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Henriette Reker in der Kritik Mit einer Armlänge in der Krise

Von Redaktion svz.de | 06.01.2016, 20:55 Uhr

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen für Aufregung gesorgt.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hat mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen nach den Übergriffen in der Silvesternacht für Aufregung im Internet gesorgt. Sie antwortete bei einer Pressekonferenz am Dienstagnachmittag auf die Frage, wie man sich als Frau besser schützen könne, unter anderem mit den Worten: „Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft“. Dennoch sagte Reker mehr:

Die Reaktionen - vor allem bei Twitter unter dem Kennzeichen #einearmlaenge - pendelten zwischen Spott und scharfer Kritik. Ein Nutzer des Kurznachrichtendienstes schrieb etwa: „Ich könnte platzen! Bekommen Frauen jetzt eine Mitschuld, wenn sie sich nicht an die Verhaltensregeln halten?“

Auch andere Twitternutzer kritisieren Reker für ihre Aussage. Regeln für Frauen aufzustellen, damit diese nicht Opfer werden, sei der falsche Ansatz.

Ein anderer kommentierte ironisch: „Banken sollten vielleicht besser #einearmlaenge Abstand von Bankräubern halten.“

Fest steht aber bei der massiven Kritik auch, dass das Zitat von Reker aus dem Zusammenhang gerissen ist. Das sehen auch einige Twitter-Nutzer so:

Ein Twitterer fasst den absurden Tipp in einem Tweet zusammen:

Reker hat sich unterdessen verteidigt. „Durch die verkürzte Darstellung in einzelnen Medien ist teilweise der Eindruck entstanden, meine Präventionsinitiativen würden sich ausschließlich auf Verhaltenstipps für Frauen und Mädchen beschränken“, erklärte sie am Mittwoch. Davon könne gar keine Rede sein. Vielmehr habe sie auf eine gezielte Nachfrage hin versucht, auf bereits vorhandene Präventions- und Beratungsangebote in Köln hinzuweisen. „Nur ein Beispiel ist das Aktionsprogramm ,Partysicherheit für junge Frauen‘“, teilte Reker mit. Vorrang habe natürlich, die Sicherheit auf Kölns Straßen und Plätzen herzustellen.

Übergriffe in Köln

Frauen, Furcht und Vorurteile

Meinung –
Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und Hamburg rufen schreckliche Bilder auf. Eine Menge Männer, die Jagd auf Frauen machen. Diese Bilder geistern durch Berichte und Gespräche, auch von jenen, die nicht auf dem Bahnhofsvorplatz waren. Es sind Geschichten von Gewalt und Gefahr – und von Selbstbestimmung. Doch was macht das mit der Angst von Frauen und woher kommt sie? Der nächtliche Heimweg, der Weg durch eine dunkle Tiefgarage – viele Frauen gehen diese Wege mit Angst. Angst nicht vor der Dunkelheit, sondern vor einem Mann. Betroffene aus Köln erzählen von Händen unter dem Rock, in Slips, von der Angst, der Masse nicht zu entkommen. „Sexuelle Gewalt und die Erfahrung möglicher sexueller Gewalt ist bei Frauen gegenwärtig, weil das durchaus alltägliche Lebenserfahrung ist“, sagt Margreth Lünenborg, Expertin für Geschlechterforschung. Dass die Nachrichten von Köln dieses unterschwellige Wissen aktivieren und lebendig machen, ist für sie nur natürlich.

Übergriffe gab es auch schon vor der Nacht in Köln, zum Beispiel auf dem Oktoberfest, wie Maja Wegener von Terre des Femmes sagt. Das Ausmaß der sexuellen Übergriffe wie in Köln aber ist neu. Bestimmte Begriffe in der medialen Debatte können das Gefühl einer Bedrohung noch verstärken. „Bilder also, die an Naturereignisse erinnern, wie Wellen, Massen, Fluten, die bedrohliche Eindrücke provozieren, werden da gezielt genutzt“, sagt Lünenborg. Ein Artikel im Frauenmagazin „Emma“ beschrieb die Nacht als eine, in der „Männer in großen Rudeln über Frauen herfallen“. Auch die Verbreitung eines aus dem Kontext gerissenen Tipps der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Fremde eine Armlänge von sich wegzuhalten (siehe unten), schürt Misstrauen. Und natürlich die Täterbeschreibung. Über die Männer in Köln berichten Augenzeugen und Opfer, sie seien dem Aussehen nach größtenteils „nordafrikanischer“ oder „arabischer“ Herkunft.

