Trump und Kim : Begegnung zweier Hasardeure

In dem Luxushotel Capella Singapore auf der Insel Sentosa wird sich US-Präsident Trump mit Nordkoreas Machthaber Kim treffen.   Singapore
In dem Luxushotel Capella Singapore auf der Insel Sentosa wird sich US-Präsident Trump mit Nordkoreas Machthaber Kim treffen.

US-Präsident Trump und Kim Jong Un pokern politisch beide gern hoch. Nun stehen sie vor einem historischen Treffen

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11. Juni 2018, 05:00 Uhr

Trotz aller Geschäftstüchtigkeit – Volker Eloesser gibt sich keinen überzogenen Erwartungen hin. „Tauwetter? Wenn wir Glück haben, bringt der Gipfel einen Prozess in Gang, der in den nächsten fünf, zehn Jahren zu mehr Öffnung und entspannteren Verhältnissen führt“, sagt der Geschäftsmann aus Schledehausen in Niedersachsen.

Seit 2008 betreibt Eloesser als Joint Venture die Softwareentwicklungsfirma Nosotek in Nordkorea –, um einen Fuß in der Tür zu haben, wie er sagt. Mindestens ein- mal jährlich ist er in Pjöngjang, kennt Land und Leute. Nordkorea habe ein enormes wirtschaftliches Entwicklungspotenzial, sagt er im Gespräch mit dieser Redaktion: „Am Ende kommt es darauf an, wohin der politische Weg führt.“

Wird sich Nordkorea mit dem Treffen von Machthaber Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump also aus der internationalen Isolation befreien? Eine Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea, wie sie einst die Bundesrepublik und die DDR in kürzester Zeit vollzogen haben, kann sich Eloesser, dessen Geschäfte in Nordkorea unberührt von internationalen Sanktionen sind, nicht vorstellen: „Ich bin sehr gespannt.“

Tatsächlich blickt die Welt morgen nach Singapur. Wenn es hier noch tiefe Nacht ist, werden sich dort „der kleine Raketenmann“ (Trump über Kim) und der „geisteskranke, senile Greis“ (Kim über Trump) zu einer Art politischem Speeddating treffen: Absichten checken, Claims abstecken, Ärmel hochkrempeln.

„Wir haben das Potenzial, etwas Unglaubliches für die Welt zu schaffen“, frohlockte Trump soeben gänzlich unbescheiden – und erneuerte im selben Atemzug seine Forderung, Kim Jong Un müsse seine Atomwaffen einseitig und endgültig abrüsten, bevor die internationalen Sanktionen gegen Nordkorea gelockert würden.

Genau da aber fangen die Probleme an. Das Friedensforschungsinstitut Sipri geht davon aus, dass Pjöngjang über nuklearfähiges Material für zehn bis 20 Atomsprengköpfe verfügt. Die atomare Bewaffnung gilt dem Regime als Lebensversicherung. „Aufgrund vergangener Erfahrung bin ich skeptisch, dass der nordkoreanische Diktator die von uns als Westen verlangte vollständig überprüfbare und unumkehrbare Aufgabe des Nuklearprogramms als Bedingung für eine Normalisierung der Beziehungen akzeptieren wird“, sagte denn auch Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, unserer Redaktion.

Läuft also alles auf ein großes Missverständnis hinaus? Auf einen Gipfel, von dem jenseits von Fotos und Absichtsadressen nichts bleibt – außer vielleicht die Erinnerung an sein Scheitern?

Seit dem Ende des Koreakriegs 1953 gilt auf der Koreanischen Halbinsel nur ein Waffenstillstand. Offiziell befinden sich der kommunistische Norden und das westliche Südkorea bis heute im Kriegszustand. Diesen zu beenden wäre ein durchschlagender Erfolg und könnte den Weg ebnen für wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen im abgeschotteten Nordkorea.

Doch anstatt das Land zu modernisieren, war der Herrscher-Clique der Kims Jahrzehnte daran gelegen, die eigene Macht mit der Entwicklung von Atomwaffen zu sichern. Deshalb belegten die Vereinten Nationen Nordkorea mit immer strikteren Handels- und Finanzsanktionen, unter denen die Bevölkerung des Landes bis heute am meisten zu leiden hat. Zuletzt hatte mit China sogar Nordkoreas wichtigster Handelspartner und letzter Verbündeter die Daumenschrauben angezogen.

Das Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un könnte nun Bewegung in die erstarrte Situation bringen. So oder so gilt es als historisch. Noch nie ist ein amtierender US-Präsident mit einem Machthaber Nordkoreas zusammengetroffen. Warum ausgerechnet jetzt?

Sicher ist, dass sich nach Jahrzehnten der Aufrüstung die Bedrohungslage im vergangenen Jahr grundsätzlich verschärft hat. Pjöngjang verfügt inzwischen über Interkontinentalraketen, die – ausgestattet mit Atomsprengköpfen – das Staatsgebiet der USA erreichen könnten. Das setzt Washington unter Zugzwang. Nicht von ungefähr drohte Präsident Trump, Nordkorea mit „Feuer und Zorn“ auszulöschen.

Andererseits fühlt sich Kim angesichts seiner atomaren Verteidigungskeule nun offenbar souverän genug, sein Land wirtschaftlich ins 21. Jahrhundert zu führen. Reform und Fortschritt oder Stagnation? Das ist die Frage für Kim.

Ohne Gegenleistungen wird Kim Jong Un kaum bereit sein, dem Westen in irgendeiner Weise entgegenzukommen. Wirtschaftshilfen, Abbau der bestehenden Sanktionen und Sicherheitsgarantien werden also neben der Abrüstung wichtige Themen bei der Begegnung von Trump und Kim sein. So soll Kim Washington und Südkorea aufgefordert haben, „Sicherheitsbedrohungen“ gegen sein Land abzubauen. Gemeint sind damit unter anderem in der Region stationierte US-Kampfjets und Flugzeugträger.

In Südkorea und Japan wächst derweil die Sorge, Kim könnte Trump mit einem Tauschgeschäft ködern: Aufgabe der Interkontinentalraketen und Einfrieren des Atomprogramms auf dem Ist-Stand für die Anerkennung als Atommacht. Zumindest das US-Festland wäre nicht mehr durch Nordkoreas Raketen bedroht.

Und dann, Bahn frei für Business? Allein die Kosten für den Ausbau von Nordkoreas maroder Infrastruktur würden sich in einem ersten Schritt laut Germany Trade & Invest auf 64 Milliarden Dollar belaufen; andere Schätzungen gehen von 90 Milliarden Dollar aus. Profitieren würden vor allem der Bau- und Stahlsektor. Auch US-Firmen kämen sicher zum Zuge.

Frieden durch Annäherung, Wirtschaftsförderung statt Krieg? „Ein besseres politisches Klima und Lockerung der Sanktionen“, glaubt Nordkorea-Geschäftsmann Eloesser, „wirkten sich wohl für alle Seiten positiv aus.“

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