Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) : Bei den Texten hapert’s

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Weckruf für Grundschulen: Zehntausende Schüler können nicht gut genug lesen

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05. Dezember 2017, 20:45 Uhr

Immer mehr Kinder in Deutschland können beim Verlassen der Grundschule nicht richtig lesen. Im internationalen Vergleich ist Deutschland bei der Leseleistung abgesunken. Das zeigt die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu). Tobias Schmidt sprach darüber mit Susanne Eisenmann (CDU), Kultusministerin von Baden-Württemberg und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz.

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Wie beurteilen Sie das Resultat der Bildungsstudie?
Eisenmann: Deutschlands Grundschüler sind bei der Lesekompetenz stehen geblieben, während die Schüler in vielen anderen OECD-Ländern Fortschritte gemacht haben, weil dort besser und gezielter gefördert worden ist. In der Bundesrepublik gibt es erheblichen Handlungsbedarf. Dass immer mehr Grundschüler erhebliche Leseschwächen haben, ist ein Alarmsignal.

Was ist konkret zu tun, um den Trend umzukehren?
Um das Lesen zu fördern, sind zwei Ansätze notwendig: Wir müssen die Eltern dazu bringen, dass sie ihre Kinder wieder zum Lesen animieren. Sie müssen Vorbild sein. Wenn die Eltern immer am Smartphone rumspielen, machen sie ihren Kindern keine Lust, ein Buch in die Hand zu nehmen. Auch das Vorlesen kommt heutzutage viel zu kurz, dabei ist das besonders effektiv, um Kindern selbst Spaß am Lesen zu machen. Und in den Schulen müssen wir das Lesen gezielter und besser fördern. Dafür müssen die erfolgreichen Konzepte, die einzelne Bundesländer eingeführt haben, möglichst bundesweit umgesetzt werden. Schleswig-Holstein ist mit seinem Programm „Lesen macht stark“ ein Vorbild.

 

Ist das nicht eine Steilvorlage für den Ruf der SPD nach bundesweit einheitlichen Regeln?
Nein, das Problem können wir nicht durch eine Zentralisierung der Bildungspolitik lösen. Im Gegenteil: Bildungsföderalismus bedeutet Wettbewerb unter den Bundesländern um die besten Rezepte. Die Bundesländer müssen voneinander lernen. In einem einheitlichen System wären alle gleich schlecht. Die Schwächen von zentralen Vorgaben sehen wir in Frankreich oder Italien.

Wurden die Lehrer mit den Problemen alleingelassen?
Ja, die Lehrer brauchen mehr Hilfe, um mit dieser äußerst schwierigen Grundlage klarzukommen. Und wir müssen die Fördermaßnahmen für die benachteiligten Kinder konsequenter überprüfen und verbessern. Wenn Fördermaßnahmen nichts bewirken, müssen bessere Konzepte her.

Wie wichtig ist Lesekompetenz heute noch?
Lesen zu können ist entscheidend für einen gelingenden Start ins Leben. Wer nicht lesen kann, ist stark im Nachteil, das Gleiche gilt für die Schreibekompetenz. Die Schulen müssen alles tun, um den Bedeutungsverlust des Buches aufzufangen und niemanden zurückzulassen.

Kommentar von Tobias Schmidt: Bücher statt Videos

Die neue Studie über die Lesekompetenz der Viertklässler muss die Politik wachrütteln. Fast jedes fünfte Kind kann nicht mehr richtig lesen, wenn es die Grundschule verlässt.

Dass der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund gestiegen ist, erklärt nur einen Teil des Problems. Auch die Zahl der deutschen Kinder, für die Bücher Fremdkörper sind, wird größer. Wenn der Schalter nicht umgelegt wird, wächst eine Generation der Gescheiterten heran. Wer nach der vierten Klasse auch relativ einfache Text nicht versteht, kann den Rückstand kaum noch aufholen.

 Es gilt, bundesweit schon im Vorschulalter Kinder auf ihre Sprachfähigkeit zu testen und bei großen Defiziten gezielt zu fördern. Der Bund muss den Bundesländern dabei unter die Arme greifen. Die Kultusminister sollten erfolgreiche Konzepte zur Leseförderung mit Hochdruck bundesweit umsetzen.

Wer Zuhause ständig am Smartphone hängt, muss sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs lieber Videos schaut, als sich mal in ein Buch zu vertiefen.

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