Eklat : Biermann und „die Drachenbrut“

Der Liedermacher Wolf Biermann singt auf  Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im  Bundestag
Der Liedermacher Wolf Biermann singt auf Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Bundestag

Die Abrechnung des Liedermachers mit den Linken beim Mauergedenken des Deutschen Bundestages

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07. November 2014, 19:09 Uhr

Eigentlich soll er hier unter der Reichstagskuppel nur singen und keine Rede halten. Doch Wolf Biermann lässt sich auch nicht von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und dem Verweis auf die Geschäftsordnung des hohen Hauses bremsen. Biermann, hemdsärmelig mit seiner Gitarre in der Hand, schert sich nicht um die Regeln und das offizielle Protokoll. „Natürlich habe ich mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt, und das werde ich hier schon gar nicht tun“, kontert Biermann.

Erst legt sich der Liedermacher, der 1976 wegen seiner Kritik am SED-Regime aus der DDR zwangsausgebürgert worden war, mit dem Bundestagspräsidenten an, der ihn quasi im Alleingang eingeladen hatte. Dann rechnet er schonungslos Auge in Auge mit der Linksfraktion ab. Dabei hatte er zunächst versichert, dass er die Hoffnungen, er werde „den Linken ein paar Ohrfreigen verpassen“, nicht erfüllen könne. „Das kann ich nicht, ich war ja Drachentöter“, sagt Biermann. „Ein Drachentöter kann nicht mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen“, attackiert er die Abgeordneten der Linkspartei im Plenum. Die Linke sei geschlagen, es sei „Strafe genug, dass sie hier sitzen müssen, sich das anhören müssen, das zu ertragen, ich gönne es euch“, sagt Biermann mit diebischer Freude und nennt die Parlamentarier der Linksfraktion, die ihm schräg gegenüber sitzen, den „elenden Rest dessen, was überwunden ist“. Die Linke sei weder rechts noch links, sie sei reaktionär.

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Es sind nur knapp fünf Minuten, aber die nutzt der 77-jährige Liedermacher für eine schonungslose Abrechnung mit der DDR und der SED-Nachfolgepartei. Gregor Gysi, der Fraktionschef der Linken, blickt mal regungslos, mal mürrisch. In seiner Rede geht er später nicht auf Biermann ein. Sie seien gewählt, ruft ein Linken-Abgeordneter. Biermann kontert, eine Wahl sei doch „kein Gottesurteil“.

Schließlich stimmt Biermann das Lied an, das sich der Bundestagspräsident für diesen Anlass gewünscht hatte. „Ermutigung“ heißt das Stück, „ein Lied aus den Gefängnissen der DDR“, wie es Biermann nennt, eine Hymne, nicht nur für Bürgerrechtler und Opfer des SED-Regimes. „Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit.“

Es wird eine denkwürdige Gedenkstunde an den Mauerfall vor 25 Jahren an diesem Freitagmorgen im Bundestag. Beifall für den Liedermacher, seine Musik und seine Worte von Union, SPD und Grünen – in den Reihen der Linken rührten sich nur wenige Hände. Persönliche Glückwünsche und Schulterklopfen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Sigmar Gabriel für den Gast.

„Ich freu mich, dass Sie mich hierher gelockt haben“, sagt Biermann an Lammert gerichtet zur Begrüßung. Und als der Bundestagspräsident schließlich dem Liedermacher und dessen Gattin Pamela zur Silberhochzeit an diesem Tag gratuliert („ein starkes Jubiläum“), da spürt man wieder den Schalk im Nacken des Künstlers: Er habe nicht vermutet, dass zu diesem Anlass einmal ein freigewähltes Parlament zusammentreten werde…

Dann erinnern Filmausschnitte, in denen frühere Bürgerrechtler zu Wort kommen, an den 9. November vor 25 Jahren, Bilder vom Mauerfall. Dankbar sei sie, dass dies „ohne Blutvergießen, ohne einen einzigen Schuss“ möglich gewesen sei, sagt CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt. Und die Ostbeauftragte der Bundesregierung und SPD-Abgeordnete Iris Gleicke kämpft mit den Tränen, als sie daran erinnert, dass an dieser Mauer „unzählige Träume zerschellt“ seien. „Wir haben unheimlich viel erreicht, um die Folgen der Teilung zu beseitigen“, sagt Gleicke. „Und den Rest, den schaffen wir auch noch.“

Am Ende dann ist es ein wenig so wie am Abend des 9. November 1989 im Bundestag in Bonn. Die Abgeordneten erheben sich und stimmen die deutsche Hymne an.

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