Verbrechen in Delmenhorst : Briefe an den Mörder

Niels Högel wird erneut angeklagt – lebenslang hat er bereits.
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Niels Högel wird erneut angeklagt – lebenslang hat er bereits.

Ein Krankenpfleger spritzt Patienten zu Tode – die wohl größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte. Wie kann es sein, dass ihn niemand stoppte?

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14. Februar 2018, 05:00 Uhr

Wenn Christian Marbach das Grab seines ermordeten Großvaters besucht, kommt er ganz nah am Tatort vorbei. Nur fünf Minuten zu Fuß entfernt, zwischen den winterkahlen Bäumen weithin sichtbar, liegen die roten Backsteingebäude des Delmenhorster Krankenhauses. Ärzte und Pfleger kümmern sich um kranke Männer, Frauen und Kinder, geben Medikamente und retten Leben. Auch Marbachs 78-jähriger Großvater hoffte hier auf Hilfe – und wurde umgebracht. Von einem Mann, der ihn gesund pflegen sollte: von Niels Högel.

Heute, 15 Jahre später, spricht der Enkel ruhig und offen über die erschütternden Details. Darüber, dass sein Großvater eines der Opfer in einer unfassbaren Mordserie ist. Der 47-Jährige arbeitet als Diplom-Kaufmann bei einer großen Bank. Im dunklen Anzug, den obersten Hemdknopf offen, kommt er zum Gespräch. Er ist ein Mann der Zahlen und Fakten. Doch man spürt, dass ihn die Geschichte weiter aufwühlt. Mehr als 100 Patienten soll Niels Högel, so sind die Ermittler sicher, als Krankenpfleger in rund fünf Jahren getötet haben: erst im nahen Oldenburg, dann in Delmenhorst.

Wegen des Todes von Marbachs Großvater und fünf anderen Patienten in der 82 000-Einwohner-Stadt stand Högel bereits in zwei Verfahren vor Gericht. Er sitzt lebenslang im Gefängnis. Doch Christian Marbach bewegen noch viele Fragen.

Die Aufklärung der Mordserie kam nur zögerlich voran. Der größte Prozess, in dem es um 97 Tote geht, soll erst im Herbst starten. „Das eine ist der Mordprozess gegen den Täter. Das andere ist die Frage, wie kann das in einem Krankenhaus passieren?“, sagt Marbach.

VERDÄCHTIGER TOD KURZ VOR DER ENTLASSUNG

Der Enkel erinnert sich genau an jene Tage im Herbst 2003, die sein Vertrauen in die Justiz und ins Gesundheitssystem zerstören sollten. Wenn man ihm zuhört, wenn man die Aussagen früherer Kollegen Högels und der Ermittler vor Gericht einbezieht, entsteht der Eindruck, dass manche in den Kliniken nicht gut hingeschaut haben. Es vielleicht auch nicht immer wollten.

Wegen einer Operation kam Marbachs Großvater ins Klinikum im niedersächsischen Delmenhorst unweit von Bremen. „Das war unser Krankenhaus“, berichtet Marbach. „Wir sind dort alle geboren.“ Und in dem die Tante als Krankenschwester arbeitete.

Zwei Wochen später, der Operierte sollte bald entlassen werden, klingelte bei den Marbachs nachts das Telefon. Ein Pfleger musste den alten Mann wiederbeleben. Am Tag darauf wirkte der Patient verstört. „Er hatte massiv Angst. Er hat gespürt, dass jemand an ihm herummanipuliert“, erzählt Marbach. Doch die Familie deutete das falsch: Sie hielt es nicht für möglich, dass jemand im Krankenhaus Wehrlose tötet. „Das ist für uns heute sehr schwer zu verarbeiten.“ Zwei Tage danach musste der Großvater erneut reanimiert werden.

Diesmal scheiterte es. Die Familie ging von einem Behandlungsfehler aus. Heute wissen die Angehörigen: Niels Högel spritzte dem alten Mann ein Medikament, das tödliche Nebenwirkungen hatte. Das machte er wieder und wieder, wahllos suchte er seine Opfer aus. Vor Gericht sagte der Ex-Pfleger später, dass er es aus Langeweile tat und um vor Kollegen mit seinen Wiederbelebungskünsten zu glänzen.

Obwohl Kollegen Verdacht schöpften, stoppte ihn lange niemand. Dabei lassen sich an beiden Arbeitsstellen, in Oldenburg und Delmenhorst, Hinweise finden. „Die Morde hätten verhindert werden können, wenn Verantwortliche früher reagiert hätten“, sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme im vergangenen August, als er die Ermittlungsergebnisse vorstellte.

KLINIKEN ZIEHEN KONSEQUENZEN

Doch erst im Sommer 2005 flog Högel auf: Eine Krankenschwester ertappte den Pfleger, als er einem Patienten eine Überdosis spritzte. Sogar da reagierten Vorgesetzte und Kollegen nicht sofort. Erst ein paar Tage später gingen sie zur Polizei. So konnte Högel noch einen kranken Menschen töten, wie die Ermittler heute wissen.

Sechs Klinikmitarbeiter hat die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen Tötung durch Unterlassen angeklagt. Zwei damalige Oberärzte und eine weitere Führungskraft in Delmenhorst müssen sich demnächst vor Gericht verantworten. Bei drei Pflegekräften ist noch offen, ob es zum Prozess kommt.

