Auf einen Kaffee mit Europa

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Wie finden Sie eigentlich die EU? Eine schwierige Geschichte von Verständnis, Unverständnis und Missverständnissen

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26. April 2019, 20:00 Uhr

Helsinki/Lissabon | Das Café „Engel“ an der Aleksanterinkatu in Helsinki ist 1685 Kilometer vom Sitz der EU-Kommission entfernt. Luftlinie. Mit dem Auto sind es von Belgien über die Niederlande, Deutschland, Polen, Litauen, Lettland und Estland 2355 Kilometer.

Weiter weg vom Herz der EU in Brüssel geht kaum. Lotta Backlund hat das „Engel“ vorgeschlagen für unseren „Kaffee mit Europa“.

Es ist der Tag, nachdem die Europäische Volkspartei, kurz EVP, in der finnischen Hauptstadt den Deutschen Manfred Weber zum Spitzenkandidaten für die Europawahl im Mai gekürt hat. „Ganz Europa schaut heute auf uns“, hat Weber gesagt und dass er ab Herbst als neuer Präsident der EU-Kommission „Europa den Bürgern zurückgeben“ will.

Die erste Frage an die EU-Bürgerin Lotta Backlund liegt deshalb nahe: Wie finden Sie Manfred Weber? „Ich kenne ihn gar nicht“, sagt Backlund. Wissen Bürger überhaupt, was ein Kommissionspräsident tut? „Nicht so konkret“, gesteht Backlund. „Das ist doch sehr abstrakt.“

Die Europäische Union und ihre Bürger – drei Monate vor der Abstimmung über ein neues Parlament ist das eine schwierige Geschichte. In fast allen der – derzeit noch 28 – Länder der Union geben Populisten die großen Volksversteher. Sie wettern gegen Brüssel und gegen die sogenannten Eurokraten. Die reagieren verschreckt.

Furchtsam fahren Profi-Europäer das Hörrohr aus zum Puls der Wählerinnen und Wähler. Warum sind sie so zornig? Was wünschen sie? Was verstehen die Europäer von „Brüssel“? Und was erwarten sie von der „Schicksalswahl“ im Mai?

Die Finnin: Zwei

Parlamentssitze sind dumm

Lotta Backlund, 38, ist TV-Produzentin und Mutter einer neunjährigen Tochter. Sie ist als frühere Mitarbeiterin des Bürgermeisters von Helsinki politisch versiert. Doch die EU ist auch für sie sehr weit weg.

„Ich weiß, dass die EU viel kommuniziert, und es gibt so viele Informationen. Aber ich glaube, das kommt nicht bei den Leuten an“, sagt Backlund. Umso hartnäckiger seien die Legenden, etwa über den angeblich vorgeschriebenen Krümmungsgrad der Gurken. Auch Lotta weiß sofort, was sie an der EU nervt: „Ich finde es das Dümmste der Welt, zwei Parlamentssitze zu haben.“ Neben Brüssel auch Straßburg.

Aber das heißt alles nicht, dass sie an Europa zweifelt, im Gegenteil. Den Euro – mit dem die Menschen in 19 Ländern bezahlen – findet die Finnin gut. Nationalismus stört sie. Sie will, dass die EU enger zusammenwächst, zu einer Art Vereinigte Staaten von Europa.

Aber läuft nicht alles gerade in die andere Richtung? Müssen wir nicht eher fürchten, dass die EU auseinanderfällt? „Ich hoffe nicht.“ Backlund denkt einen Moment nach. „Ich glaube nicht, dass sie jemals auseinanderfällt. Es gibt so viele starke Einflüsse, die das nicht wollen.“

