Streitbar : Angriff auf die Selbstbestimmung

<p>Grenzüberschreitung: Der Schutz der Nichtraucher ist richtig – aber was ist mit der gesundheitlichen Selbstbestimmung der Raucher? </p>
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Grenzüberschreitung: Der Schutz der Nichtraucher ist richtig – aber was ist mit der gesundheitlichen Selbstbestimmung der Raucher?

Immer häufiger soll der Staat regeln, wie die Menschen leben sollen. Wo aber bleibt das Recht auf den eigenen Willen, fragt Jan-Philipp Hein.

svz.de von
23. September 2017, 16:00 Uhr

Ist Rauchen schädlich? Na klar. Die Frage stellt sich nicht ernsthaft. Ist es deshalb angezeigt, Nichtraucher zu schützen? Ja. Die Antwort auf diese Frage liegt ebenfalls auf der Hand. Natürlich war es richtig, in Flugzeugen, bei der Bahn, im öffentlichen Nahverkehr, in Büros und Behörden flächendeckend Rauchverbote einzuführen und konsequent durchzusetzen.

Doch irgendwann wurde aus dem Nichtraucherschutz ein Eingriff in die individuelle Selbstbestimmung. Vor rund zehn Jahren begann ein Bundesland nach dem anderen, mehr oder weniger rigorose Rauchverbote für die Gastronomie zu erlassen. Dabei sind Kneipen und Restaurants nur halböffentliche Räume. Die Wirte tragen dort das geschäftliche Risiko, nicht der Staat. Niemand ist gezwungen, sie zu besuchen. Und wer argumentiert, dass die Kellnerinnen und Kellner Anspruch auf einen rauchfreien Arbeitsplatz hätten, kann sich auch gerne noch Gedanken machen, wie er dieses Ansinnen auf die Schwerindustrie überträgt. Oder auf die Berufsfeuerwehr. Oder andersrum: Wer in der Gastronomie arbeitet, weiß, worauf er sich einlässt.

Der Nichtraucherschutz ist im Kern eine gute und richtige Idee. Doch die Nichtraucherschutzlobby hat sich schrittweise radikalisiert und ihr Anliegen jakobinisiert. Es geht schon lange nicht mehr um Schutz, sondern darum, das Rauchen insgesamt auszumerzen. Mit stetig steigenden Abgaben auf Tabakwaren soll Kunden das Vergnügen verleidet werden. Wo das nicht ausreicht, schrecken die Aktivisten auch vor der Stigmatisierung der Raucher nicht zurück. So wurden aus ihnen bedauernswerte Kreaturen, die nicht über die nötige Willensstärke verfügen, um aufzuhören. Bevormundung in Form eines Verbots ist in diesen Fällen nur logisch und zwingend geboten. Denn wer raucht, so wird suggeriert, hat sich manipulieren lassen – von seiner Gang oder der Werbung. Eine freie Entscheidung eines mündigen Bürgers steht nach dieser Logik jedenfalls nie hinter dem Griff zur Zigarette.

Dass es aber eben nicht um die Gesundheit geht, zeigt die Doppelmoral, die in Verbotsdingen herrscht. Hochwertige Weine, Edelspirituosen (Billigbier freilich nicht) und Extremsport, die durchaus Abhängigkeits- und Gesundheitsrisiken bergen, werden nicht hinterfragt. Hier gelten Konsumenten und Aktive als Genussmenschen oder gar Ausdauerhelden. Nach den Rauchern sind übrigens bald auch die Konsumenten von Süßwaren fällig: „Zucker ist der neue Tabak“, sagte die Grünen-Politikerin Renate Künast einst. Foodwatch, eine Art Vorfeldorganisation der Partei, fordert nicht erst seitdem die Lebensmittelampel auf jeder Nahrungsmittelverpackung. Von dort ist der Weg zu Schockbildchen auf Gummibärtüten nicht mehr allzu weit.

Wir haben es bei den als Verbraucher- und Gesundheitsschützern getarnten Aktivisten mit Utopisten zu tun. Es geht ihnen nicht nur um eine bessere Welt. Das wäre ja noch völlig in Ordnung. Es geht ihnen um einen besseren Menschen. Einen, der nicht sündigt, nicht vom Pfad der Tugend abkommt und der Volksgemeinschaft ein leuchtendes Vorbild sein kann. Fit und schlank, kerngesund und belastbar.

Das Problem mit Utopisten: Sie neigen zum Totalitarismus. Wer sich nicht in ihre Visionen fügen will, bedroht und zerstört das kollektive Idyll. Und die utopische Vision kennt keine Grenzen, das ist ihr Wesenskern. Das Paradies ist bekanntlich ein Zustand vollkommener Reinheit. Deshalb eskaliert der Schutzgedanke und transformiert sich im Kopf des Utopisten in die Verbotsmaxime. Es kann deshalb keinen pragmatischen Umgang mit diesen Bedrohungen geben. Sie müssen ausgeschaltet werden. Total.

Deshalb kann es auf dem Weg zum besseren Menschen nicht beim Rauchverbot in der Gastronomie bleiben. Bald werden auch Straßen und Plätze ins Visier geraten. Danach kommen Fett und Zucker und später Koffein und Billigalkohol dran – die feine Hanglage des Edelrieslings für 15 Euro die Flasche aufwärts dürfte verschont bleiben, da – ganz klar – die positiven Eigenschaften das bisschen Alkohol eindeutig überwiegen.

Jeder Schritt im Sinne der Menschen- und Menschheitsoptimierer wird unseren Alltag ein Stück weit näher an den Zustand der völligen Reinheit bringen. Die aseptische Traumwelt von Renate Künast, Foodwatch & Co. ist eine Mischung aus Bioladen, Reformhaus und homöopathischem Arzneimittelschrank. Wer auf diese Vision steht (und sie sich auch mit dem eigenen Einkommen finanzieren kann), sollte sich eine Wohnung in Hamburg-Eimsbüttel, in Berlin-Mitte oder Prenzlauer Berg, im Münchner Glockenbachviertel oder im Bremer Ostertor nehmen. Denn dort leben die Vordenker dieser Utopie, die sich allerdings schon lange nicht mehr damit begnügen, nur sich selbst zu bekehren.

Es wird viel gerätselt, was zu dem geführt hat, was landläufig als Entfremdung zwischen einfachen Leuten und der Elite bezeichnet wird. War es die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die angeblich unisono von den Leitmedien positiv kommentiert wurde? Oder ist es die angebliche „Sozialdemokratisierung der Union“, die dem einfachen Konservativen vom Land und aus strukturschwachen Regionen keine Wahl mehr abseits der sogenannten „Alternative für Deutschland“ lasse?Vielleicht.

Über eine Variante wurde noch nicht besonders intensiv nachgedacht: Was, wenn es die Übergriffigkeit der urbanen und meinungsmachenden Milieus ist, die die einfachen Leute abseits der Metropolen in den Widerstand treibt? Wer seine Kinder und sich selbst gerne keim- und versuchungsfrei durchs Leben bringen möchte, kann das gerne tun. Doch die urbanen Lebensgewohnheiten werden mittels Gesetzen und Verordnungen auch denen aufgenötigt, die es lieber derb, dreckig und verraucht haben möchten. Denen kommen die Flüchtlinge vielleicht gerade recht, um mal etwas Dampf abzulassen.

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