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Frauke Petrys letzte Mission Wie der frühere AfD-Star ums politische Überleben kämpft

Von Tobias Schmidt | 04.01.2019, 02:00 Uhr

Hübsch, schlau, frech, aus dem Osten: Bis zu ihrem Austritt aus der AfD vor 15 Monaten gehörte Frauke Petry zu den populärsten und umstrittensten Politikerinnen der Republik. 2019 greift die 43-Jährige wieder an, geht nochmal volles Risiko. Gelingt die politische Wiederauferstehung, oder kommt das endgültige k.o.?

Im Bundestag tobt eine der letzten Debatten des Jahres. Es geht um das Abtreibungsverbot. Die Abgeordneten der AfD und der anderen Parteien attackieren sich scharf. Immer wieder wütende Reden, lautstarke Zwischenrufe. Bis Frauke Petry ans Rednerpult gerufen wird.

Plötzlich herrscht Grabesstille unter der Reichstags-Kuppel. Nur das Klackern von Petrys High Heels auf dem Teppich ist zu hören, als sie von ihrem Platz in der allerletzten Reihe unter der Pressetribüne nach vorn läuft. Einige Abgeordnete verlassen das Plenum. Andere blicken in ihre Smartphones, lesen Akten.

Petry legt sich mächtig ins Zeug. "Wer als Vater, als Arbeitgeber oder als sonstiger Dritter Druck auf eine Frau ausübt, damit diese eine Abtreibung durchführt, muss bestraft werden", erklärt sie ungewollt Schwangere zu Opfern einer bösen Männerwelt. Schwangerschaft sei "Ausdruck natürlichster Weiblichkeit", erklärt die Mutter von fünf Kindern und bemüht Otto von Bismarck, um ein Bild der Gesellschaft zu zeichnen, die sie sich wünscht: "Einer Frau mit Kinderwagen hat selbst der stolzeste Soldat von Sedan aus dem Weg zu gehen."

Frauke Petry in Höchstform. Das Problem der 43-Jährigen: Niemand nimmt Notiz. Sie spricht in ein schwarzes Loch. Kein Applaus, kein Protest, keine Berichterstattung, nichts. Wie konnte es soweit kommen?

"Hochgradige Angst, sich erwischen zu lassen"

Seit Gründung der Alternative für Deutschland im April 2013 stand Frauke Petry in der ersten Reihe. Spätestens nach ihrer Wiederwahl 2015 als AfD-Sprecherin war sie das hübsche Gesicht der AfD, musste rund um die Uhr von Personenschützern bewacht werden. Ende September 2017 dann - kurz nach dem triumphalen Einzug ihrer AfD in den Bundestag, bei dem Petry selbst mit fast 40 Prozent das Direktmandat in der Sächsischen Schweiz erobert hatte - der große Knall: Austritt aus Fraktion und Partei.

Wer Frauke Petry 15 Monate später durch Berlin begleitet, bekommt den Eindruck, mit einer Aussätzigen unterwegs zu sein. „Es gibt wenige, die Grüßen, sich mal auf einen Plausch einlassen", sagt sie in ihrem engen Büro im Bundestag. „Einige Abgeordnete haben hochgradige Angst, sich mit mir ‚erwischen' zu lassen."

Von der AfD gemobbt, von den anderen gemieden. Aber Kapitulation? "Wieso denn das?", sagt sie keck. Auch wenn sie als "Fraktionslose" in den Sitzungswochen nicht so viele Termine hat, steht Frauke Petry immer unter Druck, feilt an Reden, Pressemitteilungen. Wach und zugewandt der Blick. Frisch, ja fröhlich wirkt sie, als sei nichts passiert. An den Wänden ihres Büros hängen Plakate des Forums "Blaue Wende", wie sie ihre neue politische Heimat nennt. Im Regal liegt eine Holzeisenbahn und ein Blechkreisel von ihrem jüngsten Sohn Ferdinand, auf dem Tisch ein halb aufgegessenes Brötchen. Der Kaffee ist kalt geworden.

Es gibt die Version, nach der Frauke Petry im Herbst 2017 keine Alternative zum Austritt hatte. Wäre sie in der AfD geblieben, wäre sie von den Strippenziehern um Alexander Gauland abgesägt worden, wie sie selbst zwei Jahre zuvor den Sturz von AfD-Co-Gründer Bernd Lucke betrieben hatte, sagen einige. Sie hätte Zweite Geigerin werden können, hinter Gauland und Alice Weidel, sagen andere. Sie selbst sagt: „Wäre es mir um Macht und Geld gegangen, hätte ich mich angepasst und wäre geblieben. Ich bin meinen Überzeugungen gefolgt.“

Potenzial von Neun Prozent?