Die EU-Skeptiker

Die Büros der Finnen-Partei sind weitgehend verlassen an diesem Freitagmorgen. Trotzdem findet sich noch jemand, der an diesem Tag Politik macht: die scheidende Generalsekretärin der Jugendorganisation der Finnen, Marika Sorja. Die blonde Frau, Anfang 30, plädiert ohne Zögern für den „Fixit“: den EU-Austritt ihres Landes. Mehr noch: „Ich glaube, die EU sollte zusammenbrechen.“ Zumindest in ihrer jetzigen Form. Wenn man sich auf die Ursprünge besinnen würde, Handel, Sicherung der Außengrenzen, Verteidigung, dann wäre das etwas anderes. Aber so? Brüssel sei so weit entfernt von den Menschen und entscheide über die Köpfe der Nationalstaaten hinweg. „Viele Bürger und sogar Leute, die sich mit Politik auskennen, verstehen nicht, was in der EU passiert.“

Der EU-Erklärer in Brüssel Schmerzen muss das einen anderen Finnen, Timo Pesonen. In Brüssel war er die vergangenen Jahre so etwas wie der Ober-Erklärer der Union – der Generaldirektor der Generaldirektion Kommunikation der EU-Kommission. Unter ihm arbeiten 1000 Leute daran, den 500 Millionen Europäern ihre Gemeinschaft nahezubringen.

Der ganze Hass, die Häme, die Attacken gegen die Eliten irritieren nicht nur die Amtsinhaber, sie rütteln am System, das darauf ruht, dass das Wahlvolk Politikerinnen und Politikern das Politikmachen anvertrauen: Mach du das mal, du verstehst etwas davon. Stattdessen nun die Unterstellung, dass sich angebliche Vollpfosten in Brüssel und Berlin aus Bosheit oder Unverstand immer neuen Unsinn ausdenken.

Ein Riesenproblem: unverständliche Sprache

Pesonen weiß das. Das größte Problem sei die Sprache, sagt der Finne, und meint nicht die 24 Amtssprachen der EU, sondern das Kauderwelsch der Abkürzungen und Codeworte – Coreper, Trilog, Priip, Pepp, Paff. „Wir leben in einem Silo, wenn man das so nennen möchte“, sagt er. „Und selbst die gesprochene Sprache, die wir und unsere Politiker nutzen, ist nicht so, wie Leute wirklich reden.“ Die Fachwörter, das Spezialwissen: „Donald Trump macht das nicht: Er hat eine klare Message.“

Die Portugiesin:

Wenig Interesse

Von Pesonens Büro bis zur Pastelaria „O Catarino“ an der Avenida 5 de Outubro in Lissabon sind es 1707 Kilometer. Luftlinie. Zu weit wohl für die frohe Kunde aus Brüssel über die Segnungen der Union.

Joana Pires ist 21 und macht im Friseursalon eine Lehre. Die erste Kundin kommt in zehn Minuten. So lange haben wir Zeit.

In ein paar Monaten sind Europawahlen, haben Sie schon davon gehört? „Nein, tut mir leid, aber ich habe kein Fernsehen zu Hause“, sagt die freundliche junge Frau. Ein paar Schlagzeilen bekomme sie per App auf ihr Telefon.

Ist Ihnen Europa wichtig? „Natürlich“, da zögert Joana Pires keine Sekunde. Sie will reisen. In Frankreich und Italien war sie schon. Ihr Großvater habe zwar geschimpft, die Sache mit dem Euro sei für Portugal sehr teuer gewesen und habe die Wirtschaft ruiniert. Joana findet das aber nicht.

„Ich glaube, dass es gut ist, ein europäisches Land zu sein.“ In der Schule höre man auch einiges über die EU, aber eben danach nicht mehr. Man könnte sicher recherchieren, aber dazu hätten die Leute keine Zeit oder keine Lust. Joana denkt einen Moment nach. „Wissen Sie“, sagt sie dann und greift überraschend weit zurück ins kulturelle Erbe ihres Landes Anfang des 20. Jahrhunderts, „wir haben in Portugal einen sehr bekannten Dichter, Fernando Pessoa, kennen Sie den? Er sagte: ,Wenn du nicht zu viel weißt, bist du glücklicher.’“ Genauso hält es Joana mit der Europäischen Union.

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