Die Vorstellung, dass eine Frau von einem ihr unbekannten Mann überfallen und vergewaltigt wird, ist weit verbreitet – als reale Taten. Experten zufolge ist sie eher die Ausnahme. Nach Köln geht es nun nicht nur um den bloß Unbekannten, es geht um den Fremden. Die Beschreibung „nordafrikanisch“ nutzen Rechte für Propaganda gegen Ausländer und Migranten. Vorverurteilungen haben Hochkonjunktur. Die Furcht vor dem Fremden als hemmungsloser Vergewaltiger ist ein mächtiges Vorurteil. Berechtigt ist es nicht. Das Muster des sexlüsternen Fremden ist alt, und Rassisten nutzen es für Angstmacherei, wie der Politikwissenschaftler Hajo Funke sagt. „Vieles davon ist auch eine Projektion: Man ist selbst auf Gewalt aus, auf Geld oder auf Sex, und schiebt es auf den anderen. Das macht es so infam.“

In Wirklichkeit sei es eher der verdruckste Onkel, der die Nichte missbraucht, sagt der Sexualforscher Jakob Pastötter. „Das Fremde wirkt feindlich, in der irrigen Vorstellung, dass außen die sexuellen Gefahren lauern.“

„Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer schreibt über die Täter, noch bevor sie bekannt sind: „Die Mehrheit sind Flüchtlinge von gestern bzw. Migranten und ihre Söhne. Die träumen davon, Helden zu sein wie ihre Brüder in den Bürgerkriegen von Nordafrika und Nahost – und spielen jetzt Krieg mitten in Europa.“

Die konservative CDU-Politikerin Erika Steinbach hielt einst die Aufschrei-Debatte über Alltagsseximus für übertrieben und twittert nun nach Köln, Frauen könnten sich immer häufiger „nicht mehr an jeden Ort zu jeder Zeit wagen“. Sie schreibt sich Frauenrechte auf die Fahnen, wie schon in der Asyldebatte.

Damals konterte die junge Feministin Margarete Stokowski: Steinbach sorge sich nur vermeintlich um Frauenrechte: „Nun gibt es konservative und rechte Politiker_innen, die Frauenrechte instrumentalisieren, um gegen den Islam Stimmung zu machen, nicht erst seit gestern.“

Dass die sexuellen Übergriffe in Köln an vermeintlich sicheren Plätzen stattfanden und von vielen Männern gleichzeitig ausgingen, wird laut Frauenrechtlerin Wegener Einfluss haben auf die Ängste von Frauen – und zwar größeren als die Täterbeschreibung. Einen 100-prozentigen Schutz vor sexueller Gewalt gebe es nicht, sagt Wegener.

Um zumindest die Furcht vor dem fremden Vergewaltiger abzubauen, sieht der Kulturwissenschaftler Michael Bongardt nur einen Weg: Einzig die Berührung mit dem Fremden könne verhindern, dass Abgrenzung in Hass umschlägt. 
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Immer mehr Betroffene

Mehr als 150 Anzeigen

Meinung –
Fast eine Woche nach den massiven Übergriffen auf dutzende Frauen in Köln und Hamburg wird das Ausmaß der dramatischen Silvesternacht bekannt: Inzwischen wurden in Köln mehr als 100 Anzeigen erstattet, in Hamburg über 50. Dutzende Frauen sollen ausgeraubt oder belästigt, zwei vergewaltigt worden sein. Drei Viertel der Anzeigen haben laut Polizei einen sexuellen Hintergrund. Die Kölner Polizei hat zwar eine erste Spur, verhaftet wurde aber bis gestern noch niemand.

