Stettin : Aufrüstung mit Symbolwert

Die Stabsoffiziere Tomasz Garbarczyk (39, links) und Christian Ziese (44, rechts) planen im Hauptquartier Übungen für den Verteidigungsfall im Ostseeraum.  Fotos: Sonja Volkmann-Schluck
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Die Stabsoffiziere Tomasz Garbarczyk (39, links) und Christian Ziese (44, rechts) planen im Hauptquartier Übungen für den Verteidigungsfall im Ostseeraum. Fotos: Sonja Volkmann-Schluck

In Stettin planen deutsche und polnische Soldaten gemeinsam den Verteidigungsfall der Nato / Seit der Ukraine-Krise rüstet das Multinationale Korps Nord-Ost auf

svz.de von
01. Dezember 2014, 11:50 Uhr

Christian Ziese sitzt in seinem Büro im Multinationalen Korps Nordost in Stettin. Vor sich hat der Stabsoffizier mehrere Bildschirme. Er und sein Team planen „Compact Eagle“, eine großangelegte Übung, die in einem Jahr bei Warschau stattfinden wird. Das Szenario: Ein fiktiver Feind greift das Nato-Mitglied Estland an. Einheiten aus sechs Ländern, darunter auch Deutschland und Polen, werden an der Übung beteiligt sein.

„Wir proben hier den Bündnisfall“, sagt Ziese, der erst vor gut einem Jahr aus dem vorpommerschen Torgelow nach Stettin gekommen ist. Eigentlich ist „Compact Eagle“ Routine, in Stettin gehören Verteidigungsübungen im Ostseeraum zum Alltag. Doch wegen der Ukraine-Krise rüstet das einzige Nato-Hauptquartier auf dem Gebiet des ehemaligen Warschauer Pakts nun auf. „Wir haben jetzt deutlich mehr zu tun“, findet auch Tomasz Garbarczyk, der schon länger in Stettin stationiert ist. Der polnische Stabsoffizier war bereits drei Mal im Einsatz in Afghanistan. Nun hat sich sein Aufgabengebiet verschoben: Auch er plant Übungen für den Fall, dass die Nato-Mitgliedsländer selbst angegriffen werden.

Seit dem Ukraine-Konflikt hat die Nato ihre Präsenz in Osteuropa verstärkt. Die Bundeswehr unterstützt die Luftraumüberwachung in Estland mit Kampfflugzeugen, ab kommendem Jahr soll eine neue Bereitschaftseinheit der Nato für Sicherheit in den osteuropäischen Mitgliedsländern sorgen. Im Ernstfall soll diese „Speerspitze“ bereits binnen zwei bis fünf Tagen in Einsatzbereitschaft versetzt werden können. Auch das Korps in Stettin soll schneller reagieren können: Bislang brauchten die Soldaten ein halbes Jahr, um im Ernstfall bereit zu sein. Ab 2016 steigt die Bereitschaftsstufe auf ein bis drei Monate, die Zahl der Soldaten wird verdoppelt. Dies haben die drei Gründungsnationen des Korps Deutschland, Polen und Dänemark auf dem Gipfel von Wales im September beschlossen.

Stabschef Lutz Niemann ist verantwortlich für Ausbau und Umstrukturierung des Korps. Der Brigadegeneral aus Deutschland blättert in seinen Unterlagen, er zeigt auf bunte Diagramme und Zahlen. Soldaten aus 14 Nationen sind in Stettin stationiert, die meisten davon kommen aus Deutschland, Polen und Dänemark. Diese drei Länder tragen auch einen Großteil der Kosten, wenn im kommenden Jahr 200 zusätzliche Soldaten nach Stettin kommen, 60 davon von der Bundeswehr. Je gut fünf Millionen Euro zahlen dann allein die drei Gründungsnationen jährlich für das Korps – etwa fünf Mal so viel wie bisher. Laut Niemann, der mit dem Budget Wohnungen, Büros und Computer für die neuen Soldaten organisiert, ist das verglichen mit anderen Nato-Standorten in Europa allerdings eine überschaubare Summe. Polen sei eben ein günstiges Land – auch beim Militär.

Niemann lebt seit knapp zwei Jahren in Stettin. Der 57-Jährige erzählt, wie freundlich er behandelt wird, wenn er in Bundeswehruniform durch die polnische Hafenstadt läuft. „In Deutschland dagegen werde ich an der Tankstelle schon mal schwach angeredet, wenn ich mit polnischem Kennzeichen vorfahre.“ Im Korps selbst gehe es momentan viel darum, voneinander zu lernen, gerade jetzt während der Ukrainekrise. „Viele Polen haben wegen ihrer Geschichte eine andere Sichtweise auf den Konflikt als wir Deutschen“, schildert Niemann seinen persönlichen Eindruck. „Die Polen haben immer ein größeres Misstrauen gegenüber Russland gehegt als wir und fühlen sich nun bestätigt.“

