TV-Fünfkampf : Das Duell der Kleinen

<p>TV-Fünfkampf:   Die Moderatoren, BR-Chefredakteur Christian Nitsche (l) und WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich (2.v.l.), stehen zusammen mit den Parteivertretern und Spitzenkandidaten (l-r) Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke, Cem Özdemir, Bundesvorsitzender  Bündnis 90/Die Grünen, Joachim Herrmann (CSU), bayerischer Innenminister, Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP, und Alice Weidel (AfD) heute Abend im Fernsehstudio in Berlin. </p>
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TV-Fünfkampf:   Die Moderatoren, BR-Chefredakteur Christian Nitsche (l) und WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich (2.v.l.), stehen zusammen mit den Parteivertretern und Spitzenkandidaten (l-r) Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke, Cem Özdemir, Bundesvorsitzender  Bündnis 90/Die Grünen, Joachim Herrmann (CSU), bayerischer Innenminister, Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP, und Alice Weidel (AfD) heute Abend im Fernsehstudio in Berlin.

Holpriger TV-Fünfkampf: Wie Grüne, Linke, FDP, CSU und AfD um die Gunst der Wähler buhlten

svz.de von
04. September 2017, 22:30 Uhr

Geht da was? Können Grüne und Liberale miteinander? Am Tag nach dem TV-Duell von Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Martin Schulz kam es heute Abend in der ARD zum „Fünfkampf“ der „Kleinen“.

Besonders im Fokus: Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und FDP-Chef Christian Lindner. Zwei, auf die es bei der Regierungsbildung nach der Bundestagswahl ankommen könnte. Zwei, die ihre Parteien am Ende sogar in eine Jamaika-Koalition mit der Union führen könnten – es wäre ein Novum auf Bundesebene.

Jamaika im TV-Studio? Keine Spur davon bei den Kontrahenten, Özdemir und Lindner bleiben zunächst auf Distanz. Damit ja nicht der Eindruck der Kuschelei entsteht! Der 51-jährige „anatolische Schwabe“ und der 38-jährige Liberale, der schon als Retter seiner Partei gefeiert wird, schärfen ihr Profil. Die Große Koalition sei „über die Rentenkasse hergefallen wie ein ausgehungertes Raubtier“, fordert Lindner einen Kurswechsel bei der Alterssicherung, mit flexibler Lebensarbeitszeit und höheren Rentenansprüchen durch bessere Löhne. „Es kann  nicht sein, dass der Bund einer Schule in Burundi helfen kann, aber einer in Bochum nicht“, plädiert Özdemir für ein Ende des  Kooperationsverbotes, was Bundesmittel für Schulen der Länder verhindert.

Hatten die Vertreter der kleinen Parteien gerade noch über die „großkoalitionäre Kuschelrunde“ Merkel/ Schulz gelästert, so geht es im Fünfkampf ganz und gar nicht harmonisch dazu. Die Moderatoren Christian Nitsche und Sonja Mikich – über weite Strecken konfus in der Gesprächsführung, ohne klare Struktur und Linie. Von der Digitalisierung über Bildung, Europa und Mietpreisbremse hin zu Familiennachzug und Flüchtlinge – viel wird angesprochen, kein Thema wirklich ausdiskutiert. Jeder fällt jedem ins Wort.

Die drei anderen in der Runde, Linken-Frontfrau Sahra Wagenknecht, AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und CSU-Mann Joachim Herrmann buhlen ebenfalls um Aufmerksamkeit. Wagenknecht wirbt für eine „echte Mietpreisbremse“ und den Ausbau des sozialen Wohnungsbaus, wirft Bayern eine „inhumane“ Flüchtlingspolitik vor, weil gut integrierte Flüchtlinge nach Afghanistan abgeschoben würden. Weidel gibt die kühle Scharfmacherin, fordert eine „Minuseinwanderung“ und versucht, Bayerns Innenminister Herrmann in die Enge zu treiben, denn Bayern habe „eine geringere Abschiebequote“ als das grün-schwarz regierte Baden-Württemberg. Das will der Schwarze Sheriff nicht auf sich sitzen lassen, kontert, „mehr als 10000 Menschen“ hätten den Freistaat freiwillig verlassen.

Richtig Fahrt nimmt das Ganze aber erst auf, als sich die Kandidaten gegenseitig Fragen stellen dürfen. „Sie sind die einzig vernunftbegabte Person in Ihrer Partei. Wie stehen Sie denn zur Frage der offenen Grenzen“, will Weidel von Wagenknecht wissen. „Ihr Lob können Sie sich sparen“, giftet die Linken-Politikerin zurück, fragt jetzt die AfD-Frau: „Wie wohl fühlen Sie sich in einer Partei, die handfeste Halbnazis in den Bundestag bringen?“ Weidel spricht von „Einzelfällen“, verweist auf klare Ausschlussregeln ihrer Partei. Während die „Fünf“ noch verbissen um ihre Positionen und die Wählerinnen und Wähler kämpfen, liegt Deutschland beim Fußball gegen Norwegen bereits 4:0 in Führung. Am Sonntag vom Duell Merkel/Schulz in den Schatten gestellt, müssen die „Kleinen“ gegen den Fußball-Weltmeister antreten.

Am Ende gibt es dann doch noch ein Rededuell zwischen Lindner und Özdemir. Es geht um Atomwaffen, Russland und die Krim. Der Grüne könne ja womöglich Außenminister werden, „in welcher Koalition auch immer“, rechtfertigt der Liberale seine Attacke. Auch wenn es kurz hitzig wird, bleibt der Eindruck: Die beiden könnten auch miteinander, wenn es sein muss.

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