Vor allem die Polizei sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie zu spät auf die aggressive Menschenmenge vor dem Kölner Hauptbahnhof reagiert haben soll und erst zwei Tagen nach den Übergriffen über die Vorfälle informierte. Dabei waren nach ihren Angaben am Silvester auf dem Platz vor dem Bahnhof in Köln zahlreiche Frauen im Getümmel sexuell bedrängt und beklaut worden.

Wegen des Ausmaßes lässt Justizminister Heiko Maas (SPD) prüfen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen den Taten in Köln und Hamburg. „Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein,“ sagte Maas. „Es wäre schön, wenn das keine Organisierte Kriminalität wäre, aber ich würde das gerne mal überprüfen, ob es im Hintergrund Leute gibt, die so etwas organisieren.“ So etwas geschehe nicht aus dem Nichts, es müsse jemand dahinterstecken. Hamburger Ermittler gehen bislang nicht von Verbindungen aus. Nahe der Reeperbahn wurden Frauen Silvester von mehreren Männern umringt und begrapscht.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bemängelte den Einsatz der Kölner Beamten: „Da wird der Platz geräumt – und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten.“  
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Interview

Nach sexuellen Übergriffen Hilfe suchen

Meinung – Redaktion svz.de
Bianca Biwer von der Opferhilfeorganisation Weisser Ring meint: Scham und Hilflosigkeit sollten niemanden davon abhalten, sich Hilfe zu suchen.

Wie gehe ich vor, wenn ich sexuell belästigt wurde?

Opfer sollten jede mögliche Hilfestellung in Anspruch nehmen, die sie brauchen, um mit der Situation besser umgehen zu können, sagt Biwer. Sich Hilfe zu holen, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Oft hilft es schon, mit jemand Vertrautem zu sprechen. Betroffene können sich aber auch an eine Hilfsorganisation wenden oder zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. „In einer wirklich brenzligen Situation oder unmittelbar nach der Tat sollte die Notrufnummer 110 gewählt werden, um den Kontakt mit der Polizei herzustellen.“

Was lohnt sich, zur Anzeige gebracht zu werden?

„Was hier zählt, ist die Perspektive des Opfers“, betont Biwer. „Fest steht: Wenn eine Anzeige für ein Opfer einen Ausweg aus einer Notlage darstellt, dann sollte dieser Weg auf jeden Fall auch gegangen werden.“ Stillschweigen aus einem Gefühl der Scham heraus sei keine Lösung.

Müssen Betroffene bei der Polizei Beweise vorbringen?

„Die Polizeibeamten arbeiten nach dem Glaubwürdigkeits-Prinzip“, erklärt Biwer. Das bedeutet: Sind die Aussagen der Geschädigten für die Beamten glaubwürdig, reicht das aus. „Das Opfer ist darüber hinaus in keiner Vorzeigepflicht.“ Danach stellen die Beamten meist möglichst konkrete Fragen. Für viele Frauen ist das unangenehm. Biwer sagt aber, die Polizei arbeite mit dem nötigen Gespür dafür, wann ein Opfer an seine Grenzen stößt.

Sollte ich zur Polizei jemanden mitbringen?

„Manche Opfer ziehen es vor, alleine zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten“, sagt Biwer. In anderen Fällen brauchen sie den Halt und die Sicherheit einer begleitenden Vertrauensperson. „Auf jeden Fall sollte ein Opfer nicht in die ein oder andere Richtung von einem potenziellen Begleiter gedrängt werden.“

Kann ich bei der Polizei verlangen, mit einer Frau zu sprechen?

„Ja, natürlich ist es prinzipiell möglich, von Frau zu Frau zu sprechen“, sagt Biwer. Eine Garantie gibt es aber nicht.



Das bundesweite Opfer-Telefon des Weißen Rings ist unter der Rufnummer 116 006 täglich von 7 bis 22 Uhr erreichbar.



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