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Schwerin Terminjagd beim Arzt: Der große Test

Von Marlis Tautz | 16.09.2011, 10:14 Uhr

Ärzte, die keine neuen Patienten mehr annehmen.

Ärzte mit wochen-, ja monatelangen Wartezeiten. Patienten, die hoffen, harren und verzweifeln. - Das Szenario ist bekannt. Jetzt hat die AOK, die größte gesetzliche Krankenkasse, mit einer einfachen Erklärung aufgewartet: Ärzte arbeiten zu wenig und bevorzugen Privatpatienten zu Lasten von gesetzlich Versicherten. Mediziner werten diese Darstellung als Verleumdung. Auch im Nordosten ist die Empörung groß.

Unsere Zeitung fragte einen Haus- und einen Facharzt. Dr. Silvio Mai, Allgemeinmedziner in Neu Kalliß (Landkreis Ludwigslust-Parchim), führt eine "Terminpraxis" mit 1800 Patienten. "So konnten wir Wartezeiten von fast vier auf maximal anderthalb Stunden reduzieren", sagt er. An Wochentagen von 7.30 bis 9 Uhr können sich akut Erkrankte telefonisch erkunden, wann sie im Laufe der Sprechstunde kommen können. Vorfahrt gewährt Silvio Mai wenn möglich Patienten, denen es besonders schlecht geht, oder solchen, die gleich wieder zur Arbeit zurückkehren wollen. Bei Überweisungen zu Fachärzten kann es schon lange dauern, wie der Hausarzt aus Erfahrung weiß. "Insbesondere bei den Kollegen, die einen guten Ruf haben." In dringenden Fällen greift der Doktor selbst zum Telefon. "Das hat meistens Erfolg", sagt er.

Dr. Heiner Kautz, Radiologe aus Ludwigslust, kann das bestätigen. Da jeder Patient den eigenen Fall für dringend hält, vertraut der Facharzt lieber dem Urteil von Kollegen. "Andernfalls muss sich der Patient hinten anstellen", sagt er. Das Wort von der "Misere bei den Wartezeiten" hält er für überzogen. "In den meisten Ländern der Welt gibt es keine Wartezeit - weil keine Untersuchung, das ist eine Misere." Aus seiner Sicht macht die Politik den Menschen nicht klar, dass es in Deutschland eine Hochleistungsmedizin gibt. "Alle haben hohe Ansprüche, dabei muss aber klar sein, dass alles, was medizinisch möglich ist, auch finanziert werden muss", sagt er. Die Vorwürfe der AOK ärgern ihn: "Das ist unverschämt: Einerseits wollen die Kassen eine Leistungsausweitung um jeden Preis verhindern, andererseits fordern sie mehr Arbeit und kürzere Wartezeiten." Wie lang die Wartezeiten im Nordosten werden können? Unsere Mitarbeiterin Janine Rabe hat es getestet und knapp 20 Facharztpraxen angeklingelt. Für ihre Recherche hat sich die Journalistin drei Leiden zugelegt: die Sicht verschwimmt, das Knie schmerzt, und auf der Haut sitzt ein juckender Fleck.

Ihr Erlebnisbericht: Beim Augenarzt

Da die getrübte Sicht die Arbeit behindert, kümmere ich mich zunächst um meine Sehwerkzeuge. Immerhin neun Augenärzte gibt es in Schwerin. Gleich der erste Anruf verursacht zusätzlich zur Sehstörung auch noch Magenschmerzen. "Sie waren noch nicht bei uns?", möchte die Schwester wissen. Das Problem ist ihr egal. "Neue Patienten nehmen wir erst ab Oktober wieder", heißt es dann. Ich darf also im neuen Quartal noch mal nachfragen. Auf den Einwand, ich sei aber Privatpatient, folgt eine Belehrung: "Das müssen Sie doch dazu sagen." Innerhalb von acht Tagen habe ich den Termin.

Bei einem Rostocker Augenarzt muss mein Problem bis Anfang November warten. Nicht einmal der Privatjoker beschleunigt dies. "Wir haben keine spezielle private Sprechstunde", wird mitgeteilt. Kurz vor Usedom ein Lichtstreif am Horizont. Wenn ich früh kommen kann, habe ich Ende September einen Termin. Vorteile für Privatpatienten gibt es nicht.

In die Röhre

Da das Knie pocht, kümmere ich mich schleunigst um einen MRT-Termin. In der Uckermark komme ich zunächst nicht weit. "Rufen Sie nächsten Mittwoch an, da ist die Terminvergabe für Oktober", erklärt die Schwester. Als Privatpatient werde ich jedoch weiterverbunden und stehe in zehn Tagen im Kalender. An der Seenplatte bin ich innerhalb von acht Tagen dran. Als Privater - das hätte ich doch sagen müssen - nach nur vier Tagen. In Rostock macht das keinen Unterschied. Dort muss ich mich bis Oktober gedulden.

Zum Lachen findet eine Schwester in Vorpommern meine Anfrage - zumindest als eine Kollegin aus dem Hintergrund ihr den nächsten Termin für Ende November/Anfang Dezember nennt. Das Ziehen der Privatkarte hilft nicht. "Aber wenn es ein Notfall ist, kann Ihr Arzt nach einem früheren Termin fragen", heißt es. Eine Überraschung erlebe ich in Schwerin: in nur zwei Tagen darf ich mein Knie präsentieren, wahlweise auch in drei oder vier - wie ich eben kann.

Beim Hautarzt

Spontan beginnt der Fleck auf meinem Arm zu jucken. Ach ja, der Hautarzt! In Schwerin muss ich bis Anfang November weiterkratzen, auch als Privater. Ein Experte im Müritzkreis verspricht für Ende September Linderung. Auf den Einwand Privatpatient stöbert die Dame noch einmal im Kalender und findet schließlich vier Tage früher eine Lücke.

Im Uecker-Randow-Kreis gibt es die erst Mitte Oktober. "Oder Sie kommen auf gut Glück und mit viel Zeit vorbei", meint die Frau am Telefon. Das empfiehlt sie mir auch als Privatpatientin.

Trübe Aussichten schließlich in der Uckermark: Dort bleibt das Terminbuch für den Kassenpatienten fest versiegelt. "Wir vergeben im Moment keine Termine", sagt die Dame resolut. Noch nicht mal auf das neue Quartal vertröstet sie mich. Doch einmal mehr wirkt der Privatjoker Wunder: Elf Tage dauert es bis zur Konsultation. In Rostock dann wieder ein Überraschungserfolg: in zwei, drei oder vier Tagen kann ich kommen, privat oder nicht. Vor Erleichterung lässt der Juckreiz gleich nach.