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Terroranschlag in Frankreich : Charlie Hebdo: „Es herrscht Krieg in Paris“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach dem Terroranschlag mit zwölf Toten überwiegen in Frankreich noch Entsetzen und Solidaritätsbekundungen – doch die Einheit im Land ist brüchig

Eilmeldung: Zwei Tage nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ ist es östlich von Paris zu einer Schießerei und einer Verfolgungsjagd gekommen. Es gehe um zwei verdächtige Personen, berichtete der Sender BFM-TV: Ob der Vorfall im Zusammenhang mit der Großfahndung nach den mutmaßlichen beiden Attentätern steht, war zunächst unklar.

Eigentlich hat Philippe Val keine Worte mehr, seit seine besten Freunde und Kollegen bei dem Terror-Anschlag starben. Doch dann brechen sie aus dem früheren Redaktionsleiter von „Charlie Hebdo“ heraus – minutenlang und so ergreifend, dass keiner der Radio-Journalisten, die ihn interviewen, es wagt, ihn zu unterbrechen. „Das waren so aufgeweckte Menschen, die wollten, dass der Humor seinen Platz in unseren Leben hat“, schluchzt er. „Wir müssen uns jetzt gegen den Horror zusammentun. Man kann nicht in der Angst leben.“

Doch Angst und tiefe Unruhe prägen Frankreich nach dem Attentat. Zehn Mitarbeiter des Satiremagazins sowie zwei Polizeibeamte kamen dabei ums Leben. Elf Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Schnell stand fest, dass es sich wohl um eine Rache-Aktion für boshafte Mohammed-Karikaturen handelte. Den Ermittlern zufolge gingen die Mörder ebenso kaltblütig wie professionell vor. „Ein militärisch organisiertes Mord-Kommando“, hieß es.

Die Polizei sucht fieberhaft nach den beiden Hauptverdächtigen und nahm sieben Personen aus deren Umfeld fest. Als Täter identifiziert hat sie die Brüder Saïd und Cherif Kouachi, 34 und 32 Jahre alt, Franzosen mit algerischen Wurzeln und beide polizeilich bekannt. Offenbar hatte einer von ihnen im Fluchtauto seinen Personalausweis vergessen. Trotz ihrer Vermummung erkannte sie gestern der Betreiber einer Tankstelle in Nordfrankreich, die sie schwer bewaffnet überfielen. Elitesoldaten durchkämmten daraufhin das Gebiet.

Derweil wurde Paris gestern erneut erschüttert durch einen Schusswechsel im Vorort Montrouge. Eine junge Polizistin erlag ihren Verletzungen, ein weiterer Beamter wurde verwundet. Der Täter entkam – und hinterließ große Unruhe. Gab es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen? „Es herrscht Krieg in Paris, um nicht zu sagen, der Dschihad“, sagte ein Polizeibeamter in den Medien.

Alle im Land fühlen sich betroffen. Gerade weil keine Religion, keine Autorität oder Minderheit verschont blieb von „Charlie Hebdos“ beißendem Spott, gilt das Magazin als Symbol der Meinungsfreiheit schlechthin. Zehntausende versammelten sich für eine Hommage an die Opfer. „Ich bin Charlie“ – das Bekenntnis prangte auf Titelseiten, auf Werbeflächen in ganz Paris. Einen Tag der nationalen Trauer rief Präsident François Hollande aus. „Nichts kann uns teilen, nichts darf uns trennen.“

Wirklich nichts? Tatsächlich ist die Einigkeit Frankreichs brüchig. Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Krise wächst das Misstrauen gegen alles, was als fremd wahrgenommen wird – und dazu gehört der Islam. Infolge seiner Kolonialgeschichte leben in Frankreich mehr Muslime als in jedem anderen Land Europas. Viele Menschen fassen das Tragen von Schleiern oder die Bitte um Halal-Gerichte als Provokation auf. Erfolgreich verknüpft Rechtspopulistin Marine Le Pen ihre Kritik an mangelnder Integration der Muslime mit dem Aufruf zum „Krieg gegen die Fundamentalisten“. Nun forderte sie gar ein Referendum über die Wiedereinführung der Todesstrafe. Le Pen trifft einen Nerv, und das umso mehr nach dem Schock-Attentat.

„Wir haben ,Charlie Hebdo’ getötet“, hatten die Täter nach dem Blutbad verkündet. Doch sie behielten unrecht: Das Magazin soll nächste Woche mit einer Auflage von einer Million – gegenüber sonst 60  000 – erscheinen. Damit die Angst und der Terror nicht siegen, so wie Philippe Val es sich wünscht. Und nicht nur er.

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