Der Geschäftsführer ist erst seit Anfang des Jahres im Haus. Auch der ärztliche Direktor Frank Starp kam erst nach der Mordserie an die Klinik. Er spricht von einem tragischen Einzelfall, aus dem das Josef-Hospital gelernt habe. Es hat ein sogenanntes Whistleblowing-System eingeführt: Mitarbeiter können darüber anonym Auffälligkeiten melden. Außerdem untersucht ein externer Rechtsmediziner alle Patienten, die in dem Krankenhaus sterben.

EXPERTE: KONTROLLEN HABEN VERSAGT

Der Psychiater Karl H. Beine hat sich mit vielen Mordserien an Kliniken beschäftigt. Die von Niels Högel hält er für international herausragend – nicht nur wegen der Opferzahl. „In den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst haben alle Kontrollmechanismen versagt. Als die Polizei Niels Högel im Sommer 2005 festnahm, sprach sich das am Krankenhaus schnell rum. Christian Marbachs Tante besorgte die Dienstpläne des Pflegers. Und ein schrecklicher Verdacht bestätigte sich. Er war im Einsatz, als der Großvater starb. Die Marbachs informierten die Polizei. „Es wurde aber nichts untersucht. Das war eine Katastrophe für uns“, sagt Christian Marbach. Die Staatsanwaltschaft klagte Högel in einem Fall an – nur für diesen musste er sich im ersten Prozess verantworten. Als eine andere Angehörige nicht locker ließ, ermittelte die Polizei weiter.

Jahre später kam es zum zweiten Verfahren, in dem es um den Tod von Marbachs Großvater und vier anderen Patienten ging. Dort zeigte sich schnell das Ausmaß der wohl größten Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Polizei gründete eine Sonderkommission. Diese öffnete mehr als 130 Gräber von ehemaligen Patienten. Bei 97 Opfern haben die Ermittler genug Beweise gefunden für den nächsten Prozess.

FRÜHE ALARMSIGNALE

Die Mordserie begann nach Ansicht der Ermittler im Februar 2000. Da soll Niels Högel am Klinikum Oldenburg zum ersten Mal einen Patienten getötet haben. Auch dort ermittelt die Polizei gegen Mitarbeiter. Demnach gab es schon damals Hinweise darauf, dass ungewöhnlich viele Patienten während der Schichten von Högel starben oder wiederbelebt werden mussten. Das Klinikum versetzte den Pfleger erst auf eine andere Station. Schließlich lobte sie ihn mit einem guten Zeugnis weg. Im neuen Job in Delmenhorst konnte er weiter morden. Für den Experten Prof. Beine sind solche Abläufe Symptome eines kranken Systems, wie er es nennt. In Krankenhäusern sei der Arbeitsdruck so hoch, Schwestern hetzten von Patient zu Patient, auf Kollegen achten könnten sie nicht. Morde blieben leicht unerkannt. Zumal der Tod dort alltäglich ist.

OPFERFAMILIEN BEKOMMEN GELD

Seit mehr als drei Jahren zahlt das Krankenhaus Entschädigungen an Familien der Opfer. Der neue Prozess wird alte Wunden aufreißen. Am Strafmaß für Niels Högel ändern wird er nichts. In Deutschland kann ein Täter nur einmal lebenslang erhalten. Trotzdem ist die Aufarbeitung vor Gericht wichtig: „Viele meiner Mandanten wollen, dass alles aufgeklärt wird, damit man daraus lernt“, sagt die Rechtsanwältin Gaby Lübben.

Das treibt auch Christian Marbach an. Gerechtigkeit vor Gericht ist seiner Familie schon widerfahren. Eine Entschädigung vom Delmenhorster Krankenhaus hat sie bekommen. Ein Trost war beides nicht.

Eine Zeit lang hat Marbach dem Mörder seines Großvaters Briefe geschrieben. Um ihn zu einer Aussage vor Gericht zu motivieren. Irgendwann will Marbach ein Buch über die beispiellose Mordserie schreiben, das auch das Versagen in den Krankenhäusern und bei der Justiz aufarbeitet. „Ich will etwas bewegen, ich will, dass sich was ändert“, sagt er.

Vielleicht kann er dann damit abschließen.

Morde in Kliniken

Frankreich, 2003: Wegen des Todes von sechs schwer kranken Patienten wird eine französische Pflegerin in Versailles zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sie tötete die Menschen nach ihrer Aussage aus Mitleid.

Niederlande, 2004: Wegen Mordes an sieben Patienten muss eine Krankenschwester lebenslang hinter Gitter. Sie hatte Alte und Kinder in Den Haag mit überdosierten Medikamenten getötet.

Deutschland, 2006: Der sogenannte „Todespfleger“ von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Nach Überzeugung der Richter hat der Mann 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Patienten zu Tode gespritzt.

Tschechien, 2008: Wegen siebenfachen Mordes wird ein Krankenpfleger zu lebenslanger Haft verurteilt. In einem ostböhmischen Krankenhaus hatte er Patienten zu Tode gespritzt.

Großbritannien, 2015: Ein Krankenpfleger muss wegen Mordes für mindestens 35 Jahre ins Gefängnis. Er hatte zwei Patienten nahe Manchester mit einer Überdosis Insulin getötet und etwa 20 vergiftet.

Italien, 2016: Eine Krankenschwester wird festgenommen, weil sie in einer Klinik in der Toskana mehr als ein Dutzend Patienten mit einer erhöhten Dosis von Medikamenten vorsätzlich getötet haben soll.

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