Dass die Nato nun ausgerechnet in Polen aufstockt, hat auch symbolischen Wert. Polen fühlt sich von der Konfrontation an der russisch-ukrainischen Grenze bedroht. Ursprünglich hatte die Regierung in Warschau von den Bündnispartnern noch mehr Aufrüstung gefordert, idealerweise sogar die Verlegung von Bodentruppen nach Polen. Doch vor allem Deutschland zögerte – und setzte stattdessen auf Sanktionen und auf den direkten Draht zu Putin. Das sorgte in Polen für Misstrauen. „Die Deutschen werden Polen nicht verteidigen“ titelte im September die sonst gemäßigte Tageszeitung „Gazeta Wyborcza.“

Hinter solchen Schlagzeilen stecke die Angst vieler Polen, dass Russland Europa spalten und Osteuropa vom Westen isolieren wolle, sagt der polnische Publizist Adam Krzeminski. „Moskau hat nach 1989 mehrmals gezeigt, dass es seine Europapolitik mit ehemaligen Großmächten wie Deutschland über die Köpfe der Osteuropäer hinweg führen will“, erklärt der Journalist, der seit Jahrzehnten das deutsch-polnische Verhältnis beobachtet. Doch spätestens mit ihrer scharfen Kritik am russischen Präsidenten kürzlich auf dem Gipfel in Sydney habe Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Augen vieler Polen „Standhaftigkeit“ bewiesen. Und für diese Standhaftigkeit des Westens stehe auch die Nato, so Krzeminski. Auf diese Symbolwirkung setzte wohl auch der polnische Präsident Bronislaw Komorowski, als er im September das Korps in Stettin besuchte.

Ein direktes Bedrohungsgefühl gibt es unter den Soldaten in der Ostseekaserne allerdings bislang nicht. Wahrscheinlich, weil sie in ihren Kriseneinätzen selbst schon unmittelbare Gefahr erlebt haben. Erst im September ist ein Oberfeldwebel aus Stettin in Afghanistan getötet worden. „In Afghanistan konnte jederzeit eine Bombe hochgehen – auch wenn man hinter dem Zaun war“, sagt Stabsoffizier Tomasz Garbarczyk. Hier in Polen gehe das Leben doch völlig normal weiter, man solle realistisch sein. Sein deutscher Kollege Christian Ziese sieht das ähnlich. Manchmal fragen ihn Freunde, ob er womöglich bald an die russische Grenze müsse. Dann antworte er mit einem entschiedenen Nein. „Für eine direkte Bedrohung der Nato gibt es noch keinen Anhaltspunkt“, sagt der 44-Jährige. „Doch wir müssen unsere Fähigkeit erhalten, im Ernstfall zu reagieren – wo auch immer dieser eintritt, ob im Osten, Süden oder Norden Europas.“

Dient die höhere Präsenz der Nato in Osteuropa also vor allem dazu, Polen und Balten in ihren historischen Ängsten zu beruhigen? Diese Begründung greife zu kurz, sagt Stabschef Lutz Niemann. Das, was die Nato jetzt für Polen tue, sei mehr als weiße Salbe. „Das Verhalten Russlands hat sich ja konkret geändert. Man kann das auch an russischen Übungstätigkeiten, verstärkten Investitionen ins Militär und an Flug- und Schiffsbewegungen in der Ostsee nachweisen.“ Seit kurzem sei sogar ein schwedischer Offizier in das Korps Stettin eingetreten. Selbst in einem neutralen Land bewerte man Russlands Verhalten also überaus kritisch.

Doch könnte die Nato überhaupt reagieren, wenn plötzlich – wie auf der Krim – maskierte Soldaten ohne Hoheitsabzeichen über die Grenzen kämen? Auch darüber zerbrechen sich die Strategen im Nato-Hauptquartier in Stettin den Kopf. „Die neue Art der Kriegsführung hat jeden im Bündnis überrascht“, meint Kommandeur Boguslaw Samol, der das Korps seit zwei Jahren leitet. „Doch ein hybrider Krieg kann sich sehr schnell in einen konventionellen Konflikt verwandeln“, fügt der Generalleutnant hinzu. „Und auf diese Bedrohung muss die Nato mit Abschreckung reagieren.“

Samol hat selbst Anfang der neunziger Jahre noch an der Militärakademie in Moskau studiert. Er sieht Russland nicht als Feind. Doch er habe schon vor dem Ukraine-Konflikt beobachtet, dass Russland wieder mehr Geld für Waffen ausgebe. Im Frühjahr 2013 hat er den Kontakt mit russischen Militärs gesucht, jedoch keine Antwort bekommen. Der 55-Jährige betont, dass sein Korps nicht erst seit der Ukraine-Krise wieder stärker auf die Verteidigung setzt. Bereits seit dem Nato-Gipfel in Lissabon vor vier Jahren sei der Bündnisfall wieder stärker in den Mittelpunkt der Strategie gerückt.

Im Januar kommen die letzten 50 Soldaten aus Afghanistan nach Stettin zurück, dann ist der ISAF- Einsatz für das Korps zu Ende. Nun geht es für die Belegschaft mit den Übungen für den Bündnisfall nahtlos weiter. „Bei uns am Standort gibt es einen Witz“, sagt Kommandeur Samol. „Jedes Jahr vergeben wir eine Medaille an einen verdienstvollen Soldaten. In diesem Jahr müsste diese Medaille an Putin gehen, weil er die Nato wieder vereint hat“.


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