Interview : „Da müssen sehr, sehr viele Spenden fließen, um das zu kompensieren“

Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin des Hilfswerks 'Brot für die Welt'
Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin des Hilfswerks "Brot für die Welt"

"Brot für die Welt" fürchtet um die Einnahmen aus der Weihnachtskollekte, wenn viele Menschen den Gottesdiensten im Lockdown-Modus fern bleiben oder Gottesdienste erst gar nicht stattfinden. Was das bedeutet, darüber sprachen wir mit der Präsidentin des Hilfswerks, Cornelia Füllkrug-Weitzel.

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21. Dezember 2020, 01:00 Uhr

Osnabrück | Infolge des bundesweiten Lockdowns wird es an Weihnachten wohl weniger Gottesdienste geben oder sie finden unter weitreichenden Hygienebedingungen statt. Was bedeutet das für die Spendenaktion von "Brot für die Welt"?
Tatsächlich ist die Weihnachtszeit besonders wichtig für uns. Den Großteil der Kollekten für Brot für die Welt sammeln die Gemeinden in den Gottesdiensten an Heiligabend und den Weihnachtstagen, das ist schon seit der Gründung unseres Werkes so. Dieses Jahr werden nun deutlich weniger Menschen einen Gottesdienst besuchen, und so müssen wir davon ausgehen, dass die Kollekten deutlich geringer ausfallen werden.

Das ist bitter, besonders weil die Aufgaben für uns und unsere Partner in den Projektregionen im kommenden Jahr besonders groß sein werden: Die Pandemie führt zu mehr Armut. Die Zahl der Menschen, die akut hungern, steigt. Angesichts der dramatischen Folgen sind wir also gerade gefordert, mehr Hilfe zu leisten.

Wie reagieren Sie auf den drohenden Einbruch?
Damit die Menschen auch in Corona-Zeiten Kollekten und Spenden geben können, haben wir eine breite Palette von Möglichkeiten geschaffen. So haben wir zum Beispiel das Angebot, wie man online spenden kann, erweitert und vereinfacht. Unser QR-Code, der sich in Gemeindebriefen und vielen Veröffentlichungen findet, öffnet sofort den Weg zur Spende. Und wer möchte, kann auch weiterhin einen Zahlschein nutzen oder die klassische Spendentüte im Gemeindebüro abgeben.

Was bedeutet ein möglicher Rückgang für die „Brot für die Welt“-Projekte?
Wir werden alles tun, um unsere Arbeit in den Projektregionen weiter tun zu können. Wir haben immer darauf geachtet, dass unsere Ausgaben angemessen sind und unsere Verwaltungskosten niedrig bleiben. Bei einem spürbaren Rückgang der Mittel werden wir zuerst prüfen, ob wir noch sparsamer arbeiten können. Die Unterstützung der Ärmsten und Schwächsten ist unser wichtigstes Anliegen – gerade jetzt, in dieser dramatischen Situation, müssten wir sie nicht einschränken, sondern ausweiten.

Im November haben rund 40 Prozent der Bundesbürger angegeben, Gehaltseinbußen infolge der Corona-Pandemie zu haben. Haben sich Jobverluste und Kurzarbeit auf die Solidarität ausgewirkt?
Bislang beobachten wir keinen Rückgang der Solidarität, im Gegenteil. Unsere Spenden sind bisher nicht nur stabil geblieben, sondern unsere Spenderinnen und Spender haben sogar etwas mehr gespendet. Sie haben verstanden, dass ein Lockdown jene, die keinerlei soziale Absicherung haben, besonders hart trifft.

Aber?
Das ganz große Problem sind die ausfallenden Kollekten – vor allem die Weihnachtskollekte, die ein Standbein unserer Einnahmen ist. Da müssen sehr, sehr viele Spenden fließen, um das zu kompensieren!

Im Jahr 2019 hat Ihr Hilfswerk 64,4 Millionen Euro durch Spenden und Kollekten eingenommen - das drittbeste Spendenergebnis seit der Gründung 1959. Wagen Sie eine Prognose für das Gesamtjahr 2020?
Eine Prognose ist schwer – wir wären sehr dankbar, wenn wir trotz erschwerter Bedingungen in die Nähe unseres Vorjahresergebnisses kämen.

Welche Erfahrungen hat Brot für die Welt in diesem Corona-Jahr bei der Arbeit vor Ort gesammelt?
Corona hat mit den Lockdowns, für die es gute Gründe gab und gibt, positive Entwicklungen erst einmal gestoppt. Oft konnten die Menschen nicht mehr auf ihr Stück Land, um es zu bestellen. Sie hatten kein Einkommen mehr, um Medikamente zu kaufen oder Schulgeld zu bezahlen. Wenn die Arbeit auf dem Markt, auf dem Feld, als Haushaltshilfe oder Tagelöhner plötzlich wegfällt, ist die Existenz sofort bedroht.

Der Lockdown hat mit Schulschließungen auch dramatische Folgen für Kinder: Die Schulmahlzeit, oftmals die einzige am Tag, fällt weg und viele Kinder müssen in dieser schwierigen wirtschaftlichen Situation zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, indem sie arbeiten gehen. Und ob alle Kinder nach Corona wieder in die Schule zurückkehren, darf bezweifelt werden.

Die Welternährungsorganisation rechnet mit einer Verdopplung der Zahl der akut Hungernden auf 270 Millionen Menschen...
Das müsste nicht sein. Es zeigt sich gerade auf dramatische Weise, dass vor allem die Menschen, die keine soziale Absicherung haben, innerhalb kürzester Zeit zurückfallen in akute Armut. Daran müsste die Politik vorrangig arbeiten.

Und wie reagieren Ihre Projektpartner?
Unsere Projektpartner haben sehr schnell und flexibel auf die Pandemie reagiert und Hilfsmaßnahmen geplant. Sie haben über Hygienemaßnahmen aufgeklärt, Seife verteilt und Lebensmittelpakete für notleidende Familien ausgegeben, sie haben Schulunterricht über Radio organisiert, einige haben sogar Beatmungsgeräte und medizinisches Gerät beschafft. Es waren Monate im Ausnahmezustand – der leider zum Dauerzustand zu werden droht, denn die Folgen werden auch 2021 zu großer Not in vielen Ländern des Südens führen.

Wird es dafür Linderung geben können?
Die Vereinten Nationen schätzen, dass zwischen 110 und 150 Millionen Menschen weltweit in Folge der Pandemie in extreme Armut zurückfallen könnten. Pläne und Abkommen, Hunger und Armut zu überwinden und andere größtenteils menschengemachte Herausforderungen zu bewältigen gibt es längst – sie müssen nur umgesetzt und finanziert werden. Hier fehlt oft der politische Wille und jeder denkt nur an die eigenen Interessen. Vielleicht zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg leben auch wir in Europa in einem Gefühl der Gefahr. Der Großteil der Menschheit aber lebt ein Leben lang im Angesicht der existenziellen Gefährdung – durch Hunger, Kriege, Klimawandel, um nur die größten zu nennen.

Bleibt da noch Raum für Optimismus?
Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie verletzlich die Welt als Ganzes ist. Deshalb hoffe ich sehr, dass von nun an die Bereitschaft wächst, globale Probleme auch gemeinsam, multilateral zu lösen. Die neue Führung in den USA, der Impfstoff, die Einsicht in die Wichtigkeit der WHO – das alles gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus.

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