Mit den Überzeugungen von Frauke Petry ist das so eine Sache. Um Lucke auszustechen, schloss sie die Reihen mit denjenigen, die für Islam- und Ausländerfeindlichkeit stehen. Sie selbst versuchte, den von den Nazis besetzten Begriff "völkisch" wieder hoffähig zu machen. Von Pegida distanzierte sie sich spät. Ihr Versuch, die AfD im Frühjahr 2017 auf einen konstruktiven Kurs zu bringen, wird als taktisches Manöver interpretiert.

Hat sie sich vor 15 Monaten also verzockt, beim Austritt ihren Einfluss überschätzt und ihr politisches Kapital selbst zerstört? Ist die Marke Frauke Petry erledigt? „Woher nehmen Sie das?", fragt sie zurück, und die Augen funkeln angriffslustig. Die blaue Partei, beziehungsweise das Team Petry, will bei der Europawahl, bei drei Kommunalwahlen und bei den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen antreten. "Nach den Wahlen reden wir weiter. Der Frust über die etablierten Parteien ist riesig, und die Skepsis gegenüber der AfD ist groß!“ Da klingt viel Trotz mit.

In Berlin glaubt niemand an eine politische Wiederauferstehung Petrys. Angeblich machen bundesweit inzwischen zwar mehr als 5000 Menschen aktiv beim Forum "Blaue Wende" mit. Mitgliederzahlen der blauen Partei verrät die Chefin aber nicht. Zum Tag der Wahrheit wird spätestens der 1. September, wenn die Sachsen einen neuen Landtag wählen. Eine Insa-Umfrage ermittelte für sie und ihr Team dort ein Potenzial von neun Prozent. Die Umfrage war von ihr in Auftrag geben worden.

"Dämonisch schön"

Eines der Probleme: Außer Frauke Petry haben die Blauen nicht viel zu bieten. Die erhoffte Welle an Überläufern aus der AfD blieb aus. Das Programm ist sozialpolitisch etwas näher an der CSU, wirtschaftlich etwas näher an der FDP, ansonsten AfD light - nur eben ohne Stimmungsmache gegen Migranten. Der Scharfmacherei hat Petry abgeschworen.

Der Kritik am UN-Migrationspakt hatte sie sich freilich angeschlossen. Internationale Zusammenarbeit zur Begrenzung der Migration sei notwendig, sagt sie. "Aber von einer kommunistisch geführten Organisation müssen wir uns nicht erklären lassen, wie das funktioniert. Die UNO unter Generalsekretär Guterres propagiert ganz offen weltweite Umsiedlung und Entwurzelung."

Auch von Anstrengungen, die Erderwärmung zu begrenzen, hält Petry nicht viel. "Obwohl es keine wissenschaftlichen Beweise gibt, soll für den vermeintlichen Klimaschutz die Gesellschaft zwanghaft umgestaltet werden. Hier wird die Angstkarte gezogen.“ Es klingt nicht, als würde sie das nur sagen, weil es in ihrer Zielgruppe gut ankommen mag.

Petry ist eine politische Grenzgängerin geblieben. Auch privat hat sie voll auf Risiko gesetzt: Seit zwei Jahren ist sie in zweiter Ehe mit dem früheren AfD-NRW-Chef Marcus Pretzell verheiratet. Der sagte damals der "Bunten", er finde seine neue Frau "dämonisch schön". Von ihrem ersten Mann, einem evangelischen Pfarrer, hatte Petry schon vier Kinder, im Mai 2017 kam Ferdinand zur Welt. Auch Pretzell, der als Europaabgeordneter oft fern der Leipziger Heimat weilt, hatte schon vier Kinder aus erster Ehe.

Niemand wartet

Als Unternehmerin gescheitert, sieht Petry ihre Zukunft in der Politik, doch hängt ihre politische Existenz am seidenen Faden. Schon in wenigen Wochen könnte der reißen, sollte sie wegen einer Falschaussage vor einem Ausschuss des sächsischen Landtages wegen Meineides verurteilt werden. Aber deswegen schlaflose Nächte? "Nö, ich blicke dem Prozess höchst gelassen entgegen“, sagt sie, rechnet fest mit dem Freispruch. „Das wird richtig unangenehm für den Sächsischen Landtag."

Und wenn es doch schief geht, oder wenn das Team Petry bei den Wahlen Schiffbruch erleidet? Will sie sich noch einmal neu erfinden und sich womöglich der "Aufstehen"-Bewegung von Sarah Wagenknecht anschließen? Ausgeschlossen erscheint es nicht. Das Projekt betrachtet sie mit großem Interesse. Über Wagenknecht sagt Petry: "Ich habe Sympathie für viele ihrer Positionen, vor allem in der Migrationspolitik. Kontakt haben wir nicht, sie hat davor offenkundig Angst."

Angst - für Petry ist das ein Fremdwort. Vielleicht auch deshalb, weil sie die Realität häufig ein wenig ausblendet. Aufzugeben kommt nicht in Frage. Als der Fernseher in ihrem Büro die Fortsetzung der Bundestagssitzung ankündigt, prescht Petry die langen Flure entlang zurück in den Plenarsaal, ganz so, als ob dort jemand auf sie warten würde.