Flüchtlingskrise : Das Anti-Merkel-Konzept auf dem Balkan

Mehr als 25  000 Flüchtlinge sind im griechischen Lager Idomeni gestrandet.
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Mehr als 25 000 Flüchtlinge sind im griechischen Lager Idomeni gestrandet.

Unter Führung Wiens haben die Balkanländer in der Flüchtlingskrise einen Gegenentwurf zu den Plänen von Kanzlerin Merkel entwickelt - und Fakten geschaffen. Das Misstrauen sitzt tief.

svz.de von
10. März 2016, 21:00 Uhr

Es darf als diplomatischer Coup gelten, dass ausgerechnet Österreich als traditionell enger Verbündeter Deutschlands die Balkanländer auf eine Alternative zum Flüchtlingskonzept von Kanzlerin Angela Merkel verpflichtet hat. Vor allem, weil die Länder entlang der Balkanroute meist zerstritten sind. Doch jetzt ziehen sie an einem Strang und haben den Flüchtlingstransit durch ihre Länder rigoros gestoppt – aller Kritik aus Deutschland zum Trotz. Und es gibt noch mehr schlechte Nachrichten für Flüchtlinge – diesmal aus Brüssel.

Österreich ist von seinem Konzept tief überzeugt. „Diese Allianz der Vernunft hat bisher den entscheidenden Beitrag dazu geleistet, Stabilität und Ordnung für die Menschen in Europa zu wahren“, sagt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner. Wien rät Berlin, seinem Vorbild zu folgen und Obergrenzen für Migranten einzuführen. Das Land hat offen einen Dominoeffekt angestrebt – der jetzt auch eingetreten ist.

Aus Sorge vor einem Rückstau haben Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien ihre Grenzen für Flüchtlinge faktisch geschlossen. Die Anrainer der Balkanroute haben Griechenland immer wieder vorgeworfen, zu wenig zu tun, um den Ansturm der Flüchtlinge zu stoppen. Das Adrialand Kroatien hatte im vergangenen Herbst sogar Schiffe angeboten – mit der Begründung, dass Athen den Andrang offensichtlich mit eigener Ausrüstung nicht stoppen könne oder wolle.

Auch Slowenien ist sauer. Griechenland solle nicht jammern, dass mehr als 35  000 Menschen im Land festsäßen. Sein fünfmal kleineres Land habe im letzten Jahr bis zu 12 000 Menschen am Tag versorgt, sagt Regierungschef Miro Cerar.

Nach der Schließung der Balkanroute wollen EU-Staaten Flüchtlinge daran hindern, auf andere Routen auszuweichen. Der italienische Innenminister Angelino Alfano kündigte gestern an, mit Albanien entsprechende Gespräche führen zu wollen. Es gehe darum, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um illegale Migration zu verhindern, erklärte er am Rande des EU-Innenministertreffens in Brüssel. Albanien grenzt an den Nordwesten von Griechenland und gilt deswegen als alternatives Transitland. Von dort aus könnten Flüchtlinge versuchen, mit Schiffen über die Adria nach Italien zu gelangen. Zusätzlich bietet Albanien die Möglichkeit, auf dem Landweg in Richtung Norden weiterzureisen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière wies darauf hin, dass Flüchtlinge auch wieder verstärkt versuchen könnten, von Libyen aus über das Mittelmeer nach Italien zu kommen. „Es gibt die Sorge, dass es andere Routen gibt“, sagte der CDU-Politiker. Man sei deswegen mit den Italienern im Gespräch, um frühzeitig eine ähnliche Entwicklung wie auf der Balkanroute zu vermeiden.

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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