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Aussage im NSU-Prozess : Beate Zschäpe: Ihre Aussage im Detail

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Die Angeklagte über Liebe, ihre Abhängigkeit von Mundlos und Böhnhardt und ihre Mittäterschaft bei den NSU-Morden.

svz.de von
erstellt am 09.Dez.2015 | 14:16 Uhr

München | Lange hatte Beate Zschäpe zu den Vorwürfen geschwiegen. Nach zweieinhalb Jahren nimmt sie Stellung. Dabei bestreitet die Angeklagte offen ihre Mittäterschaft an den NSU-Morden. Ihr offensiver Umgang offenbart: Zschäpe sagt, sie habe immer erst im Nachhinein von den Taten ihrer Freunde Mundlos und Böhnhardt erfahren, sei aber selbst an keiner der Taten beteiligt gewesen. Als sie sich der Polizei nach dem ersten Mord stellen wollte, offenbarten ihr die beiden, sie würden sich niemals festnehmen lassen sondern eher sterben. Zschäpe: „Ich stand vor einem unlösbaren Problem. Sollte ich mich stellen, müsste ich den Tod der einzigen beiden Menschen auf mich nehmen, die mir neben meiner Oma wichtig waren.“

Somit gesteht Zschäpe zwar, von den Taten gewusst zu haben, jedoch sei sie in erster Linie emotional abhängig von Mundlos und Böhnhardt gewesen und war deshalb Teil der Gruppe. Im Prozess weist sie daher den Vorwurf der Anklage zurück, gleichgeordnetes Mitglied des NSU gewesen zu sein. „Ich habe mich weder damals noch heute als Mitglied einer solchen Bewegung gesehen.“ Sie sei kein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, sagt Zschäpe. Die Opfer der Terrorgruppe NSU bat sie um Entschuldigung. „Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und allen Angehörigen der Opfer der von Mundlos und Böhnhardt begangenen Straftaten“.

Beate Zschäpes Aussage im Detail

Kindheit in der DDR

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe hat darin an ihre Kindheit in der damaligen DDR erinnert. In der Aussage berichtete sie von Alkoholproblemen und Streitigkeiten mit ihrer Mutter. Von der Mutter habe sie so gut wie kein Geld bekommen, so dass sie sich an kleineren Diebstählen habe beteiligten müssen.

Beziehungen zu Mundlos und Böhnhardt

Auch über ihre Beziehung zu den beiden anderen mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wurde berichtet. An ihrem 19. Geburtstag habe sie Böhnhardt kennengelernt. Sie habe sich in ihn verliebt, sei aber noch mit Mundlos zusammen gewesen. Kurz nach Mundlos' Wehrdienst hätten sie sich getrennt. Anschließend sei sie eine Beziehung mit Böhnhardt eingegangen. So sei sie stärker in Kontakt zu Böhnhardts Freunden gekommen, die nationalistischer eingestellt gewesen seien als die von Mundlos.

Erster Raubüberfall auf Bank in Chemnitz

Beate Zschäpe gesteht im Verlauf der Aussage, vom ersten Raubüberfall ihrer Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewusst zu haben. Sie sei aber weder an der Vorbereitung noch an der Durchführung beteiligt gewesen. Darin heißt es: Nach ihrem Untertauchen hätten die drei Ende 1998 in ständiger Angst gelebt, entdeckt zu werden. Das Geld sei ihnen ausgegangen. Böhnhardt habe daher vorgeschlagen, einen Bankraub in Chemnitz zu begehen. Zschäpe hatte nach eigenen Angaben zu viel Angst, sich daran zu beteiligen. „Sie wollten mich ganz bewusst nicht dabei haben.“ Mundlos und Böhnhardt hätten ihr zuvor auch nichts von Rohrbomben und Sprengstoff erzählt, mit denen sie hantierten.

Zschäpe zum ersten NSU-Mord

Zschäpe bestreitet, vom ersten Mord gewusst zu haben, den die Bundesanwaltschaft der Terrorgruppe NSU vorwirft. Demnach hatten ihre Freunde Mundlos und Böhnhardt im September 2000 in Nürnberg den türkischen Blumenhändler Enver Simsek erschossen. Sie habe erst drei Monate danach davon erfahren, ließ Zschäpe erklären. Bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht. Sie habe den beiden erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Daraufhin hätten Mundlos und Böhnhardt mit Selbstmord gedroht.

