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Messerangriff auf OB-Kandidatin in Köln : Aus Hass wird Blut

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rechtsextremer sticht in Köln auf Politikerin ein. Extremismus-Experte: „Pegida wirkt wie ein Verstärker“

svz.de von
erstellt am 18.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Am späten Samstagabend kommt schließlich die erlösende Nachricht. „Henriette Reker wird wieder vollständig genesen“, teilen ihre Mitarbeiter mit.

Erleichterung in Köln: Am Samstagmorgen um 9.04 Uhr hatte der 44-jährige Frank S. auf einem Gemüsemarkt im Stadtteil Braunsfeld mit einem 30 Zentimeter langen Jagdmesser auf die parteilose Kandidatin für das Amt des Oberbürgermeisters eingestochen, die Politikerin und vier weitere Menschen schwer verletzt. Die Domstadt im Schockzustand: Sofort wird der Wahlkampf gestoppt. Ein Bundespolizist überwältigt den Täter. Bevor er zustach, hatte der Mann, der als Rechtsextremer bekannt ist und zuletzt auch durch Hassparolen im Netz aufgefallen war, gerufen: „Ich rette Messias. Das ist alles falsch, was hier läuft, ich befreie euch von solchen Leuten.“ Solche Leute? Die 58-jährige Reker ist Sozialdezernentin in Köln, nannte das Thema Flüchtlinge eine „Herzensangelegenheit“ und galt als Favoritin im Oberbürgermeister-Wahlkampf.

Gestern wird bekannt: Der Täter ist nach Angaben eines Gutachters voll schuldfähig. Entsetzen, Abscheu und Fassungslosigkeit in der Domstadt: Am Samstagabend üben Politiker aller Parteien bei einer Menschenkette vor dem Rathaus den Schulterschluss. „Wir stehen hier zusammen als Demokraten, um ein Zeichen zu setzen gegen diese verabscheuungswürdige Tat“, erklärte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und andere führende Bundespolitiker verurteilen die Tat auf das Schärfste.

„Dieser feige Anschlag in Köln ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Radikalisierung der Flüchtlingsdebatte“, zeigt sich Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) alarmiert und warnt vor weiterer Eskalation. Er sei schon „seit langem besorgt über die hasserfüllte Sprache und gewalttätigen Aktionen, die die Flüchtlingsdebatte in Deutschland begleitet“.

Doch woher kommt plötzlich der Hass? Politiker und Experten sehen Verbindungen auch zu Pegida-Protesten, die vor genau einem Jahr begonnen hatten. Bilder aus Dresden von einem Galgen, der für Angela Merkel und Sigmar Gabriel „reserviert“ sein sollte, hatten gerade erst für Schlagzeilen gesorgt. Seit einigen Wochen verzeichnet Pegida wieder einen wachsenden Zulauf. „Wir erleben eine zunehmende Verrohung der politischen Kultur“, erklärte Professor Hajo Funke, Politologe an der Freien Universität Berlin, gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. „Der Anschlag von Köln ist auch Ausdruck des Hasses, den Pegida, AfD und andere weiter rechts säen.“ Die politische Auseinandersetzung trage zunehmend offen rassistische Züge und die Hemmschwelle für Gewalt sinke.

„Pegida wirkt da wie ein Verstärker“, so Rechtsextremismus-Experte Funke weiter. Die Flüchtlingskrise führe jetzt zu einer neuen Zuspitzung. Dabei gebe es natürlich berechtigte Sorgen und Ängste: „Diese werden jetzt von Rechtsextremen instrumentalisiert und missbraucht.“ Die politische Klasse müsse klare Kante zeigen, dürfe Gewalt und rechtsextreme Hetze nicht tolerieren. „Genauso wichtig ist es, den eigenen Kurs in der Flüchtlingskrise besser zu erklären und vor Ort entschieden besser zu managen“, so der Politikwissenschaftler: „Die Menschen wollen Antworten auf die entstandenen Probleme. Sonst ist das Risiko hoch, dass besorgte Bürger für rechte Parolen empfänglich werden. Rasmus Buchsteiner

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