europa gewesen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mahnt seit Jahren, dass Europa nicht nur eine gemeinsame Währung, sondern auch eine gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik braucht. In Paris stimmt man zwar zu, unternimmt aber nichts in diese Richtung. Hier muss endlich mehr geschehen.

Europa präsentiert sich nicht in bester Verfassung. Wie kommt man wieder aus der Krise heraus?
Jetzt muss es heißen: Europa trotzdem! Wir dürfen den antieuropäischen Kräften nicht nachgeben. Hier gibt es Keime, die Europa schwächen und zerstören wollen. Dass etwa in Österreich die Hälfte der Menschen sagen, sie sind gegen Europa, ist furchtbar. Oder man nehme nur Polen: Polen ist 2004 in die EU aufgenommen worden, entwickelt sich wie Ungarn zurück in Richtung Diktatur, erhält Milliarden Euro aus Brüssel und schimpft dennoch auf Europa. Wir müssen Europa stärken.

Für viele sind Frieden, Freiheit und Wohlstand heute selbstverständlich geworden. Weiß man den Wert eines gemeinsamen Europas auch deshalb nicht mehr richtig zu schätzen?
Der Wohlstand ist heute mancherorts begrenzt. Es herrschen in nicht wenigen Ländern hohe Arbeitslosigkeit und große Armut. Auch in Deutschland gibt es Armut. Es wächst nicht nur ein neuer Nationalismus, sondern auch ein neuer Rassismus heran. Bei der AfD erleben wir einen anti-islamischen Rassismus.

Keine Waffenruhe in der Ukraine, Spannungen auf dem Balkan, Unsicherheit im Baltikum – ist der Frieden in Europa sicher, oder halten Sie eine Rückkehr von Krieg für möglich?
Niemand weiß, was Russlands Präsident Putin eigentlich will und wie weit er gehen wird. In Deutschland ist die Putinophilie noch größer als in Frankreich. Das ist skandalös. Die AfD-Jugend arbeitet mit der Putin-Jugend zusammen. Wahrscheinlich finanziert Putin auch Madame Le Pen. Der russische Präsident fördert Europas Rechte und Nationalisten. Er will Europa schwächen.

Jenseits der Gedenktage geraten die Schrecken der Weltkriege mehr und mehr in Vergessenheit. Wie lässt sich die Erinnerung heute wachhalten?
Natürlich darf sich die Erinnerung nicht nur auf einige Gedenktage beschränken. Aber die Deutschen sollten endlich aufhören, ihre Vergangenheit und die dunklen Kapitel ihrer Geschichte global zu betrachten. Es waren nicht alle Deutschen Nazis und Antisemiten. Man sollte auch den Blick auf den Widerstand richten, auf das, was alles gegen Hitler getan worden ist, auf viele Nichtjuden, die Juden geholfen haben.

Kommentar von Birgit Holzer: Schieflage!
Es ist kein schlechtes Zeichen, wenn sich das Bild von Angela Merkel und François Hollande beim Gedenken an die Schlacht von Verdun nicht so tief einprägt wie jenes vom Handschlag zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand. Heute sind solche Gesten nicht mehr nötig, um die Selbstverständlichkeit dieser Verbindung zu betonen. Die 4000 deutschen und französischen Jugendlichen, die am Gedenken in Verdun teilnahmen, dienen als bester Beweis dafür, wie natürlich diese Beziehung geworden ist.
Deutlich komplizierter erscheint sie auf der höchsten politischen Ebene. Zwar mangelt es nicht an zeremonialer Symbolik bei vielen Gelegenheiten; aber an echtem Vertrauen zwischen zwei Partnern. Und das mehr denn je vor dem Hintergrund einer auseinanderdriftenden europäischen Union.
In dieser Beziehung war die Augenhöhe beider Partner immer entscheidend. Doch weil sie in Schieflage geraten ist, knirscht es im Getriebe. Auf der einen Seite steht ein wirtschaftliches starkes Deutschland. Auf der anderen ein geschwächtes Frankreich, dessen Präsident verzweifelt versucht, das Land endlich aus seiner Krise zu führen.
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erstellt am 29.Mai.2016 | 21:00 Uhr

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