Bombenanschlag von Köln im Jahr 2001

Zschäpe hat auch bestritten, am ersten Kölner Bombenanschlag im Januar 2001 beteiligt gewesen zu sein. Ihr Freund Uwe Böhnhardt habe in einem iranischen Lebensmittelgeschäft einen Korb mit dem Sprengsatz deponiert. Bei der Explosion wurde die 19-jährige Tochter des Inhabers schwer verletzt. Vom Bau der Bombe habe Zschäpe nichts mitbekommen, heißt es in der Erklärung. Böhnhardt habe die Bombe gebaut. Mundlos habe vor dem Geschäft gewartet.

NSU-Morde an Özüdogru und Tasköprü 2001

An den NSU-Morden im Jahr 2001 will Zschäpe beenfalls nicht beteiligt gewesen sein. Böhnhardt und Mundlos hätten sie nicht darüber informiert. Als sie hinterher davon erfahren habe, sei sie sprachlos und fassungslos gewesen. Am 13. Juni 2001 war der 49-jährige Türke Abdurrahim Özüdogru in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg erschossen worden, am 27. Juni 2001 in Hamburg Süleyman Tasköprü (31) in seinem Lebensmittelladen.

Zschäpe gesteht Brandstiftung in Zwickau

Beate Zschäpe hat gestanden, die letzte Fluchtwohnung der Terrorgruppe NSU in Zwickau in Brand gesteckt zu haben. Im Radio habe sie im November 2011 davon erfahren, dass ein Wohnmobil mit zwei Leichen entdeckt worden war. Sie sei sich sofort sicher gewesen, dass es sich um ihre beiden Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gehandelt habe. Vor der Brandstiftung sei sie durchs Haus gegangen, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr darin befinde.

Opferanwalt spricht von „Lügenkonstrukt“

Der Opferanwalt Mehmet Daimagüler hält die Aussage Zschäpes für unglaubwürdig. Zschäpe habe in der Erklärung, die ihr Anwalt Mathias Grasel am Mittwoch präsentierte, ein „Lügenkonstrukt“ vorgelegt. „Ich habe ihr heute kein Wort geglaubt“, sagte Daimagüler. „Sie kann diese Art von Entschuldigung behalten.“ Zschäpe hatte sich bei den Opfern der Terrorgruppe NSU entschuldigt, die Schuld für die Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ aber ihren gestorbenen Freunden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zugewiesen.

Der Nebenklage-Anwalt Stephan Lucas sagte: „Heute hat man sehr gut verstehen können, warum es manchmal klug ist, einfach den Mund zu halten.“ Er ergänze: „Wenn das alles ist, was Frau Zschäpe uns zu sagen hatte, dann hätte sie besser gar nichts gesagt.“ Bundesanwalt Herbert Diemer sagte: „Wir werden diese Einlassung natürlich genauestens prüfen.“ Sie sei „ein Beweismittel unter vielen“. Eine Bewertung wolle er noch nicht vornehmen. „Alles andere wäre unprofessionell.“

Hintergrund der Zschäpe-Aussage

Grasel hatte im Vorfeld eine umfassende Erklärung angekündigt: Zschäpes Aussage soll Angaben zu allen Anklagepunkten enthalten, die die Bundesanwaltschaft dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) vorwirft, darunter zehn vorwiegend rassistisch motivierte Morde. Zschäpe ließ sich zu Beginn der Verhandlung erstmals bereitwillig fotografieren. Kurz vor ihrer mit Spannung erwarteten Aussage wandte sie sich am Mittwochmorgen nicht - wie sonst - von den Kameras weg; sie lächelte.

Zschäpe will auch Fragen beantworten - aber nur des Gerichts und nur schriftlich und erst später. Grasel hat den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl um einen schriftlichen Fragenkatalog gebeten.

Auch Zschäpes neuer Anwalt Hermann Borchert nahm erstmals an einer NSU-Verhandlung teil. Er reichte den anderen Anwälten Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm im Oberlandesgericht München die Hand - ebenso seinem Kanzleipartner Mathias Grasel, der bereits seit dem Sommer Zschäpes vierter Pflichtverteidiger ist. Zschäpe hat beantragt, Borchert als weiteren Pflichtverteidiger zu bekommen. Derzeit ist er als Wahlverteidiger tätig.

Großes Interesse an der heutigen Verhandlung

Bereits Stunden vor Beginn der Verhandlung warteten die ersten Besucher am frühen Morgen vor dem Eingang des Oberlandesgerichts. Es bildete sich eine Schlange von rund 150 Wartenden. Im Sitzungssaal 101 des Oberlandesgerichts ist allerdings nur Platz für rund 50 Zuschauer und 50 Journalisten.

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