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Streitbar : Bundespräsident(in) gesucht

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Eine fiktive Jobanzeige entworfen von Jan-Philipp Hein

svz.de von
erstellt am 24.Sep.2016 | 16:00 Uhr

Unser neuster Teil der Serie "Streitbar" wurde diesmal von Autor Jan-Philipp Hein als fiktive Traueranzeige gestaltet. Sie finden das Layout unten als pdf-Download.

Gebietskörperschaft auf dem europäischen Kontinent. Auf mehr als 350.000 Quadratkilometern leben derzeit gut 82 Millionen Menschen, die sich auf 16 Bundesländer verteilen. Das Land präsentiert sich als liberale Demokratie. Auf Minderheitenschutz legen wir genauso viel wert wie auf die Gleichberechtigung und umfassende Religionsfreiheit. Das Verhältnis zu unseren neun Nachbarstaaten ist weitgehend intakt.

Zum 12. Februar 2017 suchen wir eine(n) neue(n) Bundespräsident(in).

Unser Land befindet sich nach Jahrzehnten politischer und gesellschaftlicher Stabilität gerade in einem Umbruch. Die internationalen Entwicklungen machen auch vor unseren Grenzen nicht Halt. Im vergangenen Jahr haben wir großzügig Flüchtlinge aufgenommen, was in einigen Teilen des Landes schwere gesellschaftliche Verwerfungen nach sich gezogen hat. Ähnlich wie viele europäischen Staaten erfahren wir parallel dazu eine Erweiterung des Parteienspektrums bei gleichzeitiger Radikalisierung und Verhärtung des demokratischen Diskurs'. Hinzu kommt, dass wir erstmals seit unserer Gründung herausgehoben verantwortlich für die Koordination einer gemeinsamen europäischen Haltung und Politik gegenüber der Russischen Föderation wegen ihrer Aggressionen auf dem europäischen Kontinent sind. Hier sammeln wir gerade interessante neue Erfahrungen.

Als neuer Repräsentant in dieser für unser Land herausfordernden Phase wird es Ihre Aufgabe sein, die sich abzeichnenden epochalen Veränderungen stets mit den richtigen Worten zu begleiten. Sie sollten ein Schrumpfen der Europäischen Union, die den Aufstieg unserer Bundesrepublik zu einer zentralen Macht in dieser Weltregion erst ermöglicht hat, genauso textsicher begleiten können wie ihren völligen Zusammenbruch, der ebenfalls nicht mehr unmöglich ist. Dabei sollten Sie einen Dialogfaden mit Russland stets vor dem Abreißen bewahren können und sich zugleich das uneingeschränkte Vertrauen der US-Regierung erwerben. Sie sollten stets Vertrauen und Zuversicht vermitteln und ausstrahlen.

Im Inland werden Sie als pointierter und scharfzüngiger Begleiter der bereits genannten Transformationsprozesse gebraucht. Ihre Aufgabe wird darin bestehen, die sich radikalisierenden und teilweise offen antidemokratisch gesinnten Kräfte wieder für unsere Demokratie zu gewinnen. Außerdem werden Sie häufig Orden verleihen, Neubauten einweihen, Jubilare ehren und Schiffstaufen vornehmen müssen. Ihre Schirmherrschaften werden Sie schon bald nicht mehr zählen können. Bedenken Sie vor Ihrer Bewerbung bitte auch, ob Ihre Partnerschaft den Belastungen des Amtes an der Spitze unseres Staates gewachsen ist.

Zur Bewältigung Ihrer zukünftigen Aufgaben steht Ihnen ein Bundespräsidialamt mit 180 Mitarbeitern zur Verfügung. Ihr wichtigstes Arbeitswerkzeug ist das gesprochene Wort. Als höchster Repräsentant unseres Landes sind sie nur am Rande in die Regierungsgeschäfte eingebunden. Es wird von Ihnen erwartet, dass sie ihre Unabhängigkeit nicht gegen die Bundeskanzlerin und ihre Bundesregierung nutzen. Zugleich sollten Sie aber regelmäßig wichtige Impulse oder auch mal einen mächtigen Ruck in die Exekutive aussenden. Sie sollen aufmischen, ohne sich einzumischen.

Wenn Sie über eine tadellose Reputation verfügen, sie außerdem souverän mit dem Boulevard und dem Feuilleton umgehen können und sich schon mal mit unbequemen Zwischenrufen hervorgetan haben, könnte das von uns bereits als Bewerbung verstanden worden sein. Wenn Sie den Posten anstreben und sich nicht sicher sind, ob wir das bereits bemerkt haben, sollten Sie in den kommenden Wochen damit beginnen, Aufmerksamkeit bei den Fraktionschefs im Deutschen Bundestag und im Stab des Kanzleramts zu erregen. Hilfreich sind außerdem gute Drähte in größere Staatskanzleien unseres Landes. Von offensiven Interessensbekundungen sollten Sie jedoch absehen. Sollte Ihre Bewerbung bald in den Medien genannt werden, können wir Sie leider nicht berücksichtigen.

Machen Sie sich darauf gefasst, mit dem Amtsantritt über kein Privatleben mehr verfügen zu können. Als Ausgleich bieten wir Ihnen mit dem Schloss Bellevue in Berlin und der Villa Hammerschmidt in Bonn zwei repräsentative Amtssitze. Fahrer, Wagen und Haushaltspersonal verstehen sich von selbst. Für die erhöhten Ausgaben, die sich aus den repräsentativen Anforderungen Ihres neuen Amtes ergeben, erhalten Sie jährlich ein Aufwandsgeld in Höhe von derzeit 78.000 Euro. Ihre Bezahlung liegt gerade bei 214.000 Euro jährlich. Wenn Sie spätestens nach zwei Jahren aus dem Amt ausscheiden, erhalten Sie Ihre Amtsbezüge als Ehrensold weiter. Das gilt auch, wenn Sie aus politischen oder gesundheitlichen Gründen vor Ablauf Ihrer Amtszeit ausscheiden. In diesem Fall sollten Sie sich aber darauf gefasst machen, dass die Presse das sehr kritisch begleiten wird. Ihre Bezüge unterliegen selbstverständlich der Einkommen- und Kirchensteuer.

Bewerbungen sollten nicht zu früh und zu deutlich an uns herangetragen werden. Frauen werden möglicherweise bevorzugt behandelt. Singles haben nur Außenseiterchancen.

 

Zum Vergrößern das Bild anklicken oder hier zum Download als PDF .

 

 

 

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