Rassistisches Motiv : Angriff auf Afrikaner erschüttert Italien

Italienische Kriminaltechniker fotografieren einen Tatort in Macerata.  /ANSA/AP/dpa
Italienische Kriminaltechniker fotografieren einen Tatort in Macerata.  /ANSA/AP/dpa

Ihre Hautfarbe war entscheidend. Danach wählte ein Schütze seine Opfer im italienischen Macerata aus. Der rassistische Angriff auf sechs Afrikaner trifft Italien einen Monat vor der Wahl ins Mark.

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04. Februar 2018, 15:19 Uhr

Die Schüsse auf sechs Afrikaner in der Kleinstadt Macerata haben in Italien Entsetzen und Furcht vor weiterer Gewalt ausgelöst. Der mutmaßliche Schütze handelte nach Informationen der Behörden aus rassistischen Motiven.

«Das einzige Element, das die Verletzten miteinander verbindet, ist ihre Hautfarbe», sagte der italienische Innenminister Marco Minniti. Der 28-jährige Italiener, der verdächtigt wird, die Schüsse abgegeben zu haben, zeige keine Reue, berichteten italienische Medien am Sonntag unter Berufung auf die Ermittler.

Zwei Stunden lang hatte der Schütze am Samstag Macerata in der Region Marken in Angst und Schrecken versetzt: Aus einem Auto gab der Mann an verschiedenen Orten der Stadt Schüsse ab und verletzte sechs Menschen aus Gambia, Nigeria, Ghana und Mali. Einige von ihnen wohnen schon länger in Italien, andere sind Asylbewerber, wie ein Polizeisprecher der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Der Zustand eines Verletzten war kritisch, ein anderer wurde bereits aus dem Krankenhaus entlassen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Tatverdächtigen vor, aus rassistischen Motiven ein schweres Blutbad angerichtet zu haben. Geschossen haben soll er auch auf Gebäude - unter anderem auf den Sitz der sozialdemokratischen Regierungspartei.

«Ich habe mir nie vorstellen können, dass der Bürgermeister dieser Stadt eines Morgens, aus dem Nichts, (...) dazu aufruft, im Haus oder in den Schulen zu bleiben, weil ein Geistesgestörter auf der Straße unterwegs ist und schießt», schrieb Adrián N. Bravi in der Zeitung «La Repubblica». «Es ist die Stadt, in der ich jeden Tag lebe, in einem Italien, das ich nicht mehr wiedererkenne.»

Der Angriff trifft Italien mitten im Wahlkampf - die Gemüter sind einen Monat vor den Wahlen am 4. März ohnehin erhitzt. Mit klaren Positionen gegen Einwanderer machen rechte Parteien wie die Lega Stimmung gegen Migranten und haben Aufwind bekommen. Der Großteil der im Mittelmeer Geretteten wird nach Italien gebracht. 2017 waren es mehr als 119 000 Menschen. Regierungschef Paolo Gentiloni appellierte am Samstag an die Vernunft der Parteien im Wahlkampf und warnte vor einer Gewaltspirale. «Hass und Gewalt werden es nicht schaffen, uns auseinanderzutreiben.»

Doch Lega-Chef Matteo Salvini nahm den Angriff zum Anlass, um der Regierung erneut Fehler in der Flüchtlingskrise vorzuwerfen. «Wer sich irrt, muss zahlen. Die unkontrollierte Einwanderung führt zu Chaos, zu Wut», twitterte er. In der rechtspopulistischen Zeitung «Libero» war zu lesen: «Schließen wir die Grenzen - ansonsten wird das nur der Anfang sein. (...) Es war klar, dass früher oder später jemand gegen die Invasion der Afrikaner rebelliert.»

Politiker wie Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi forderten, den Vorfall in Macerata aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Angemessen seien nun «Ruhe und Verantwortung», schrieb der Sozialdemokrat auf Facebook. Gleichzeitig ließ er wissen, der Verdächtige habe im vergangenen Jahr für die Lega Nord auf kommunaler Ebene kandidiert.

Anti-Mafia-Schriftsteller Roberto Saviano kritisierte Renzi und den Spitzenkandidaten der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, Luigi Di Maio, für ihre Appelle zur Ruhe. Er forderte, beim Namen zu nennen, was am Samstag in Italien passiert sei: «ein terroristischer Akt».

Der Verdächtige soll einen «rechtsextremistischen Hintergrund mit klaren Bezügen zum Faschismus und zum Nazismus» und allein gehandelt haben, sagte Minniti. Als die Carabinieri den 28-Jährigen am Samstagmittag festnahmen, hatte sich dieser in eine italienische Flagge gehüllt. In seinem Auto wurde eine Pistole gefunden. Medienberichten zufolge wurde der Mann an einem Denkmal für gefallene Soldaten gestellt, wo er zuvor einen faschistischen Gruß gezeigt habe. Die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete, in seiner Wohnung sei Hitlers «Mein Kampf» beschlagnahmt worden.

Der 28-Jährige soll bei seiner Vernehmung laut Ansa gesagt haben, unmittelbar vor der Tat im Radio erneut von der Ermordung einer 18-Jährigen gehört zu haben. Die Tat hatte Macerata vor wenigen Tagen erschüttert. Ein Nigerianer soll es gewesen sein und die zerstückelte Leiche in zwei Koffern versteckt haben. Er sitzt in Untersuchungshaft - in dem Gefängnis, in dem seit Sonntag auch der mutmaßliche Schütze ist.

«Ich bin hier nur wegen meiner Hautfarbe gelandet», zitierte «La Stampa» einen 25-jährigen Nigerianer, der verletzt im Krankenhaus liegt. «Das ist nicht fair, wir sind Menschen wie alle anderen.» Die einzige Frau, die verletzt wurde, sagte dem Blatt: «Die Wunde, die mich zum Weinen bringt, sieht man nicht (...). In mir drin sieht es viel schlimmer aus, als es von Außen scheint», sagte die 29-Jährige.

«Vielleicht ist es das erste Mal in unserer jüngeren Geschichte, dass auch bei uns der Alptraum des rassistischen Terrors wahr wird», kommentierte der «Corriere della Sera». Es sei ein Fehler gewesen, dass Hassreden in Italien bislang als übliche Form der kulturellen und politischen Polemik ohne allzu große Bedenken akzeptiert wurden.

Von Amnesty International hieß es, es bleibe zu hoffen, dass sich von nun an jeder darüber bewusst sei, welche Worte er benutze und was für einen Effekt sie haben können. Der Präsident der Organisation in Italien sagte laut Mitteilung: «Leider verheißt das Klima des Hasses, das vor der Wahl im Land zirkuliert, nichts Gutes.»

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